Die Königin der Seawear

Marinehemden, Seemannshosen, Strandpyjamas – Chanel hat die Mode von Ballast befreit und der Frau eine neue Silhouette verliehen, inspiriert vom frischen Wind der See

Da steht sie also, Mademoiselle Coco Chanel, am blütenweißen Lido von Venedig. Sommer 1930, sie ist 47 Jahre alt. Der Herzog von Laurino, ein berüchtigter Dandy, mit dem sie sich Sekunden zuvor gewiss noch einen Flirt geleistet hat, schaut sie intensiv an, seine Hand umklammert besitzergreifend die ihre. Cocos Blick aber sucht das Auge der Kamera. Sieh mich an!, befiehlt ihr Lächeln: Bin ich nicht atemberaubend?

Und das ist sie. Wäre es heute genauso wie damals. Zumal an einem Ort wie diesem. 

Der öffentliche Strand, lud er nicht immer schon ein zum Fauxpas? Hatte das Badekostüm einmal die komplizierte Aufgabe zu bewältigen, befreiend, aber nicht enthüllend zu sein, so lässt die große Masse heute mitsamt der Garderobe auch ihr Feingefühl fahren. Allzu knappe Tangas, wogende Bierbäuche, großflächige Sonnenbrände, besoffene Augen hinter Plastiksonnenbrillen – Strände sind gepflastert mit Stilsünden. Gabrielle „Coco“ Chanel jedoch war, zumindest in dieser Hinsicht, unschuldig.

Auf dem berühmten Lido-Bild von „Time Life“ trägt sie ihren Signaturlook in Schwarz und Weiß. Von oben nach unten: Matrosenhut, langärmeliges Jerseyshirt, um den Hals eine mehrreihige Kette falscher Perlen. Dazu die weite, weiße Seemannshose, geschickt auf Taille gebracht, unterm Saum blitzt verführerisch ein blanker Knöchel hervor. Die Barfüße stecken in Espadrilles. Das Outfit ist die Essenz all dessen, was ihre Zeit unter modernem Chic versteht, das weiß sie in diesem Moment genau. Das Jahr 1930 trifft Coco Chanel bereits als erfolgreiche Unternehmerin an – eine Selfmade-Woman entgegen aller Wahrscheinlichkeit, der die illustren Kundinnen aus der Hand fressen.

Ihr erstes Geschäft hat sie 1910 in der Pariser Rue Cambon installiert, im Angebot Hüte. Wie passend, dass sie sich in der strengen Hauptstadt der Mode zunächst einem Accessoire verschrieb, das für Status, Dekor und Schicklichkeit stand. Es brauchte das Meer, das gleichgültige Pulsieren der Wellen und die frische Brise der Normandie, um all das hinwegzupusten. Die Silhouette zum Fließen bringen, das erledigte Coco am „Strand von Paris“: in Deauville, wo sie 1913 mit dem Geld ihres geliebten Arthur „Boy“ Capel einen Modesalon eröffnete.

„Mir ging es nicht darum, zu schaffen, was mir gefiel“, diktierte sie später ihrem Biografen Paul Morand in den Block. „Es ging mir erst einmal darum, zu beseitigen, was mir nicht gefiel.“ 

Und ihr missfiel so einiges.

Die Damen jener Zeit sahen noch aus wie die Törtchen, die in den Pariser Confiserien im Schaufenster prangten. Appetitvoll arrangiert unter Tonnen von Dekor – Borten und Bänder, Schleifen und Stickereien, Wogen von Rüschen und Volants. Der Oberkörper steckte in einem Fischbeinkorsett, der Rock war bodenlang, glockenförmig ausgestellt und überm Gesäß mit Raffungen aufgepolstert. Weder konnte man in diesen kiloschweren Konstruktionen wirklich laufen, noch normal atmen, schon gar nicht leidenschaftlich sein. Eine Frau zu entkleiden, soll Jean Cocteau gestöhnt haben, „ist ein Unternehmen, das der Einnahme einer Festung gleicht“.

Bis heute hält sich die Mär, Coco Chanel habe das Korsett beseitigt. Geniale Marketingstrategin, die sie war, hat sie an dieser Legende selbst eifrig mitgestrickt. Tatsächlich war es Jahre zuvor ihr erbitterter Rivale Paul Poiret gewesen, der die Frauen vom Korsett befreite (und sie wenig später mit dem Humpelrock sogleich wieder einsperrte). Mademoiselle Chanel wiederum betrieb eine viel umfassendere Kunst des Weglassens.

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No. 141

mare No. 141August / September

Von Tanja Rest

Tanja Rest, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, beobachtet die Pariser Laufstege seit Jahren. Zu ihren beeindruckendsten Erlebnissen bei Chanel gehören der Eisberg, der Boulevard der Frauen und der funkensprühende Start der Coco-Rakete.

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Vita Tanja Rest, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, beobachtet die Pariser Laufstege seit Jahren. Zu ihren beeindruckendsten Erlebnissen bei Chanel gehören der Eisberg, der Boulevard der Frauen und der funkensprühende Start der Coco-Rakete.
Person Von Tanja Rest
Vita Tanja Rest, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, beobachtet die Pariser Laufstege seit Jahren. Zu ihren beeindruckendsten Erlebnissen bei Chanel gehören der Eisberg, der Boulevard der Frauen und der funkensprühende Start der Coco-Rakete.
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