Folge 7: Work-out auf driftendem Eis

Das Forscherleben an Bord der „Polarstern“ kann körperlich überaus anstrengend sein. Davon weiß eine Klimaforscherin zu berichten

Beim Abenteuer MOSAiC dabei zu sein war für mich ein Traum, seit ich das erste Mal davon gelesen habe, einmalig in einer wissenschaftlichen Karriere. Der vierte Abschnitt ist für mich geprägt von Unsicherheiten und Improvisation. Angefangen hat es bei der Anreise. Ende März habe ich das erste Mal auf gepackten Koffern gesessen, um über Spitzbergen per Flugzeug zur „Polarstern“ zu reisen. Dann kam Corona: Grenzen wurden geschlossen, die Abreise auf „unbekannt“ verschoben. Wochenlang wurde nach Alternativen gesucht, die Zahl der noch kommenden Fahrtabschnitte von drei auf zwei reduziert, Personalplanungen umgeworfen. Einige diskutierten sogar das Ende der Expedition.

Mein MOSAiC-Abenteuer begann mit zwei Wochen Quarantäne im Hotel und drei weiteren Wochen Transit und Wartezeit auf dem Forschungsschiff „Maria S. Merian“ – das Schiff, auf dem ich vor vier Jahren meinen heutigen Ehemann kennen-gelernt habe. Die Zeit, in der wir auf die Ankunft der „Polarstern“ gewartet haben, war für uns als viertes MOSAiC-Team ausgesprochen wertvoll. Wir haben uns und unsere wissenschaftliche Arbeit kennengelernt, Freundschaften haben sich entwickelt, unser junges Team ist zusammengewachsen.

MOSAiC ist meine erste Polarexpedition. Verglichen mit Seereisen in eisfreien Gebieten erfordert diese viel Geduld – nicht gerade eine meiner Stärken. Reisezeiten hängen von den Eisbedingungen ab und sind nicht kalkulierbar, der Einsatz von Geräten erfordert offenes Wasser oder Löcher im Eis, die nicht immer einfach zu bohren sind. Messungen auf dem Eis müssen präzise vorbereitet sein, da man nicht eben in die Werkstatt gehen kann, um fehlendes Werkzeug zu holen. 

Trotzdem oder gerade deswegen ist meine Zeit auf der „Polarstern“ aufregend. Innerhalb einer Woche habe ich das erste Mal Eisbären in freier Wildbahn gesehen, bin im Helikopter geflogen, stand das erste Mal auf arktischem Meereis, habe mit meinem Team ein Loch durch zwei Meter dickes Eis gebohrt und nach stundenlanger Arbeit in die absolute Dunkelheit des Ozeans gesehen. Messungen vom Eis statt vom Schiff durchzuführen ist ein unbeschreibliches Gefühl – die weiten Eisflächen und die Ruhe abseits des Schiffes sind eine andere Welt, völlig abgeschieden von der Hektik des Alltags. 

Unser Fahrtabschnitt ist anders als die vorherigen. Durch die schnelle Drift dieses Jahr ist die MOSAiC-Scholle schon weit  südlich, wir kommen der Eiskante näher. Deswegen haben wir den Aufbau jetzt mobiler gestaltet und die Infrastruktur leicht gehalten, um sie schnell verlegen oder abbauen zu können, wenn es nötig wird. Das erfordert viel Improvisation. 

Trotzdem funktioniert nicht immer alles. Neben unseren regelmäßigen Messungen verwenden wir viel Zeit und Energie auf die Suche und Bergung von Messinstrumenten, die auf vorherigen Abschnitten im Eis verankert wurden, sich aber inzwischen auf Schollen befinden, die nicht mehr mit unserer „Hauptscholle“ verbunden sind. Diese Bergungsaktionen sind körperlich anstrengend. Kettensägen, Eisbohrer und anderes schweres Gerät müssen mit Schlitten durch tiefe Schmelztümpel und über Felder kleiner, zerbrochener Schollen oder mit selbst gebauten Katamaranen über offenes Wasser transportiert werden. Allein die Anreise dauert oft mehrere Stunden, gefolgt von weiteren Stunden Bergungsarbeiten, bei denen Tonnen von Eis per Hand bewegt werden – nur um dann manchmal festzustellen, dass die Instrumente an der Unterseite der Verankerungsgestelle durch Eisdruck abgerissen wurden und wir mit leeren Händen zur „Polarstern“ zurückkehren müssen. 

Aber trotz mancher Fehlschläge und anstrengender und langer Arbeitstage ist MOSAiC eine wundervolle Erfahrung. Der Zusammenhalt und die unglaubliche Hilfsbereitschaft des ganzen Teams sind der Schlüssel für unsere erfolgreiche Arbeit. Ich bin dankbar, dass ich ein Teil dieses Abenteuers sein kann. 

No. 141

mare No. 141August / September

Von Kirstin Schulz und Morven Muilwijk

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Person Von Kirstin Schulz und Morven Muilwijk
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