Ein kleines Verbrechen wert

Köstlich wie die Sünde: die Fischbratwurst im Ribnitzer Hafen

Kann ja passieren, dass jemand nächtens Appetit auf eine Ribnitzer Fischbratwurst bekommt. Doch was tun, wenn der einschlägige Verkaufskutter „Elfriede“ längst geschlossen ist? Einen echten Fischbratwurstfan hält das nicht ab. Er steigt über die Reling, knackt die Tür zum Kühlraum und lässt es sich schmecken. Insofern sind die 35 Einbrüche, die der Kutter und sein Besitzer Norbert Willbrandt bislang hinnehmen mussten, eigentlich ein Kompliment.

Willbrandt hat beschlossen, es genau so zu sehen. Denn Willbrandt ist ein Optimist. Allerdings ist seine Fischbratwurst tatsächlich ein kleines Verbrechen wert – zart, doch fest im Biss und mit einem Nachgeschmack wie von Schwarzwälder Schinken. „Da sind alle Fischsorten drin, die wir fangen“, sagt Willbrandt. „Kein Mehl, kein Fleisch, keine Chemie.“ Nur noch ein paar Gewürze, Thymian, Salbei, Paprika und „ein Pfiff Chili“. Am wöchentlichen „Wursttag“ gehen die Fischfinger im 20er-Bündel weg. Wer will, kriegt sie gleich heiß und im Brötchen.

Am 5. Dezember 2016 allerdings stieß Norbert Willbrandts Optimismus an seine Grenze. Da nämlich zog Rauch über die „Elfriede“, und es war nicht jener appetitliche, der üblicherweise jeden Morgen aus der kleinen Räuchertonne an der Pier wabert. Dieser Rauch kam von einem verheerenden Feuer, das Kühlanlage, Wasseraufbereiter und selbst den stählernen Verkaufstresen zu Brei zerschmolz. Das gesamte Oberdeck wurde zum Raub der Flammen.

Willbrandt, so fassungs- wie nunmehr fast mittellos, zudem ohne Versicherung dastehend (die hatte ihm wegen der Einbrüche kurz zuvor gekündigt) und auch schon an die 50, blieb nur der Weg ins Wasser. „Ich entschied mich, weiter zu fischen“, sagt Willbrandt, „und ‚Elfriede‘ sollte wieder aufgebaut werden.“

Das ist ein Glück für Ribnitz-Damgarten, dem gastronomisch eher unauffälligen Städtchen am Saaler Bodden. Denn die Boote der Willbrandts ankern seit Generationen in dem kleinen Hafen. Seit 1872 ist der Betrieb beurkundet, seit ein Willbrandt betrunken auf einem von Hunden gezogenen Fischwagen erwischt wurde. Zehn Pfennig musste er dafür laut Urteil des Amtsgerichts berappen. Wahrscheinlich hatten aber noch ältere Willbrandts schon ihre Reusen und Stellnetze an Fichtenpfählen festgemacht, die sie zuvor selbst geschlagen und an der Scharkante in den Boddengrund getrieben hatten.

Ihr Nachfahre Willbrandt macht es immer noch genauso, nur das Fangbuch von Opa Karl taugt nicht mehr viel. Die darin verzeichneten Schlamm- und Krautbänke, der steinige Untergrund haben sich längst verändert, die Strömungsverhältnisse auch. Enkel Norbert verlässt sich aber sowieso lieber auf seine Ahnung, die garantiert, dass kein Kunde die Pier ohne Fisch verlassen muss. Manche sind Stammkunden, sie kommen aus Hamburg, aus Bremen, aus Berlin, „und sei es nur für fünf Fische“.

