Zwei Orte … ein Breitengrad

St. Anthony in Kanada und Cork in Irland – zwei Küstenstädte auf dem 51. Breitengrad. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein

Cork, Irland

Er findet die Fotos im Moment leider nicht, aber die seien eigentlich auch nicht nötig, sagt Dr. Kieran Hickey – man müsse sich die Gelbgefleckte Wegschnecke einfach vorstellen wie eine normale Nacktschnecke. Er hält Daumen und Zeigefinger der linken Hand auseinander. „Etwa so groß. Ist gesprenkelt und ein wenig dicker als andere Arten, die Geomalacus maculosus. Eine absolute Rarität.“ Er öffnet noch ein paar weitere Ordner auf seinem Computer, in denen Fotos von Stränden und Wiesen und Waldhainen stecken und welche von Fischerbooten und Brücken, alles mögliche also, bloß Aufnahmen der Gelbgefleckten Wegschnecke sind nicht dabei. „Auf jeden Fall ist die Art ein Indikator für das Klima in Cork.“ Er öffnet weitere Ordner auf dem Bildschirm. Noch immer keine Schnecke. „Sonst lebt die bloß noch im nördlichen Spanien und in Portugal. Nirgendwo dazwischen. Weiter nördlich ist es ihr eigentlich viel zu kalt. Bei uns scheint sie sich aber wohlzufühlen.“

Hickey gibt die Suche auf. Er schlägt vor, die Unterhaltung draußen fortzusetzen, bei dem Wetter heute, wäre doch nett. Er sieht aus dem Fenster. „Falls wir da noch einen Sitzplatz finden.“ Der Rasen des University College Cork sieht aus wie eine große Picknickwiese. Die Bänke sind ebenfalls alle besetzt. Es ist Ende März in Cork, und es sind knapp 20 Grad am Vormittag.

Bevor wir zum Frühling in Irland kommen und den ungewöhnlichen Temperaturen im März: Cork im Schnelldurchgang. Die zweitgrößte Stadt der Republik Irland liegt im Südosten der Insel auf 51° 53' 52" N, 8° 28' 14" W und hat gut 130 000 Einwohner. Im unmittelbaren Umland leben noch einmal 70 000. Von Dublin abgesehen trifft man in Irland nirgendwo sonst auch nur annähernd so viele Menschen. Wie in vielen anderen irischen Städten gibt es auch in Cork noch viel alte, ältere und noch ältere Bausubstanz: Die Red Abbey stammt aus dem 14. Jahrhundert, Elizabeth Fort ist Baujahr 1649, die Mehrheit der Innenstadtgebäude wurde im späten 18. Jahrhundert im georgianischen Stil erbaut. Vor so viel Tradition mutet die gläserne Fassade des Opernhauses beinahe futuristisch an. Als Wahrzeichen der Stadt gilt der Kirchturm von St. Anne im Stadtteil Shandon, auf dessen Spitze kein Kreuz, sondern ein gewaltiger Lachs sitzt, eine Verneigung an die Fischereivergangenheit der Stadt (und eine Anspielung auf das urchristliche Fischsymbol).

Das University College Cork gilt als eine der besten Hochschulen Irlands; seine Studenten verleihen der alten Stadt ein jugendliches Flair und eine internationale Atmosphäre. Wer durch Cork schlendert, hört immer wieder Spanisch, Französisch oder Russisch. Etliche Leute in Cork behaupten, ihre Stadt sei so, wie ganz Irland gern wäre: fest verankert in der Tradition und optimistisch in eine globale Zukunft schauend.

Ja, ja, meint Hickey, das sei bestimmt so: eine schöne Stadt und tolle junge Menschen aus der ganzen Welt. Viel Kultur, gute Freizeitangebote. Das Meer sei ja auch nicht weit. Und das Wetter für irische Verhältnisse ganz passabel, nur knapp über 200 Regentage im Jahr, da könne man nicht klagen, Dublin sei da weitaus nasser. Trotzdem weiß Hickey offenbar nicht so recht, ob er sich über die Sonne und die Wärme an diesem Märztag freuen soll.

Der Wissenschaftler forscht am Geografischen Institut der Universität zum Einfluss des Klimas auf Küstenregionen, so jemand registriert einen viel zu milden Frühlingstag naturgemäß differenzierter als ein Eisverkäufer oder Cafébesitzer. Hickey er- klärt, dass Cork natürlich für sein gemäßigtes maritimes Klima bekannt sei. Dank des Golfstroms seien die Winter so gut wie immer frostfrei. In den vergangenen neun oder zehn Jahren aber habe es immer wieder diese heftigen Ausschläge nach oben oder nach unten gegeben. Er nickt einer Gruppe Geografiestudenten zu, die auf dem Rasen liegen, tatsächlich zu lernen scheinen und ihren Doktorvater grüßen. Dann sieht er gedankenverloren auf den Rasen. Möglicherweise hält er nach der Gelbgefleckten Wegschnecke Ausschau.


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mare No. 137

No. 137Dezember 2019 / Januar 2020

Von Stefan Nink und Nick Hannes

Nachdem er vom Eisbären in St. Anthony erfahren hatte, bewegte sich Stefan Nink, Jahrgang 1965, Autor in Mainz, bei seiner Recherche sehr, sehr vorsichtig. Was allerdings nicht verhinderte, dass er auf den zugefrorenen Straßen mehrmals hinfiel. Glücklicherweise ließ sich aber auch in diesen Momenten kein Bär blicken.

Nick Hannes, geboren 1974, belgischer Fotograf, war, abgesehen von Autor Nink, der einzige Spaziergänger in St. Anthony. Niemand geht hier im Winter freiwillig zu Fuß. Nicht unbedingt wegen der Kälte. Sondern wegen des braunen Schneematschs, der einem jedes Mal ins Gesicht fliegt, wenn ein Pick-up vorbeifährt.

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Vita Nachdem er vom Eisbären in St. Anthony erfahren hatte, bewegte sich Stefan Nink, Jahrgang 1965, Autor in Mainz, bei seiner Recherche sehr, sehr vorsichtig. Was allerdings nicht verhinderte, dass er auf den zugefrorenen Straßen mehrmals hinfiel. Glücklicherweise ließ sich aber auch in diesen Momenten kein Bär blicken.

Nick Hannes, geboren 1974, belgischer Fotograf, war, abgesehen von Autor Nink, der einzige Spaziergänger in St. Anthony. Niemand geht hier im Winter freiwillig zu Fuß. Nicht unbedingt wegen der Kälte. Sondern wegen des braunen Schneematschs, der einem jedes Mal ins Gesicht fliegt, wenn ein Pick-up vorbeifährt.
Person Von Stefan Nink und Nick Hannes
Vita Nachdem er vom Eisbären in St. Anthony erfahren hatte, bewegte sich Stefan Nink, Jahrgang 1965, Autor in Mainz, bei seiner Recherche sehr, sehr vorsichtig. Was allerdings nicht verhinderte, dass er auf den zugefrorenen Straßen mehrmals hinfiel. Glücklicherweise ließ sich aber auch in diesen Momenten kein Bär blicken.

Nick Hannes, geboren 1974, belgischer Fotograf, war, abgesehen von Autor Nink, der einzige Spaziergänger in St. Anthony. Niemand geht hier im Winter freiwillig zu Fuß. Nicht unbedingt wegen der Kälte. Sondern wegen des braunen Schneematschs, der einem jedes Mal ins Gesicht fliegt, wenn ein Pick-up vorbeifährt.
Person Von Stefan Nink und Nick Hannes