Verlorenes Paradies

Sie waren wahre Blumenkinder und verwirklichten ihre Idee eines Hippielebens am konsequentesten. Frühere Bewohner des Taylor Camp auf der Hawaii-Insel Kaua’i erzählen von ihrem Leben damals und heute

Wer durch Kalifornien reist, wird hier und da einem von ihnen begegnen: ein selbst gefärbtes T-Shirt in psychedelischen Farben am Leib, die nun weißen langen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, einen Stock in der Hand und ein friedfertiges Lächeln auf den Lippen. Es scheint, als seien die letzten Hippies der 1960er-Jahre mit einer Zeitmaschine in die Gegenwart gereist.

Der Fotograf John Wehrheim hat als 23-Jähriger eine ganz besondere Hippiegemeinschaft porträtiert, das Taylor Camp an der Nordküste von Kaua’i, einer der acht Hauptinseln von Hawaii. Fast 40 Jahre später hat er die Pioniere der Baumhauskolonie nach ihren Erfahrungen gefragt. Sein Buch „Taylor Camp“ ist das Zeugnis einer Bewegung, die Geschichte gemacht hat und in vielem überraschend anders war, als man denkt.

Howard Taylor, nach dem die Kolonie benannt wurde, war der Bruder der Schauspielerin Elizabeth Taylor und Meeresbiologe. Selbst kein Hippie, lud er eine Gruppe von Aussteigern ein, auf seinem Land zu siedeln, damit der Staat es nicht wie geplant zur Einrichtung eines öffentlichen Parks beschlagnahmen konnte. Die 13 jungen Amerikaner, darunter Frauen und Kinder, waren wegen Landstreicherei verhaftet und zu 90 Tagen Sozialarbeit verurteilt worden.

Im Frühjahr 1969 schlugen sie auf Taylors Grundstück ihre Zelte auf. Langhaarige, die Marihuana rauchten, bunte oder gar keine Kleider trugen und zur einheimischen Bevölkerung passten wie ein Nackter in den Kirchenchor. Bald zählte das Dorf 17 Baumhäuser mit rund 100 Bewohnern und zog immer mehr Hippies, Surfer, Kriegsdienstverweigerer und Vietnamveteranen an. So viele, dass nicht nur die Infrastruktur, sondern auch das Ideal einer freien Gesellschaft ohne Gesetze und Verbote Schiffbruch erlitt.

Als Debi das kleine Paket bekam, war es um sie geschehen. Ein Häufchen Sand war darin, ein paar Muscheln und 100 Dollar. Es kam von ihrer Schwester Teri, die schon in Kauai war. Debi flog hin, blieb zwei Wochen, kehrte zurück nach Santa Barbara, Kalifornien, und verkaufte all ihr Hab und Gut. Mit einem Augentropfenfläschchen voller LSD, hergestellt von Owsley Stanley, der ersten Adresse für die Droge in den 1960ern, zog sie los und ließ sich im Taylor Camp nieder.

Das Baumhaus der beiden Schwestern hieß „The Big House“ und war von den Vorbewohnern, die nach Indien exiliert waren, für Partys gebaut worden. Man hielt die beiden für Zwillinge und nannte sie die „Sin Twisters“, die Sündenschwestern, in Verballhornung von „twin sisters“. Ihrem Übernamen wurden sie kaum gerecht, sie waren anders als die anderen. Ihre Küche war sauber, ihr Haus hatte eine Tür, und indem sie nicht jedermann hereinließen, brachen sie das ungeschriebene Gesetz des Taylor Camp, wonach jeder immer überall willkommen sein soll. „Wir wollten nicht, dass die Leute nackt auf unseren Kissen sitzen“, gibt Debi zu Protokoll. „Manche hatten die Krätze, Filzläuse, all das Zeug.“ „Im Vergleich zu anderen im Camp waren wir irgendwie normal“, sagt Teri, die ihrer Schwester einen Mangokuchen backte für ihre Wanderung an der Na-Pali-Küste, wo sie LSD schluckte, um den Trip so richtig zu genießen.

Debi ist Immobilienmaklerin geworden, Teri Chefsekretärin, beide leben heute in San Francisco. Die Erfahrungen, die sie im Camp machten, waren für sie prägend – spirituell, emotional und physisch. Zu überleben in der Natur und mit dem wenigen zufrieden zu sein, was sie einem schenkt, war die Lektion fürs Leben.

