Geld aus Wasser

In Kanadas Küstenwildnis entsteht die virtuelle Währung Bitcoin

Es gibt zwei dominierende Geräusche in Ocean Falls. Das erste ist der Regen. Mal klingt er wie ein leises Trommeln, mal dumpf, dann so, als falle der Ozean vom Himmel. Ocean Falls ist die regenreichste Gemeinde Nordamerikas, mit 4300 Millimeter Niederschlag im Jahr. Der Regen gehört zur Stadt wie das Grün zum angrenzenden Wald, er war immer da.

Das zweite Geräusch in Ocean Falls, ein Rauschen, ist neu. Es tönt erst seit etwa 20 Monaten in die Stille hinein, monoton und beharrlich. Schon an der Fähranlage ist es hörbar und wird lauter, wenn man sich einem hellblau gestrichenen Gebäude, der stillgelegten Papierfabrik, nähert. Dort, in einem weißen Raum im zweiten Stock, steht der Grund für das Geräusch: 530 Rechner, die versuchen, mathematische Aufgaben zu lösen. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. 530 Server, die heiß laufen und gekühlt werden müssen. Die eingebauten Ventilatoren verursachen den Lärm.

Von einer Seite dringt kalte Außenluft herein und geht über große, an der gegenüberliegenden Wand angebrachte Ventilatoren erwärmt wieder hinaus. Dazwischen zieht die Luft an den Servern vorbei. Vorbei an Kevin Day, 48, einem besonnenen Mann in Jeans und Trekkingschuhen. Mit der Zuversichtlichkeit eines Start-up-Gründers sagt er: „Ich bin an Problemlösungen interessiert.“ Day ist verantwortlich für den neuen Soundtrack der Stadt. Man könnte ihn auch einen modernen Alchemisten nennen. Denn er macht Geld aus Wasser.

Ocean Falls liegt an einem Fjord an der Westküste Kanadas, erreichbar ist es nur über den Wasser- oder Luftweg. Im Winter hindern Nebel und Wind Wasserflieger oft tagelang daran, dort zu landen. Im Sommer zerstechen einen die Bremsen. Es gibt keinen Handyempfang, nur Festnetz. Es gibt kein Restaurant, nur eine Bar. Kaum eine Gegend ist so abgeschieden, rund 30 Menschen leben das Jahr über hier. Wer Alleinsein nicht kann, der lernt es hier.

Das war einmal anders. Vor gut 100 Jahren begann Ocean Falls’ Geschichte als eine der größten Gemeinden und Industrieansiedlungen an British Columbias Küste. Alles tanzte nach der Pfeife der Bella Coola Pulp and Paper Company. Sie produzierte tonnenweise Papier und Zellstoff. Für die nötige Energie aus Wasserkraft sorgte ein Damm, der an einer Engstelle des Fjords gebaut wurde und dessen Kraftwerk 13 Megawatt leistete.

Die Papierfabrik machte Ocean Falls reich und bekannt. In den 1920er-Jahren erhielt die Stadt Kanadas erstes Hallenbad. Straßen aus Holz, Schulen und ein Krankenhaus wurden gebaut. Und in den 1940ern eröffnete hier das drittgrößte Hotel British Columbias, mit Platz für 450 Personen. Damals arbeiteten knapp 1500 Menschen in der Papierfabrik. Die goldenen Zeiten dauerten bis zum Ende der 1960er an, als Ocean Falls fast 5000 Bewohner zählte und das ununterbrochene Dampfen der Papierfabrik Schüler wie Senioren in Sicherheit wiegte.

Das Gefühl der Gewissheit war endlich. Ocean Falls ereilte das Schicksal vieler Orte, die von billigeren Konkurrenten ausgebootet werden. 1973 schloss die privat geführte Papierfabrik, kurz darauf wurde sie von öffentlicher Hand wieder geöffnet, um 1980 für immer dichtzumachen. Vandalismus und Abwanderung folgten. Der Ort verkam zu einer Geisterstadt.

Es ist ein Abend im Jahr 2010, als Kevin Day das erste Mal von Ocean Falls hört. Er sitzt zu Hause in seiner Wohnung im Zentrum von Vancouver und sieht eine TV-Dokumentation über olympische Schwimmer. Ein Drittel des kanadischen Olympiaschwimmteams von 1952 kam aus genau diesem Städtchen, auch der ehemalige Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur, Richard „Dick“ Pound, trainierte hier. Obwohl Day in British Columbia aufgewachsen ist, hatte er zuvor noch nie von dem Ort gehört. Die Dokumentation erwähnt die Fabrik und den Damm. „Ich habe kurz darüber nachgedacht, was man alles mit der Energie anstellen könnte“, sagt Day. Dann vergisst er Ocean Falls.

Er erinnert sich wieder daran, als er fünf Jahre später mit Bitcoin in Kontakt kommt, einer digitalen Währung, die direkt zwischen zwei Nutzern ohne Zwischenstellen wie Banken gehandelt wird. Anders als traditionelle Währungen sind solche „Kryptowährungen“ nicht an die Geldpolitik gekoppelt. Nicht Notenbanken haben das Recht, sie auszugeben, sondern im Prinzip jeder Einzelne, der über die nötige Hard- und Software verfügt. 

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No. 140

mare No. 140Juni / Juli 2020

Von Barbara Bachmann und Andrew Querner

In Ocean Falls verirrte sich die Südtiroler Autorin Barbara Bachmann, Jahrgang 1985, im „Martin Inn“, dem ehemaligen Hotel, der größten Ruine des Ortes. Die unzähligen Zimmer, die vielen Stockwerke, alles sah gleich aus. „Es war gespenstisch.“

Andrew Querner, geboren 1974, Fotograf in Vancouver, war schon fast aus seiner Haustür, als er im letzten Moment noch schnell einen Regenschirm einpackte. Eine gute Entscheidung. Ocean Falls ist der regenreichste Ort Nordamerikas.

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Vita In Ocean Falls verirrte sich die Südtiroler Autorin Barbara Bachmann, Jahrgang 1985, im „Martin Inn“, dem ehemaligen Hotel, der größten Ruine des Ortes. Die unzähligen Zimmer, die vielen Stockwerke, alles sah gleich aus. „Es war gespenstisch.“

Andrew Querner, geboren 1974, Fotograf in Vancouver, war schon fast aus seiner Haustür, als er im letzten Moment noch schnell einen Regenschirm einpackte. Eine gute Entscheidung. Ocean Falls ist der regenreichste Ort Nordamerikas.
Person Von Barbara Bachmann und Andrew Querner
Vita In Ocean Falls verirrte sich die Südtiroler Autorin Barbara Bachmann, Jahrgang 1985, im „Martin Inn“, dem ehemaligen Hotel, der größten Ruine des Ortes. Die unzähligen Zimmer, die vielen Stockwerke, alles sah gleich aus. „Es war gespenstisch.“

Andrew Querner, geboren 1974, Fotograf in Vancouver, war schon fast aus seiner Haustür, als er im letzten Moment noch schnell einen Regenschirm einpackte. Eine gute Entscheidung. Ocean Falls ist der regenreichste Ort Nordamerikas.
Person Von Barbara Bachmann und Andrew Querner