Whites only

Während Südafrikas Apartheid galt: die schönen Strände für Weiße, die schlechten für Schwarze und Farbige

Muizenberg bei Kapstadt, es ist der erste warme Tag im Frühling, und plötzlich ist der Strand vor den bekannten bunten Strandhäuschen wieder voller Menschen. Familien haben Picknickdecken ausgebreitet, Kinder liefern sich Wasserschlachten oder stürzen sich mit ihren Bodyboards in die Wellen.

Die Badegäste sind gemischt. Das ist ungewöhnlich für Südafrika, wo Menschen unterschiedlicher Hautfarbe sich auch 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid häufig immer noch mit Argwohn begegnen und auf allen Seiten nach wie vor tief verwurzelte Vorurteile bestehen. Doch an diesem Tag scheinen die Menschen für einen Moment lang ihre schwere Geschichte abgeschüttelt zu haben. Es gibt nichts Wichtigeres, als gemeinsam Strand und Wellen zu genießen. Für ein paar Stunden scheint vor der etwas heruntergekommenen Kulisse von Muizenberg der Traum der „Regenbogennation“ Wirklichkeit zu werden. Doch wenn am frühen Abend die Badegäste wieder in ihre Autos oder in die Minibusse steigen, dann kehren die meisten von ihnen zurück in getrennte Welten. Jene während der Apartheid geschaffene Aufteilung der großen Städte nach vermeintlichen Rassenunterschieden besteht bis heute fort.
Das große Panoramafenster von „Gary’s Café“ bietet einen guten Blick auf das Treiben am Strand von Muizenberg. Faeez Abrahams, Anfang 50, athletische Figur, macht eine ausgreifende Handbewegung. „Das war damals für uns unvorstellbar“, erinnert er sich, „keiner konnte sich vorstellen, dass es hier einmal so aussehen könnte.“ Anders als die jungen farbigen Surfer, die gerade versuchen, aus einem Tag mit kleinen Wellen das Beste zu machen, hat Abrahams die Apartheid unmittelbar erlebt. Er hat sich die Freiheit, hier in Muizenberg surfen gehen zu können, erkämpft.

Es ist schwer vorstellbar, dass der lang gestreckte Sandstrand mit seinem großen Strandpavillon und dem kleinen Vergnügungspark dahinter viele Jahre lang ein Strand nur für Weiße war. Farbigen wie Abrahams war der Zutritt verboten. Schilder mit der Aufschrift „Whites only“ machten dies unmissverständlich klar. Wer sich über das Verbot hinwegsetzte, der musste mit Geldstrafen oder sogar mit Gefängnis rechnen.

Die Trennung der Strände war ein absurder Höhepunkt jenes gigantischen Gesellschaftsexperiments namens Apartheid. Am Ende waren alle Bereiche des öffentlichen Lebens nach vermeintlichen Rassenunterschieden aufgeteilt, selbst Friedhöfe. Rassismus war in Südafrika seit der frühesten Kolonialzeit allgegenwärtig. Was die Apartheid vom Alltagsrassismus vergangener Zeiten unterschied, war die Planmäßigkeit. Der immer schon virulente Rassismus, die Vorstellung von der Überlegenheit der Weißen wurden zur offiziellen Staatsdoktrin erklärt. Wer von der Bürokratie als „nicht weiß“ eingestuft wurde, hatte so gut wie keine politischen Mitspracherechte.

Es war die überwiegende Mehrheit. Zu ihr gehörte auch die Familie von Faeez Abrahams. Der Vater arbeitete als Klempner. Seine Arbeit führte ihn öfter in die Wohnviertel der Weißen. Manchmal nahm er seinen Sohn mit. So lernte Faeez früh die andere Seite des geteilten Südafrikas kennen. An die Eindrücke von damals erinnert er sich noch heute. „Das sah aus wie ein Golfplatz, die großen Häuser, die Autos. Ich habe mich damals gefragt, ob ich das alles nur träume, es war unwirklich. Zurück im Alltag, mussten wir irgendwie ausblenden, dass es diesen anderen Ort gibt.“

Die Welt, in der Faeez Abrahams aufwuchs, war geprägt von Grenzen und Vorschriften. Oft entfloh die Familie der Enge der Township und verbrachte Zeit am Meer. Ein Erlebnis aus dieser Zeit hat sich Abrahams besonders tief eingeprägt. „Ein Freund hatte ein kleines Seekajak. Einmal habe ich es mir ausgeborgt und bin damit auf das offene Meer hinausgepaddelt. Das war ein unglaubliches Gefühl. Zum ersten Mal sah ich das Land vom Meer aus. Das war eine völlig andere Perspektive. Die Welt, in der wir aufwuchsen, war klein. Und plötzlich siehst du: Da ist so viel mehr! Für uns gab es nur diesen kleinen Ausschnitt, das Meer am Ende der Straße, das Stück Strand – und plötzlich konntest du alles sehen.“

Die Verbindung zum Meer wurde zur wichtigsten Konstante im Leben von Faeez Abrahams. Er kaufte sich ein gebrauchtes Surfboard und fand bald Gleichgesinnte. „Wir waren eine kleine Gruppe farbiger Surfer, alle unterstützten sich gegenseitig. Alles drehte sich bei uns ums Surfen. Wir standen zeitig früh auf, fuhren gemeinsam zum Strand, oft zehn Leute in einem Auto.“

Doch Surfen galt damals ebenso wie Schwimmen als Sport für Weiße. Ende der 1960er-Jahre erklärte der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Südafrika, Frank Braun, dass Farbige keine guten Schwimmer seien, da sie über ihre Haut weniger Kohlendioxid abgeben könnten und so früher ermüden würden. Das Klischee, farbige, insbesondere schwarze Südafrikaner hätten keine Beziehung zum Wasser und würden das Meer meiden, hält sich bis heute.

Während der Apartheid gab es nur wenige farbige Surfer. Faeez Abrahams erzählt, wie seine Surfleidenschaft ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Als es Ende der 1980er immer öfter zu Protesten und Unruhen in den Townships kam, gerieten er und seine Freunde eines Tages in einen Pulk wütender Demonstranten. „Wir hatten unsere Surfbretter auf dem Autodach. Sie hielten uns deswegen für Weiße. Die Situation war verdammt gefährlich. Viele von ihnen hatten gewiss noch nie einen Farbigen mit einem Surfbrett gesehen.“

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No. 140

mare No. 140Juni / Juli 2020

Von David Johst

David Johst, Jahrgang 1977, ist Historiker, freier Journalist und Autor. Die Idee der „Regenbogennation“ schien ihm bei den Recherchen oft als unrealistischer Traum und dann wieder als greifbare Wirklichkeit.

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Vita David Johst, Jahrgang 1977, ist Historiker, freier Journalist und Autor. Die Idee der „Regenbogennation“ schien ihm bei den Recherchen oft als unrealistischer Traum und dann wieder als greifbare Wirklichkeit.
Person Von David Johst
Vita David Johst, Jahrgang 1977, ist Historiker, freier Journalist und Autor. Die Idee der „Regenbogennation“ schien ihm bei den Recherchen oft als unrealistischer Traum und dann wieder als greifbare Wirklichkeit.
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