Der Hafen der Argonauten

Poti an Georgiens Schwarzmeerküste ist eine Geburt der Mytho­logie, aber geprägt von den Unbilden der jüngeren Vergangenheit als Hafen einer ehemaligen Sowjetrepublik

Man stelle sich einen kleinen, spindeldürren Jungen vor, fünf Jahre alt, der weder lesen noch schreiben kann und auf einem Tisch steht, neben ihm eine politische Weltkarte. Wir schreiben das Jahr 1987, noch sind wir eine der sowjetischen Teilrepubliken, genauer: Georgien. Der kleine Junge ist von einer Gruppe ziemlich betrunkener Männer umgeben, die jede Antwort, die er gibt, mit lautem Gejohle quittieren – sie fordern ihn auf, ein bestimmtes Land auf der Karte zu finden und die Hauptstadt zu nennen. Er tut, wie von ihm verlangt, ohne zu zögern und zur großen Freude seines Vaters sucht und findet er die gefragten Länder binnen Sekunden und nennt die Namen der Hauptstädte. Ihm unterläuft nicht ein einziger Fehler.

Die Männer vermuten einen Trick, sind davon überzeugt, dass er schummelt – sie halten es für ausgeschlossen, dass der Junge noch kein Russisch kann (die Karten in diesem Land sind russisch beschriftet). Doch der Junge hat ein Geheimnis. Sein Onkel ist Kapitän und hat mit ihm Geografie geübt, kaum dass er sprechen konnte. Er weiß, dass Peru, die Mongolei, Angola, Jugoslawien und Grönland blassviolett sind, China ist ein großer gelber Fleck, Australien ebenfalls, und die längliche gelbe Linie ist Chile. Die große rote Fläche auf der Karte ist die Sowjetunion. Es sind gar nicht so viele Länder auf der politischen Weltkarte, und der Junge hat sie sich alle anhand der Farbe gemerkt. 

Der Junge bin ich, vor 33 Jahren. Mein Onkel, „mein Kapitän“, ist inzwischen tot; es gibt keine Sowjetunion mehr, Georgien hat 1991 die lange ersehnte Unabhängigkeit zurückbekommen, die Karten sind heute georgisch beschriftet. Alles ist anders geworden, nur für die kleine Stadt Poti nicht.

So hätte ich meine Geschichte über Poti beginnen können, aber es gibt so viele andere Möglichkeiten anzufangen, zum Beispiel mit ein paar Fakten. Poti ist eine kleine Stadt mit zirka 50 000 Einwohnern, im sumpfigen Delta gelegen, das der größte Fluss Westgeorgiens, der Rioni, bildet, ehe er in das Schwarze Meer mündet. Georgiens wichtigster Hafen, ein Wirtschaftszentrum. Für diejenigen, die es genau wissen wollen, hier die Koordinaten: 42° 09' N 41° 40' O. Das Klima ist feuchtwarm, subtropisch – ich habe die ersten 17 Jahre meines Lebens dort verbracht und nur wenige Mal Schnee gesehen, Regen dafür reichlich und das ganze Jahr hindurch; das Wetter ändert sich schnell und unversehens, mehrmals täglich kann Sonnenschein von Schauern abgelöst werden, graue Wolken von strahlend blauem Himmel. 

Das alles trifft auf meine Heimatstadt zu, aber so über Poti zu sprechen kommt mir wie Zeitverschwendung vor – Daten und Fakten lassen sich mühelos im Internet finden. Also halte ich mich an das, woran ich mich erinnere.

Man stelle sich einen zwei Jahre alten spindeldürren Jungen vor (ja, das bin wieder ich), der so klein ist, dass er in einer Menschenansammlung nichts sehen kann – das ist genau der Moment, in dem sein Onkel, der Kapitän, ihn packt und in die Luft hebt. Seine Augen leuchten vor Begeisterung, auch wenn er nicht begreift, dass er etwas Außergewöhnlichem beiwohnt. 

Wir schreiben das Jahr 1984, eine Gruppe Engländer ist in den Hafen von Poti eingelaufen, angeführt von Tim Severin, einem berühmten Forscher und Autor. Der war von der fixen Idee besessen, die Seereisen von realen sowie fiktiven historischen Persönlichkeiten nachzuvollziehen. Also baute er ein 16,5 Meter langes Holzschiff, das der „Argo“ nachempfunden war, und segelte mit 20 Freiwilligen 2400 Kilometer von Nordgriechenland über das Schwarze Meer nach Poti, um zu beweisen, dass die sagenumwobene Fahrt Jasons und der Argonauten ins Land Kolchis, eine der spektakulärsten Unternehmungen in der griechischen Mythologie, zumindest stattgefunden haben könnte.

Severin folgte jener Route, die sich im berühmten Epos „Argonautika“ des Apollonios von Rhodos beschrieben findet, das im dritten Jahrhundert vor Christus entstand. Der Mythos vom Goldenen Vlies ist allerdings wesentlich älter. Hier müssen wir kurz innehalten, weil die leidenschaftlichste und bewegendste Frau der griechischen Mythologie die Bühne betritt: Medea. Der Welt ist sie aus der berühmten und noch immer viel gespielten Tragödie von Euripides bekannt. Die Prinzessin von Kolchis, eine berüchtigte Zauberin, verliebte sich in Jason, der mithilfe ihrer Zauberkraft das Goldene Vlies von ihrem Vater, König Aietes, erbeutet. Medeas Liebe zu Jason war so groß, dass sie ihren eigenen Bruder tötete und zerstückelte, die Leichenteile an der Küste verstreute und mit Jason nach Griechenland floh, wo sie ihn schließlich heiratete.

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No. 141

mare No. 141August / September

Von Davit Gabuna und Theodor Barth

Davit Gabunia, Jahrgang 1982, ist einer der wichtigs­ten Literaten Georgiens. Er übersetzte Shakespeare und wurde als Dramatiker mehrfach ausgezeichnet. Sein erster Roman „Farben der Nacht“ erschien im ­Februar auf Deutsch bei Rowohlt.
Fotograf Theodor Barth, geboren 1964, lernte Poti auf ­einer längeren Reise durch Georgien kennen und war gleich fasziniert. Gefördert durch ein Stipendium der VG BildKunst, arbeitete er zwei Jahre an dem Projekt

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Vita Davit Gabunia, Jahrgang 1982, ist einer der wichtigs­ten Literaten Georgiens. Er übersetzte Shakespeare und wurde als Dramatiker mehrfach ausgezeichnet. Sein erster Roman „Farben der Nacht“ erschien im ­Februar auf Deutsch bei Rowohlt.
Fotograf Theodor Barth, geboren 1964, lernte Poti auf ­einer längeren Reise durch Georgien kennen und war gleich fasziniert. Gefördert durch ein Stipendium der VG BildKunst, arbeitete er zwei Jahre an dem Projekt
Person Von Davit Gabuna und Theodor Barth
Vita Davit Gabunia, Jahrgang 1982, ist einer der wichtigs­ten Literaten Georgiens. Er übersetzte Shakespeare und wurde als Dramatiker mehrfach ausgezeichnet. Sein erster Roman „Farben der Nacht“ erschien im ­Februar auf Deutsch bei Rowohlt.
Fotograf Theodor Barth, geboren 1964, lernte Poti auf ­einer längeren Reise durch Georgien kennen und war gleich fasziniert. Gefördert durch ein Stipendium der VG BildKunst, arbeitete er zwei Jahre an dem Projekt
Person Von Davit Gabuna und Theodor Barth