Stromzähler

Benjamin Franklin, Universalgelehrter und einer der Väter der US-Verfassung, zeichnete die erste Karte des Golfstroms. Die Idee kam ihm bei einer überlangen Atlantikpassage

Zwei Wochen Verspätung, das war nicht hinnehmbar. Wie konnte es sein, dass Postschiffe von England nach Nordamerika so viel länger brauchten als in entgegengesetzter Richtung? Der Mann, der dieser Frage 1769 nachgehen sollte, war der Amerikaner Benjamin Franklin, zu dieser Zeit als Generalpostmeister nach London entsandt.

Der damals 63-Jährige war ein Allroundtalent, das sich politischen und gesellschaftlichen Belangen ebenso widmete wie den Naturwissenschaften. Er trug zur Gründung der University of Pennsylvania bei, setzte sich für mehr Sicherheit durch Straßenbeleuchtung ein und erfand den Blitzableiter. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung wie auch die US-Verfassung tragen seine Handschrift.

Franklin, der nur zwei Jahre die Schule besuchte, hatte gelernt, sich selbst zu helfen – und die richtigen Leute zu fragen. Im Fall der rätselhaft langen Atlantiküberquerungen wandte er sich an seinen Cousin Timothy Folger, als der als Kapitän eines Handelsschiffs in London anlegte.

Tatsächlich wusste Folger eine Erklärung, die noch aus seiner Zeit als Walfänger stammte. Damals hatte er bemerkt, dass sich Meeressäuger bevorzugt an den Rändern einer Strömung aufhielten, die sich entlang der amerikanischen Ostküste Richtung Europa bewegte. Alle Walfänger wüssten um diesen Strom; oft habe er Kapitänen englischer Schiffe geraten, diesen zu umfahren. Doch von einem einfachen Walfänger wolle man keinen Rat annehmen, erzählte Folger seinem Cousin.

„Ich bemerkte dann, dass es bedauerlich sei, dass in den Karten diese Strömung nicht vermerkt ist, und bat ihn, sie zusammen mit mir aufzuzeichnen, was er bereitwillig tat“, schrieb Franklin später über dieses Gespräch.

Im Wesentlichen trafen die Angaben in dieser um 1770 gedruckten Karte des Golfstroms zu, auch wenn sie nicht perfekt war. Der Nullmeridian verlief durch Lizard Point an der Südwestspitze Englands anstatt durch Greenwich, doch lieferte die Karte mehr Informationen als je zuvor. Umso weniger konnte Franklin das nach wie vor geringe Interesse der englischen Kapitäne verstehen. Allerdings machten sich wenig später auch andere Gelehrte in England daran, den Golfstrom zu kartieren.

Für Franklin dagegen rückte das Thema zunächst in den Hintergrund – bis er 1775 die Heimreise nach Amerika antrat. Während der Atlantiküberquerung stellte Franklin bei Messungen fest, dass das Meer innerhalb des Golfstroms wärmer war als außerhalb. Drei Jahre später ließ Franklin, inzwischen Diplomat in Paris, eine zweite Fassung drucken. Sie glich der ersten Karte bis ins Detail. Allenfalls erschienen die Ränder des Stroms in der zweiten Karte etwas welliger.

Doch um sich weiter dem Golfstrom zu widmen, fehlte Franklin die Zeit: Er verhalf dem Vertrag von Paris zum Abschluss, der das Ende des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs bedeutete.

Erst als er 1785 zurück nach Amerika segelte, fand er die Muße, sich erneut über den Golfstrom Gedanken zu machen und die „Maritime Observations“ zu verfassen, einen ausführlichen Brief an einen Pariser Gelehrten über „allerlei Meeresthemen“. Darin zeichnete Franklin eine dritte, verbesserte Karte des Golfstroms. Sie enthielt detailliertere Angaben zu seiner Geschwindigkeit. Auch fiel der Golfstrom schmaler aus als auf den vorherigen Karten, was zumindest entlang der nordamerikanischen Küste dem heutigen Wissensstand näherkommt.

Allerdings hatten sich neue Fehler eingeschlichen. Die Bermudas lagen nun zu weit westlich. Weitere Änderungen betrafen dekorative Elemente. In der unteren rechten Ecke diskutiert Franklin mit dem Meergott Neptun. Oben links ist ein Schwarm Heringe auf seiner Migrationsroute zu sehen, was gelegentlich als weitere Darstellung einer atlantischen Strömung missverstanden wurde.

1786 wurde die dritte Karte gedruckt und stieß nun auf breites Interesse. Franklins Ruhm als Kartograf und Namensgeber des Golfstroms wuchs sprungartig. Nur selten war noch die Rede von seinem Cousin. „Die Karte ist überraschend gut dafür, dass man so wenig Daten hatte“, sagt Ozeanforscher Gerrit Lohmann vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.

Franklin besaß alles, was ihm auch in der heutigen Wissenschaft geholfen hätte: Neugier, analytische Fähigkeiten – und nicht zuletzt die Fähigkeit, den eigenen Namen öffentlichkeitswirksam ins Spiel zu bringen.

mare No. 137

No. 137Dezember 2019 / Januar 2020

Von Katrin Blawat

Autorin a href="https://www.mare.de/katrin-blawat-urheber-439">Katrin Blawat, geboren 1982, lebt in München, weit weg vom Golfstrom. Dennoch profitiert sie von ihm – wenn sie in ihr geliebtes Island reist, wo es im Winter mitunter wärmer ist als in Bayern.

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Vita Autorin a href="https://www.mare.de/katrin-blawat-urheber-439">Katrin Blawat, geboren 1982, lebt in München, weit weg vom Golfstrom. Dennoch profitiert sie von ihm – wenn sie in ihr geliebtes Island reist, wo es im Winter mitunter wärmer ist als in Bayern.
Person Von Katrin Blawat
Vita Autorin a href="https://www.mare.de/katrin-blawat-urheber-439">Katrin Blawat, geboren 1982, lebt in München, weit weg vom Golfstrom. Dennoch profitiert sie von ihm – wenn sie in ihr geliebtes Island reist, wo es im Winter mitunter wärmer ist als in Bayern.
Person Von Katrin Blawat