Von Seefahrt lernen

Über die Strategien der Seefahrt zum Umgang mit Isolation

Wenn mehr als 400 Menschen zusammengepfercht auf einem Konstrukt aus Holz monatelang auf dem Ozean verbringen, ist der Aufstand nicht weit, könnte man glauben. Die Kriegsschiffe der britischen Royal Navy vor 200 Jahren stellten eine der menschenfeindlichsten Umgebungen ihrer Zeit dar. Kein frisches Essen, kein Auslauf, keine Privatsphäre. Aus heutiger Sicht erscheint es fast unglaublich, dass es nicht ständig zu Meutereien kam, zumal ein Teil der Mannschaft nicht freiwillig an Bord war. Denn damals gab es das Pressen: Menschenfänger zogen durchs Land und verpflichteten zumeist Mittellose und Kriminelle zwangsweise zum Dienst auf See. Hier trafen sie zusammen mit jungen Offiziersanwärtern und Freiwilligen, die, nicht selten auf der Flucht vor irgendetwas, ihre Geheimnisse und inneren Abgründe mit an Bord gebracht hatten. Eine toxische Mischung, sollte man meinen, und doch: Wer die historischen Quellen studiert, liest selten etwas von Massenmeutereien, im Gegenteil: Für das, was diese Art der Seefahrt den Menschen abverlangte, funktionierte das Zusammenleben offensichtlich erstaunlich gut.

Wer einen einigermaßen realistischen Eindruck davon sucht, warum das so war, kann ihn in den marinehistorischen Erzählungen des im Jahr 2000 verstorbenen britischen Autors Patrick O’Brian finden. In seiner 20-bändigen Lebensgeschichte eines Marinekapitäns zur Zeit der Napoleonischen Kriege beschreibt der Autor präzise, was den Alltag an Bord eines Segelschiffs der Royal Navy im Kern ausmachte: die ritualisierte Wiederholung des immer Gleichen. Fast symbolisch für diesen streng reglementierten Tages- und Wochenablauf ist zum Beispiel das Recht der Besatzung auf einen besonderen Nachtisch nach dem Abendessen am Sonntag. Und zwar an jedem Sonntag, wenn es die Gefechtslage irgendwie zuließ.

Wer denkt, dass dieser aus heutiger Sicht einigermaßen ungenießbare Rosinenpudding nur eine kleine Ablenkung vom Alltag sein konnte, verkennt seine wahre Funktion in jenem größeren Mosaik, aus dem sich der Alltag auf See zusammensetzte. O’Brian beschreibt, gestützt auf die historischen Quellen, einen bis ins kleinste Detail durchgeplanten Alltag, beginnend bei der Glocke zu jeder vollen Stunde, dem regelmäßigen Schrubben des blitzblanken Decks, der exakt eingeteilten Wachen und, besonders wichtig, der genau festgelegten Mahlzeiten. Wer sich eine Woche lang auf den Pudding am Sonntag freuen kann oder auf das genau festgelegte Quantum Schnaps an jedem Abend, der weiß, worauf er hinarbeitet, der erträgt auch große Entbehrungen mit Blick auf die kleinen Belohnungen, die der Alltag bereithält.

Die Durchdringung des Tagesablaufs mit genau festgelegten Verhaltensregeln betraf nicht nur das Gros der Besatzung im Vorschiff, sondern auch die herrschende Kaste der Offiziere und selbst den Kommandanten. Denn auch für die Führungsmannschaft galt, dass Konflikte in der Isolation, sei es auf einem Schiff auf dem Meer oder anderswo, schnell ein lebensbedrohliches Ausmaß annehmen können. Wenn sich die Konfliktparteien nicht wie an Land aus dem Weg gehen können, steigern sich die Probleme exponentiell. Ein Streit unter Offizieren bedroht im Grunde das Leben der gesamten Mannschaft.

Damit es erst gar nicht dazu kam, wurde auch der Umgang zwischen dem Kapitän und seinen engsten Mitarbeitern durch ein enges Korsett geregelt, das nur einem Zweck diente: die lebenswichtige Ordnung an Bord aufrechtzuerhalten. Das begann bei der sprichwörtlichen Allmacht des Kommandanten, dessen Wort unhinterfragt zu bleiben hatte, und setzte sich in den Kommunikationsregeln beim Captain’s Dinner fort, dem gemeinsamen Abendessen im Achterschiff, bei Wein und genießbaren Speisen.

Wie alles an Bord unterlag auch dieses Tischgespräch klaren Regeln. Das Wort führte allein der Kommandant. Sprechen durfte nur derjenige, der von ihm angesprochen wurde. Neue Themen oder gar einen Konfliktstoff an diesen Tisch zu bringen war für einen Offizier tabu. Das Gespräch beschränkte sich zu einem nicht unwesentlichen Teil auf den Vortrag von Anekdoten, oft schon hundertfach erzählt und doch immer wieder mit einem herzhaften Lachen aller Beteiligten quittiert, die ebenso im Ablauf dieser Welt gefangen waren wie alle Bewohner dieses Mikrokosmos, der ein perfektes Abbild der damaligen Gesellschaft darstellte. Eine Welt, in der jeder wusste, wo sein Platz war.

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No. 140

mare No. 140Juni / Juli 2020

Von Alexander Kohlmann

Alexander Kohlmann, geboren 1978, ist Germanist, Dramaturg und Medienwissenschaftler. Er lernte in der Coronakrise vor allem die Bedeutung von Ritualen wie dem gemeinsamen Essen als Bollwerk gegen die Verwahrlosung kennen. Für mare schrieb er mehrere Essays, etwa über die Verfilmungen von „Das Boot“ oder das Flimmern des Meeres auf der Kinoleinwand.

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Vita Alexander Kohlmann, geboren 1978, ist Germanist, Dramaturg und Medienwissenschaftler. Er lernte in der Coronakrise vor allem die Bedeutung von Ritualen wie dem gemeinsamen Essen als Bollwerk gegen die Verwahrlosung kennen. Für mare schrieb er mehrere Essays, etwa über die Verfilmungen von „Das Boot“ oder das Flimmern des Meeres auf der Kinoleinwand.
Person Von Alexander Kohlmann
Vita Alexander Kohlmann, geboren 1978, ist Germanist, Dramaturg und Medienwissenschaftler. Er lernte in der Coronakrise vor allem die Bedeutung von Ritualen wie dem gemeinsamen Essen als Bollwerk gegen die Verwahrlosung kennen. Für mare schrieb er mehrere Essays, etwa über die Verfilmungen von „Das Boot“ oder das Flimmern des Meeres auf der Kinoleinwand.
Person Von Alexander Kohlmann