Das Meer im Glas

Die Geschichte des Aquariums lehrt: Vor allem die Forschung gewann

mare: Frau Vennen, Sie haben die Kulturgeschichte des Aquariums in der Mitte des 19. Jahrhunderts erforscht. Wie passt das Meer in ein Glas?

Mareike Vennen: Genau das haben sich damals Naturkundler gefragt, die Meerestiere nicht nur in der Natur beobachten wollten und mit heimischen Aquarien zu experimentieren begannen. Ein wichtiger Schauplatz war die südenglische Küste. Erst kurz zuvor waren Meer und Strand als touristische Orte und Schauplätze naturkundlicher Studien entdeckt worden. Das Aquarium war anfangs also keineswegs reine Salonzierde, sondern ein Wissensinstrument, um die bis dahin weit­gehend unbekannte Unterwasserwelt zu erforschen. Dass Aquarien zu diesem Zeitpunkt aufkamen, hängt auch mit der Glasproduktion zusammen. Der Aufschwung des Aquariums ist eng mit der Glasarchitektur jener Zeit verbunden, vom Londoner Kristallpalast auf der ersten Weltausstellung bis zu Miniaturgewächshäusern in bürgerlichen Wohnzimmern.

Ist mit dem Aquarium also eine besondere Technikgeschichte verbunden?

Bis zur Erfindung des Aquariums konnte man Wassertiere vornehmlich in totem Zustand studieren, eingelegt in Alkohol. Anders als ihre Präparation erforderte ihre Lebendhaltung neue Techniken. Um Heim­aquarien einzurichten, mussten die Tiere erst einmal dorthin gelangen. Viele Wasserlebewesen zerfielen aber schon beim bloßen Kontakt mit der Luft in formlose Massen, sodass den Aquarianern ihre Wissensobjekte häufig buchstäblich zwischen den Fingern zerrannen.

Daher waren Seeanemonen beliebte Aquarientiere. Sie waren leicht zu sammeln und zu versenden, weil sie ohne Wasser reisen konnten. Es genügte, sie in feuchtes Seegras zu wickeln. Da es an­- fangs­ weder ge­regelte Versandvorschriften noch einheitliche Verpackungsweisen gab, zeugen viele Berichte von tropfenden Sendungen oder davon, wie improvisierte Verpackungen mit ihrem lebenden Inhalt von Poststempeln zerquetscht wurden.

Im Aquarium angekommen, war eine besondere Herausforderung die Durchlüftung des Wassers, also die Sauerstoffzufuhr. Wedelte man zunächst mit der Hand im Wasser, wurden schnell immer komplexere Apparate erfunden, die von Wasserreservoiren im Keller bis zu Rohren auf dem Dachboden reichten. Als die Aqua­rientechnik Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend an die neu installierten städtischen Wasserleitungen angeschlossen waren, wurden die Heimaquarien Teil der städtischen Infrastrukturen und damit Teil der Diskurse um Hygiene und Wasserqualität, wie sie in London oder Hamburg intensiv geführt wurden.

Inwieweit war Aquarienkultur eine Volksbewegung, ein Hobby? Und welche Bedeutung kommt ihr naturwissenschaftlich zu?

Spannend ist, dass die Anfänge der Aquarienhaltung gerade nicht mit den einschlägigen bekannten Persönlichkeiten und großen Institutionen der Naturgeschichte verbunden sind. Es waren zunächst vor allem Amateurforscher, Brauereichemiker, Prediger oder Ingenieure, die mit Aquarien in ihrem eigenen Heim zu experimentieren begannen.

Von den frühen amateurwissenschaftlichen Versuchen ausgehend, entwickelten sich dann meeresbiologische Forschungen, die an neu gegründeten zoologischen Stationen oder in universitären Instituten verfolgt wurden. Ein Beispiel ist der Meeresbiologe Karl August Möbius, der mithilfe von Aquarien das Konzept der Lebensgemeinschaft entwickelte, das für die Ökologie zentral wurde.

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mare No. 134

No. 134

Von Roland Brockmann

Mareike Vennen ist promovierte Kulturwissenschaft­lerin und arbeitet am Institut für Kunstgeschichte der TU Berlin. In ihrer Dissertation untersuchte sie das Aquarium als Objekt und Akteur der Wissens- und Mediengeschichte. Ihr Buch Das Aquarium. Praktiken, Techniken und Medien der Wissensproduktion (1840–1910) erschien 2018 bei Wallstein.

Roland Brockmann lebt als freier Journalist in Berlin und ist mare-Autor der ersten Stunde.

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Vita Mareike Vennen ist promovierte Kulturwissenschaft­lerin und arbeitet am Institut für Kunstgeschichte der TU Berlin. In ihrer Dissertation untersuchte sie das Aquarium als Objekt und Akteur der Wissens- und Mediengeschichte. Ihr Buch Das Aquarium. Praktiken, Techniken und Medien der Wissensproduktion (1840–1910) erschien 2018 bei Wallstein.

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Vita Mareike Vennen ist promovierte Kulturwissenschaft­lerin und arbeitet am Institut für Kunstgeschichte der TU Berlin. In ihrer Dissertation untersuchte sie das Aquarium als Objekt und Akteur der Wissens- und Mediengeschichte. Ihr Buch Das Aquarium. Praktiken, Techniken und Medien der Wissensproduktion (1840–1910) erschien 2018 bei Wallstein.

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