Ein Globus geht auf Reisen

Er war ein Weltwunder des 18. Jahrhunderts, der riesige Globus von Gottorf. So einzigartig, dass der Zar ihn unbedingt wollte – und bekam

Als erstes musste die Wand eingerissen werden. Das Loch in der Friedrichsburg im Barockgarten des Gottorfer Schlosses war weithin zu sehen. Nur so konnten die Arbeiter, koordiniert vom Schleswiger Zimmergesellen Christopher Dehio, die riesige Kugel herausschaffen und langsam abseilen. Dehio hatte den Auftrag, sie, in einer Holzkiste verpackt, zur Anlegestelle an der Schlei zu bringen und auf einer Reise zu begleiten, die länger als drei Jahre dauern sollte. Allein die Vorbereitungen hatten sich drei Monate hingezogen.

Es galt, einen Globus zu verschicken, einen Koloss von drei Meter und elf Zentimeter Durchmesser, drei Tonnen schwer. Die Transportkiste hatte eine Kantenlänge von knapp vier Metern, in einer zweiten wurde die Mechanik verpackt, die ihn in Drehung versetzt. Ziel der Reise: Sankt Petersburg. Was heute schon ein stattlicher Schwertransport wäre, war damals, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, ein logistischer Kraftakt. Am Ende würde der Schleswiger Sternenhimmel in Sankt Petersburg zu sehen sein. Der steckte nämlich im Inneren des Globus. 

Der Dreißigjährige Krieg war gerade vorüber, als Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf bei dem Gelehrten Adam Olearius ein besonders prestigeträchtiges Werk in Auftrag gab: einen Globus, groß genug, ihn zu betreten, von außen mit einer Karte der bekannten Landmassen bemalt, innen mit einer prunkvoll illustrierten Darstellung des Sternenhimmels und der Sternbilder. 

1650 zeichnete Olearius erste Entwürfe. Er delegierte die Arbeiten im Stil eines modernen Projektleiters, engagierte Büchsenmacher, Platten- und Kupferschmiede, Uhrmacher, Kupferstecher, Rüstmeister, Orgel- und Mühlenbauer. Olearius legte den Globus als Spantenkonstruktion aus geschmiedetem Eisen an. Die Zwischenräume fachte er mit Holz aus. Innen und außen verkleidete er die Kugel mit Kupferplatten und beklebte sie mit Leinwand, damit sie sich besser bemalen ließ. Infolge des Dänisch-Schwedischen Krieges verzögerte sich die Fertigstellung bis 1664. 

Durch eine Luke auf der Südhalbkugel konnte man sich in den Globus zwängen, zwölf Personen fanden auf einer rundlaufenden Bank Platz. Ein Wasserantrieb ließ den Himmel synchron mit der Erdrotation in 24 Stunden einmal um die Zuschauer kreisen. Zumindest war das vom Erfinder so gedacht. Es ist unklar, ob der Wasserantrieb je funktioniert hat. Nötig war er jedenfalls nicht, konnte der Hausherr den Globus doch mithilfe einer kleinen Handkurbel in Drehung versetzen und sich nebenbei vor seinen Gästen – Fürsten, Gelehrten und Studenten – als Herrscher über den Himmel und den Lauf der Sterne inszenieren. Ein solches Spektakel gab es sonst nirgends auf der Welt zu bestaunen.

Der Globus, im Besitz eines kleinen und immer wieder bedrängten Herzogtums, weckte Begehrlichkeiten. Nach einer Niederlage im Großen Nordischen Krieg im Jahr 1713 marschierte Zar Peter der Große als Verbündeter des dänischen Königs Friedrich IV. in Schleswig ein. Aus einem zeitgenössischen Bericht geht hervor, dass sie gemeinsam die Gottorfer Residenz in Augenschein nahmen. „Insbesondere hat Ihre Czar. Majestät der allda befindliche Große Globus so wohl gefallen, daß sie sich auch darin gesetzt und fleißig betrachtet haben.“

Die Technikbegeisterung des Zaren war allgemein bekannt. Zehn Jahre zuvor hatte er Sankt Petersburg gegründet, der Globus würde in der dortigen Wunderkammer einen herausragenden Platz einnehmen. Peter erbat den Globus als Staatsgeschenk. Friedrich IV. hatte nichts dagegen, er besaß selbst einen ähnlich großen Globus, der in Anlehnung an den Gottorfer Globus (niederdeutsch auch „Gottorper Globus“) gebaut worden war und der angeblich sogar Vulkanausbrüche simulieren konnte.

 

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No. 141

mare No. 141August / September

Von Martin Kaluza

Martin Kaluza, Jahrgang 1971, lebt als freier Journalist in Berlin. Er wuchs in der Nähe von Schleswig auf und würde den Globusbesuch jedem als Ausflugsziel empfehlen. Damit ist er nicht der Erste. 1665, zur Gründung der Kieler Universität, pries Professor Caeso Gramm in einer Schrift den Gottorfer Himmels­globus als Hauptattraktion in Kiels Umgebung an.

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Vita Martin Kaluza, Jahrgang 1971, lebt als freier Journalist in Berlin. Er wuchs in der Nähe von Schleswig auf und würde den Globusbesuch jedem als Ausflugsziel empfehlen. Damit ist er nicht der Erste. 1665, zur Gründung der Kieler Universität, pries Professor Caeso Gramm in einer Schrift den Gottorfer Himmels­globus als Hauptattraktion in Kiels Umgebung an.
Person Von Martin Kaluza
Vita Martin Kaluza, Jahrgang 1971, lebt als freier Journalist in Berlin. Er wuchs in der Nähe von Schleswig auf und würde den Globusbesuch jedem als Ausflugsziel empfehlen. Damit ist er nicht der Erste. 1665, zur Gründung der Kieler Universität, pries Professor Caeso Gramm in einer Schrift den Gottorfer Himmels­globus als Hauptattraktion in Kiels Umgebung an.
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