Unter Druck

Die neue Ostseepipeline soll künftig Gas von Russland nach Deutschland befördern. Der Bau macht nichts als Ärger. Aber ohne Russlands Energie bleiben im Westen die Stuben kalt

Die Angler, Fischer und Naturfreunde am Greifswalder Bodden sind empört. Da achten sie so streng auf die Einhaltung der Fangquoten, trampeln nichts kaputt, wenn sie in dem Vogelschutzgebiet unterwegs sind – und dann wird bei Aushubarbeiten nahe Stralsund das Baggergut einfach im Bodden verklappt! Wie wird es erst sein, wenn hier die Baumaschinen in großem Stil anrücken? Denn bei Lubmin, Seebad seit 120 Jahren und malerisch zwischen Rügen und Usedom am Bodden gelegen, soll die Ostseepipeline anlanden. Ein 1,2 Meter dickes Stahlrohr, das nichts als Ärger bereitet.

Es ist ein Jahrhundertprojekt. Die 1200 Kilometer lange Röhre, die im russischen Wyborg startet, soll künftig sibirisches Erdgas nach Europa befördern. Spätestens 2012 will das europäisch-russische Unternehmen Nord Stream, das zu 51 Prozent dem russischen Energiekonzern Gazprom gehört, die erste Ladung durch die Pipeline jagen. Der Konzern wittert ein gutes Geschäft. Denn der Westen kann ohne Russlands Wärmeenergie nicht mehr auskommen. Bereits heute kommen rund 40 Prozent der deutschen Gasimporte aus Russland. Und es wird noch mehr.

Dass Gazprom eine führende Rolle spielt, hat von Beginn an Ängste geweckt. Macht sich der Westen nicht allzu fahrlässig abhängig von russischem Erdgas? Was, wenn Moskau den Hahn zudreht und bei uns die Stuben kalt bleiben? Haben das die Ukrainer, die Weißrussen, die Litauer nicht unlängst zu spüren bekommen?

Die Befürworter des Projekts weisen solche Befürchtungen zurück. Russland sei für Deutschland stets ein zuverlässiger Energielieferant gewesen – auch in den finsteren Tagen des Kalten Krieges oder in den Wirren der Jelzin-Ära. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, der im September 2005 gemeinsam mit dem damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin das Pipelineprojekt entscheidend mit auf den Weg brachte, verkündete seinerzeit: „Deutschland sichert in direkter Partnerschaft mit Russland große Teile seiner Energieversorgung für Jahrzehnte.“

Tatsächlich sind die Dimensionen gewaltig: Die Pipeline wird jedes Jahr 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas liefern. Das entspricht rund 50 Prozent des deutschen oder zehn Prozent des europäischen Gasverbrauchs. 100 000 Stahlrohre sollen auf dem Meeresboden verankert oder in flachen Gewässern im Boden eingegraben werden. Es wird die größte Baustelle in der Ostsee seit Menschengedenken sein.

Die Ostseeanrainer empfinden die Pipeline allerdings als Zumutung. Zwar tangiert die Route nirgends direkt deren Staatsgebiete. Doch sie führt durch ihre Wirtschaftszonen und Naturschutzgebiete. Und so sind für Nord Stream die umfangreichen Genehmigungsverfahren fast schon die größte Herausforderung bei diesem Projekt.

Auf Druck von Dänemark wurde schon mal die Streckenführung verändert: Statt nördlich von Bornholm soll die Pipeline nun südlich der Insel verlaufen. Hier vermutet man weit weniger Munition, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Ostsee verklappt wurde und seitdem ungesichert auf dem Meeresgrund lagert. Für Kritiker sind die alten Minen, Bomben und Torpedos ein entscheidendes Problem. Befürchtet wird nicht nur, dass der Sprengstoff den Pipelinebauern um die Ohren fliegt. „Durch den Bau und Betrieb der Pipeline werden viele Munitionskörper zerstört. Das wird einen erhöhten Austritt extrem giftiger Inhaltsstoffe verursachen“, warnt Stefan Nehring, Meeresbiologe und Gutachter von der Firma Aqua et Terra Umweltplanung in Koblenz. Wie akut die Ostsee dadurch bedroht ist, weiß niemand so genau. Vielleicht löst sich das Gift im Meer sofort auf. Oder es kommt zu verheerenden chemischen Reaktionen. „Die chemischen Verhältnisse am Ostseegrund sind bisher nicht so weit untersucht, dass man das beurteilen kann“, sagt Jochen Lamp, Leiter des Ostseebüros der Umweltschutzorganisation WWF.


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mare No. 71

No. 71Dezember 2008 / Januar 2009

Von Frank Keil

Der Hamburger Autor Frank Keil, 50, war noch nie am Greifswalder Bodden. Das will er aber bald ändern, weil sein zwölfjähriger Sohn neulich dort war und meinte: „Echt coole Gegend.“

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Vita Der Hamburger Autor Frank Keil, 50, war noch nie am Greifswalder Bodden. Das will er aber bald ändern, weil sein zwölfjähriger Sohn neulich dort war und meinte: „Echt coole Gegend.“
Person Von Frank Keil
Vita Der Hamburger Autor Frank Keil, 50, war noch nie am Greifswalder Bodden. Das will er aber bald ändern, weil sein zwölfjähriger Sohn neulich dort war und meinte: „Echt coole Gegend.“
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