Seit August 2018 gehen Fischbratwurst, Bouillon, Backfisch und Frischfisch wieder über den Tresen der „Elfriede“, der jetzt über einen Aluvorbau statt einer Plane verfügt. Überhaupt ist alles neu auf dem Vordeck, bis hin zu den Tischen und Stühlen. „Gleich nach dem Brand stellte jemand eine Spendenbox an den Kai“, erzählt Willbrandt. Da hinein kamen auch die Erlöse des örtlichen Shantychors. Andere halfen mit Sachleistungen, mit einem Kran zum Abriss der verkohlten Reste etwa. Das zweite Fischgeschäft des Ortes verlieh seinen Fischwagen, die Stadt baute eine vorläufige Verkaufshütte hin. Das meiste Geld aber kam vom Fischer selbst, der seine für die Rente gedachten Ersparnisse in die neue alte „Elfriede“ steckte. Die hat jetzt – für den Fall nächtlicher Fanattacken – bessere Schlösser und einen extra gesicherten Kühlraum für Fischbratwürste.


Spickaal, gebacken

Aal war zu DDR-Zeiten der Drei-Farben-Fisch – grün gefangen, braun geräuchert, schwarz verkauft. Er war eine Art Devisenersatz: Ein Kilogramm Aal konnte locker gegen eine Zylinderkopfdichtung getauscht werden. Räucheraal hieß auch Spickaal. Gebackener Spickaal ist ein Rezept, das wahrscheinlich so alt ist wie das  plattdeutsche Land selbst. Nur zu DDR-Zeiten wurde es kaum serviert. Außer vielleicht einem Handwerker, der dafür die Waschmaschine reparierte.

Zutaten (für vier Personen)
600 g Räucheraal, 50 g Butter, Mehl und 2 Eier zum Mehlieren, Salz, Pfeffer, 1 Saftzitrone.

Zubereitung
Den Räucheraal in fingerlange Stücke schneiden, Haut dabei abziehen. Die Stücke längs halbieren und entgräten und mit Zitronensaft, Pfeffer und Salz würzen, in Ei und Mehl wenden. Danach die Aalstücke in heißer Butter von beiden Seiten goldbraun ausbacken. Zum Schluss mit Dillkartoffeln, Salatblättern und Zitronenecken anrichten.

Fischimbisskutter „Elfriede“
Am See 1, Ribnitzer Hafen.
Geöffnet täglich von 9 bis 17 Uhr, Telefon 0151/16715100.

 

No. 140

mare No. 140Juni / Juli 2020

Von Maik Brandenburg und Franz Bischof

Maik Brandenburg, Jahrgang 1962, studierte Journalistik und arbeitet als freier Autor, u.a. für mare, Geo, Merian. Leidenschaftlicher Vater und Reportage-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf der Insel Rügen.

Franz Bischof, in Berlin geboren. Heute lebt und arbeitet er in Hannover wo er sein Fotografiestudium an der Fachhochschule im Jahr 2012 abgeschlossen hat. Seine Schwerpunkte sind Corporate-, Industrie- und Landschaftsfotografie, Reportagen und Portraits. Er wird von „laif - Agentur für Photos & Reportagen“ vertreten.

Mehr Informationen
Vita Maik Brandenburg, Jahrgang 1962, studierte Journalistik und arbeitet als freier Autor, u.a. für mare, Geo, Merian. Leidenschaftlicher Vater und Reportage-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf der Insel Rügen.

Franz Bischof, in Berlin geboren. Heute lebt und arbeitet er in Hannover wo er sein Fotografiestudium an der Fachhochschule im Jahr 2012 abgeschlossen hat. Seine Schwerpunkte sind Corporate-, Industrie- und Landschaftsfotografie, Reportagen und Portraits. Er wird von „laif - Agentur für Photos & Reportagen“ vertreten.
Person Von Maik Brandenburg und Franz Bischof
Vita Maik Brandenburg, Jahrgang 1962, studierte Journalistik und arbeitet als freier Autor, u.a. für mare, Geo, Merian. Leidenschaftlicher Vater und Reportage-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf der Insel Rügen.

Franz Bischof, in Berlin geboren. Heute lebt und arbeitet er in Hannover wo er sein Fotografiestudium an der Fachhochschule im Jahr 2012 abgeschlossen hat. Seine Schwerpunkte sind Corporate-, Industrie- und Landschaftsfotografie, Reportagen und Portraits. Er wird von „laif - Agentur für Photos & Reportagen“ vertreten.
Person Von Maik Brandenburg und Franz Bischof