In Glas gehaucht

Tausende wirbellose Meeresbewohner bildeten zwei böhmische Glasbläser, Vater und Sohn Blaschka, im späten 19. Jahrhundert zu naturkundlichen Studien nach. Neben der unwirklichen Schönheit sind die Artefakte bis heute ein Schatz für die Meeresbiologie

Leopold Blaschkas Karriere begann IN einer Flaute. 1853 war der 31-Jährige auf dem Atlantik Richtung Amerika unterwegs. Doch auf Höhe der Azoren ging es tagelang nicht weiter. So blieb dem Goldschmied und Glasbläser aus Böhmen viel Zeit, das Meer zu beobachten. Dabei entdeckte er seine Begeisterung für die Vielfalt alles Lebendigen und insbesondere der marinen Fauna.

Zurück in Europa, erreichte ihn die Anfrage eines Zoologen, ob er für ein Aquarium Seeanemonen aus Glas herstellen könne, die beständiger waren als echte Tiere. Leopold Blaschka hatte bereits Erfahrung in der Glasproduktion von Blumen; außerdem fertigte er Glasaugen für medizinische Zwecke an. Doch den Durchbruch brachte die nun beginnende Beschäftigung mit wirbellosen Tieren, die im Meer lebten: Quallen und Seeschnecken, Seeanemonen, Seegurken und was der Ozean sonst noch an Wirbellosen zu bieten hatte. Diese Tiere ließen sich kaum im Original konservieren, wenn Wissenschaftler sie von ihren Expeditionen mitbrachten. Umso gefragter waren die Glasobjekte.

Als Leopold Blaschka um 1870 seinen ersten Katalog mit marinen Invertebraten, Wirbellosen, aus Glas veröffentlichte, bekam er einen Assistenten: seinen 1857 geborenen Sohn Rudolf. Er blieb das einzige Kind der Familie, die nach Rudolfs Geburt nach Hosterwitz bei Dresden zog. Mit 19 Jahren stieg Rudolf Blaschka als offizieller Partner ins Geschäft seines Vaters ein. Bis 1890 bildeten sie gemeinsam marine Wirbellose aus Glas nach und verkauften diese in alle Welt. Abnehmer fanden sie in Schulen, Universitäten und Naturkundemuseen. Das Geschäft lief gut, da die Blaschkas nicht nur exzellent mit Glas, sondern ebenso geschickt mit kaufmännischen Belangen umgehen konnten. Zudem kam ihnen das im späten 19. Jahrhundert aufkommende Interesse an der Naturkunde zugute. Die Glasobjekte galten als die beste Möglichkeit, die marine Invertebratenfauna ohne aufwendige Exkursionen zu erforschen.
Der gute Ruf der Objekte war ihrer enormen Genauigkeit geschuldet. Bis ins Detail ähnelten sie den Originalen. Als Vorlagen dienten den Blaschkas vor allem Zeichnungen aus Lehrbüchern. Außerdem standen sie in stetem Austausch mit angesehenen Wissenschaftlern wie Ernst Haeckel.

1890 schwenkten die Blaschkas jedoch um. Sie nahmen den Auftrag eines Botanikers der Harvard University an, exklusiv mehr als 4000 verschiedene Pflanzen aus Glas herzustellen. Fünf Jahre später starb Leopold Blaschka. Trotz intensiver Bitten von Wissenschaftlern kehrte sein Sohn Rudolf bis zu seinem Tod 1939 nicht zu den zoologischen Arbeiten zurück.
Heute sind die Glasinvertebraten weltweit verstreut. Die größte Sammlung mit etwa 570 Objekten besitzt die Cornell University, ge- folgt vom Harvard Museum of Comparative Zoology. Weitere befinden sich zum Beispiel in der Berliner Humboldt-Universität, dem Naturkundemuseum in London sowie der Universität Wien.

Die Meeresbiologin und Glasrestauratorin Elizabeth R. Brill war an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, verantwortlich für die Restaurierung der Blaschka-Objekte. Sie ist Autorin des Buchs „Sea Creatures in Glass“.

Das Gespräch führte Katrin Blawat.

Frau Brill, Sie sind sowohl Meeresbiologin als auch Kunsthandwerkerin für Glas – eine ungewöhnliche Kombination. Wie kam es, dass Sie und die Blaschka-Objekte vor vielen Jahren zusammengefunden haben?
Ja, das ist tatsächlich ungewöhnlich. An der Universität habe ich meinen Abschluss nicht in Biologie gemacht, sondern in Kunstgeschichte. Meine wahre Liebe aber galt immer dem Meer. Deshalb begann ich, noch während ich studierte, mich auch mit Meeresorganismen zu beschäftigen. Nach dem Examen arbeitete ich mehrere Jahre in Museumsverwaltungen. Ich mochte dieses Umfeld, aber als dauerhafter Job war es trotzdem nichts für mich.

Weil Ihnen das Meer fehlte?
Unter anderem. Deshalb fing ich als Fotografin bei einem Forschungsprojekt über Korallenriffe und deren Ökosystem an. Ich liebte es, die Organismen eines Korallenriffs kennenzulernen. In meiner Freizeit unternahm ich Tauchgänge, um noch mehr über die Wasserlebewesen zu lernen. Ich verbrachte viel Zeit im Meer.

Wie ist das Arbeiten mit Glas in Ihr Leben gekommen?
Darüber hatte ich viel von meinem Vater gelernt, er ist ziemlich bekannt in dieser Szene. Er brachte mir eine Menge bei über die Chemie von Glas und seine Konservierung. Später, während der Arbeit am Korallenriff, nahm ich Kurse in „Lampworking“, also darin, Glas in einer offenen Flamme zu bearbeiten.

 

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No. 142

mare No. 142Oktober / November

Von Katrin Blawat

Die Münchner Journalistin Katrin Blawat, Jahrgang 1982, bewundert die Geduld und Präzision, mit der sich die Blaschkas und später Elizabeth R. Brill den Glasobjekten widmeten. Die Bilder stammen aus den Sammlungen des Corning Museum of Glass und der Cornell Collection of Blaschka Invertebrate Models.

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Vita Die Münchner Journalistin Katrin Blawat, Jahrgang 1982, bewundert die Geduld und Präzision, mit der sich die Blaschkas und später Elizabeth R. Brill den Glasobjekten widmeten. Die Bilder stammen aus den Sammlungen des Corning Museum of Glass und der Cornell Collection of Blaschka Invertebrate Models.
Person Von Katrin Blawat
Vita Die Münchner Journalistin Katrin Blawat, Jahrgang 1982, bewundert die Geduld und Präzision, mit der sich die Blaschkas und später Elizabeth R. Brill den Glasobjekten widmeten. Die Bilder stammen aus den Sammlungen des Corning Museum of Glass und der Cornell Collection of Blaschka Invertebrate Models.
Person Von Katrin Blawat