Auf Kauai verliebte sich Teri in Rosey Rosenthal, den „Bürgermeister“ des Taylor Camp. Sie heirateten, bekamen ein Kind, und Rosey, der heute auf Big Island lebt, Moderator beim Sportsender ESPN ist und als rechte Hand des Bürgermeisters amtet, erinnert sich daran, dass sie so arm waren wie die meisten Ansässigen. Von ihnen lernten sie fischen, jagen und pflanzen, im Gegenzug zeigten sie ihnen, wie man Marihuana züchtet und zu Lebensmittelmarken kommt, der staatlichen Hilfe für Minderbemittelte.

Zwischen den Alteingesessenen und den Neuankömmlingen herrschte keine Freundschaft. Doch die Auseinandersetzungen führten nie zum großen Krach. Zu Liebesbeziehungen kam es nicht, zumal die Vorstellungen der Einheimischen über das Sexleben der Hippies wenig mit der Realität zu tun hatten. „Wenn man selbst nackt ist und den ganzen Tag all die nackten Mädchen sieht, werden sie für einen zu Schwestern, und die Begierde geht weg“, weiß Rosey, der nie von irgendwelchen Orgien gehört hat.


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mare No. 131

No. 131Dezember 2018 / Januar 2019

Von Sebastian Haffner und John Wehrheim

Als Gymnasiast vermochte Peter Haffner, Jahrgang 1953, noch Erwachsene zu schockieren, indem er die Haare bis auf die Schultern wachsen ließ und den Eltern mit einer Hippiekarriere drohte. Heute schreibt er als Autor in Berlin und Zürich über gesellschaftliche, soziale und philosophische Fragen. Sein jüngstes Werk, der Krimi So schön wie tot, erschien 2018 bei Nagel & Kimche.

John Wehrheim, Jahrgang 1947, lebt als Filmemacher, Autor und Fotograf auf Kaua’i. Dass das Taylor Camp nicht in Vergessenheit geriet, ist auch seinen Fotografien zu verdanken. 1969 war der Literaturund Fotografiedozent nach Kaua’i gekommen und verbrachte viele Tage mit seiner Kamera im Camp. Er hat auch einen Film über die Hippiekommune gemacht, zu sehen ist er unter www.theedgeofparadisefilm. com.

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Vita Als Gymnasiast vermochte Peter Haffner, Jahrgang 1953, noch Erwachsene zu schockieren, indem er die Haare bis auf die Schultern wachsen ließ und den Eltern mit einer Hippiekarriere drohte. Heute schreibt er als Autor in Berlin und Zürich über gesellschaftliche, soziale und philosophische Fragen. Sein jüngstes Werk, der Krimi So schön wie tot, erschien 2018 bei Nagel & Kimche.

John Wehrheim, Jahrgang 1947, lebt als Filmemacher, Autor und Fotograf auf Kaua’i. Dass das Taylor Camp nicht in Vergessenheit geriet, ist auch seinen Fotografien zu verdanken. 1969 war der Literaturund Fotografiedozent nach Kaua’i gekommen und verbrachte viele Tage mit seiner Kamera im Camp. Er hat auch einen Film über die Hippiekommune gemacht, zu sehen ist er unter www.theedgeofparadisefilm. com.
Person Von Sebastian Haffner und John Wehrheim
Vita Als Gymnasiast vermochte Peter Haffner, Jahrgang 1953, noch Erwachsene zu schockieren, indem er die Haare bis auf die Schultern wachsen ließ und den Eltern mit einer Hippiekarriere drohte. Heute schreibt er als Autor in Berlin und Zürich über gesellschaftliche, soziale und philosophische Fragen. Sein jüngstes Werk, der Krimi So schön wie tot, erschien 2018 bei Nagel & Kimche.

John Wehrheim, Jahrgang 1947, lebt als Filmemacher, Autor und Fotograf auf Kaua’i. Dass das Taylor Camp nicht in Vergessenheit geriet, ist auch seinen Fotografien zu verdanken. 1969 war der Literaturund Fotografiedozent nach Kaua’i gekommen und verbrachte viele Tage mit seiner Kamera im Camp. Er hat auch einen Film über die Hippiekommune gemacht, zu sehen ist er unter www.theedgeofparadisefilm. com.
Person Von Sebastian Haffner und John Wehrheim