Coco – die Männer und das Meer

Keine Inspiration prägte das Schaffen von Gabrielle „Coco“ Chanel mehr als das Meer und die Liebe. Beidem verdankt sie die Einfälle, die sie als Mode­schöpferin und Stilikone unsterblich machten

Wann hat Gabrielle Chanel, genannt Coco, zum ersten Mal das Meer gesehen? Was hat sie dabei empfunden, dabei gedacht? Hätte diese Frau, die nicht nur eine Widerständige war gegen so vieles jener Zeit, in der sie lebte, sondern auch gegen ihr eigenes Leben, ein Bild dazu liefern wollen, ein verklärtes vielleicht, oder gar ein verkaufsförderndes für ihre Kreationen, die oft dem Meer so nahe waren, sie hätte es getan. Sie hat ihre ganze Jugend verschleiert, erdichtet, mythologisiert. 

Der freie Blick auf den Horizont war dabei, so viel steht fest, lange nicht gegeben. Geboren im August 1883, eine Kindheit im südlichen Hinterland Frankreichs, karstige Berglandschaft, die Eltern fahrende Händler, die Mutter früh verstorben. Irgendwann abgestellt im Waisenhaus, erzogen von Nonnen, die in ihren Erzählungen böse Tanten wurden. Den Vater schickte ihre Fantasie nach Amerika, das Schweigen ihrer Brüder hat sie sich in späteren Jahren erkauft. 

Als sie in jugendlicher Schönheit den ersten Mann in ihr Leben ließ, war sie begabte Näherin und wenig talentierte Diseuse in Moulins. Ihre Bühne hatte sie noch nicht gefunden, aber mit Étienne Balsan einen, der sie der gehobenen Gesellschaft näherbrachte. „Niemand kann mit einem engen Horizont leben“, sagte Chanel später. „Ein eingeengter Ausblick erstickt den Menschen. Alles, was ich besaß, als ich meine Auvergne verließ, war ein Sommerkleid aus glänzendem, starrem Stoff mit Einsätzen aus Baumwolle; für den Winter hatte ich ein Kostüm aus Tweed und einen Schaffellmantel, aber mein Kopf schwirrte von Spinnereien.“

Balsan war wohlhabender Zögling eines Textilfabrikanten, ein Pferdenarr, der sich, kaum aus dem Militär entlassen, ein Anwesen im Umland von Paris leistete, mit dem hochtrabenden Namen „Royallieu“. Ein Spielort für seine Pferdezucht, für seine Freunde und ihre Mätressen. Und eine seltsame Heimstatt für Gabrielle Chanel Anfang zwanzig, die dort nicht die Einzige war, mit der sich Balsan vergnügte, gleichwohl als Einzige rittlings und in Hosen über die Wiesen galoppierte. Für Balsan hätte sie nicht mehr werden müssen als das kuriose Accessoire aus der Provinz mit dem unverstellten Wesen und der damals schon mutigen Art, sich anders zu kleiden. Nicht so verrüscht und aufgeputzt wie die Damen, die aus Paris anreisten, um die Herren zur Rennbahn zu begleiten. 

Die Aufmerksamkeit der Damen errang Chanel mit dem natürlichen Talent, ihre Hüte zu verschönern, auch dies mit einer klaren Handschrift, ohne mächtigen Blumen- und Federputz. In der Gesellschaft, in der sie sich bewegte, oder, wie Balsan sich später erinnerte, mit großer Ausdauer faulenzte („Sie blieb bis zum Mittagessen untätig liegen, trank höchstens einen Milchkaffee und las billige Romane“), war der Wunsch, den sie ein paar Jahre später ihrem Gönner gegenüber aussprach, höchst ungewöhnlich: Gabrielle Chanel wollte arbeiten, wollte ein Atelier, einen Laden für ihre Hutkreationen, die die Kokotten, die „Royallieu“ besuchten, mehr und mehr bei ihr in Auftrag gaben. Balsan beging den kapitalsten Fehler, den ein Mann machen kann: Er nahm sie nicht ernst. Gabrielle Chanel quittierte dieses Verhalten mit einer sehr konsequenten Antwort. Sie nahm sich einen anderen.

Die Biografen sind sich uneins über die Farbe, die Arthur „Boy“ Capels Augen hatten, doch es gibt Quellen, die sie blau erstrahlen lassen. Mit einem gewissen Opportunismus möchte man ihnen folgen, auf der Suche nach dem Ozeanischen in Gabrielle Chanels Leben. Und sich gleichzeitig vorstellen, wie sie an der Seite dieses smarten, gut aussehenden Briten, den sie mehrfach als ihre größte, wenn nicht einzige Liebe bezeichnete, zum ersten Mal die glitzernden Wellen des Meeres betrachtete und das Glück einer frischen Brise in ihre Lungen sog. Boy Capel, der sein Vermögen im Kohlebergbau gemacht hatte und stets beflissen daran arbeitete, es zu vergrößern, verstand und unterstützte Chanels Ambitionen. Mit seiner Hilfe eröffnete sie ihren ersten Salon in Paris, bildete ihren Geschäftssinn aus und reiste 1913 mit ihm nach Deauville.

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No. 141

mare No. 141August / September

Von Martina Wimmer

mare-Redakteurin Martina Wimmer hat unzählige Bücher über Coco gelesen, besitzt aber leider kein einziges Stück Chanel. Obwohl sie weiß, dass ein solches in den Schrank jeder Dame von Welt gehört. Gelehrt hat sie das Marianne Faithfull, die ihr einst bei einem Interview im rosa Kostüm gegenübersaß und mit bester Rock-’n’-Roll-Stimme sagte: „Es ist Chanel, my dear, das habe ich mir mittlerweile verdient.“

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Vita mare-Redakteurin Martina Wimmer hat unzählige Bücher über Coco gelesen, besitzt aber leider kein einziges Stück Chanel. Obwohl sie weiß, dass ein solches in den Schrank jeder Dame von Welt gehört. Gelehrt hat sie das Marianne Faithfull, die ihr einst bei einem Interview im rosa Kostüm gegenübersaß und mit bester Rock-’n’-Roll-Stimme sagte: „Es ist Chanel, my dear, das habe ich mir mittlerweile verdient.“
Person Von Martina Wimmer
Vita mare-Redakteurin Martina Wimmer hat unzählige Bücher über Coco gelesen, besitzt aber leider kein einziges Stück Chanel. Obwohl sie weiß, dass ein solches in den Schrank jeder Dame von Welt gehört. Gelehrt hat sie das Marianne Faithfull, die ihr einst bei einem Interview im rosa Kostüm gegenübersaß und mit bester Rock-’n’-Roll-Stimme sagte: „Es ist Chanel, my dear, das habe ich mir mittlerweile verdient.“
Person Von Martina Wimmer