Der Blickfänger

Es gibt Menschen, die Fische im Meer sehen, riechen, spüren können. Das macht sie beliebt bei Südafrikas Strandfischern

Selten ist es Berufung, oft Schicksal. Wäre sein Bruder 1968 nicht ertrunken, Ebrahim Abduraham hätte sicher weiter gearbeitet als Fischer. Doch seit das Boot seines Bruders kippte und jener in den Fluten versank, hält Ebrahim Abduraham sicheren Abstand zum Meer und schaut lieber nur nach Fischschwärmen. Seitdem hat er den seltenen Beruf des fishspotter, des Fischsichters.

Er lebt mit seiner Schwester und ihren Kindern in Grassy Park, nicht weit von der 50 Kilometer breiten False Bay. An manchen Tagen riecht er von zu Hause aus nicht nur das Salz des Meeres, sondern spürt auch dessen Unruhe. Selbst die Schwärme kann er dann erschnuppern, wie ein Sommelier die Fruchtnote im Wein. Ein Fischer, der auf die Hochsee fährt, nutzt meist ein Echolot, um die Schwärme zu orten. Ein Schleppnetzfischer dagegen, der in Ufernähe fängt, braucht jemanden am Strand, auf einer Düne oder Anhöhe, der Überblick hat, jemanden, der sieht, wo die Fische sind, und ein Gespür dafür hat, wohin sie wandern, wenn der Wind dreht. Einen wie Abduraham.

Jede Gegend ums Kap, wo noch mit Schleppnetzen gefischt wird, hat ihren Spotter, landskippers auf Afrikaans. Mit Handzeichen dirigieren sie die Ruderboote in die aussichtsreichsten Gründe. Im Südwinter, wenn das Meer blaugrau wird, ist der Fisch an den schwärzlichen Flecken in wärmerem Wasser zu erkennen. Im grünmilchigen Sommerwasser zieht es ihn ins Schmutzbraun, wo die Algen sind. Drüben in Fish Hoek dagegen, erklärt Abduraham, da hält sich der Fisch das ganze Jahr über nur in glasklarem Wasser auf. Sein Arbeitstag beginnt am Vorabend. Er liest die Gezeitentabelle und die Wettervorhersage in der Zeitung. Stimmt das Wetter in Grassy Park, fährt er am nächsten Morgen im Pick-up den Atlantic Drive entlang, eine einspurige Teerstraße, die die Vorstadtautobahn mit dem ehemals britischen Seebad Muizenberg verbindet, und hält Ausschau nach dunklen Flecken hinter Brandung und Seevögeln.


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  mare No. 72

No. 72Februar / März 2009

Von Sven Lager und Mikhael Subotzky

Sven Lager lebt mit seiner Familie in Hermanus, Südafrika, und schreibt für mare, Merian, FAZ, GQ, Quest und La Repubblica Delle Donne.

Fotograf Mikhael Subotzky, geboren 1981 in Kapstadt, Südafrika, lebt und arbeitet in Johannesburg.

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