Fabrizio Plessi

In den Arbeiten des italienischen Großkünstlers geht es nur um ein Element: Wasser als Sinnbild der Zeit, des Lebens, des Denkens

Mit 15 hatte Fabrizio Plessi seltenes Glück – und daraus erwuchs ein Gelübde. Der Junge aus der Emilia-Romagna, wo nach seiner Auskunft vor allem „Quadratschädel“ leben, kam in die „flüssige Traumwelt“ von Venedig, um Kunst zu studieren. Und weil sein Professor Edmondo Bacci enge Verbindungen zu Peggy Guggenheim hatte, nahm er den wissbegierigen Schüler mit zu Treffen, Ausstellungen und Diners in Guggenheims Palast am Canal Grande, wo sich damals die Crème de la Crème der Künstler der 1950er-Jahre einstellte.

Hier erlebte Fabrizio Plessi noch Fernand Léger kurz vor dessen Tod, Alberto Giacometti oder Francis Bacon und natürlich die charismatische Hausherrin selbst. Und dieses Flair der großen Kunstwelt pflanzte Plessi eine Sehnsucht in die Seele. „Ich muss nicht reich werden oder berühmt“, schwor sich der junge Kunststudent, „aber ich will einmal im Guggenheim New York ausstellen.“

Über vier Jahrzehnte ging der Künstler an Silvester mit dem Seufzer schlafen: „Immer noch keine Ausstellung im Guggenheim New York. Aber vielleicht nächstes Jahr“, wie er rückblickend lächelnd er- zählt. Doch 1998 war es endlich so weit. In der Dependance des berühmten Hauses in Soho erhielt Plessi eine Retrospektive. Nach zahllosen Auftritten in den größten Museen Europas sowie auf der Weltkunstschau documenta wurde sein Jugendtraum endlich wahr. Plessi zeigte seine Installationen und Videoarbeiten in New York und in den folgenden Jahren auch im Guggenheim Bilbao sowie in Peggys Museum in seiner Stadt Venedig, in der er immer noch lebt, längst selbst eine Legende, die mit „Maestro“ angesprochen wird.

20 Jahre später und mehr als 60 Jahre nach seinem Gelübde blickt Plessi auf rund 140 Museumsausstellungen sowie 540 Einzelpräsentationen in Galerien, auf Biennalen oder bei anderen Events zurück. In manchen Jahren hat er 36 Ausstellungen in zwölf Monaten realisiert. Und auch heute noch, mit 79 Jahren, ist der Vielreisende, der die meisten seiner Arbeiten nach Städten und besonderen Orten, die sie inspiriert haben, benannt hat, unterwegs zwischen Moskau, Marokko und Miami. Dem Künstler mit der charakteristischen langen Haarpracht, die inzwischen vollständig ergraut ist, wurde ein eigenes Museum am Brenner gewidmet und demnächst ein neues in Palma de Mallorca, wo er seit 25 Jahren seinen zweiten Wohnsitz hat. Der junge Tischgast bei Peggy ist doch noch reich und berühmt geworden. Und sein fester Wille, nach New York zu kommen, hat ihm bei der Ausdauer geholfen, wie er sagt.

Dabei war seine Arbeit eigentlich nie zu übersehen. Plessis Installationen sind seit den 1980er-Jahren monumental und extrem prägnant. Und sie bilden sich um eine einzige Metapher: Wasser als Sinnbild von Zeit, Leben und Denken.

Hatte Plessi als junger Konzeptkünstler des Absurden in den 1960ern noch echtes Wasser zersägt, genagelt oder in Käfige gesperrt, so fand er in der darauffolgenden Dekade in der Verbindung des bläulichen Videolichts und des fließenden Elements sein Lebensthema. TV-Monitore, die Bilder bewegter Flüssigkeiten verstrahlten, integrierte er in archaische Monumente wie steingefasste Kreise oder Mühlräder, in Boote, Becken oder Waagen. Er stellte Schaufeln auf die Schirme oder ließ das Bildschirmwasser aus Trichtern, Kreuzen oder Schrägen scheinen. Und manchmal prasselte dessen Antimaterie, das Feuer, golden aus Installationen, etwa bei den kopfüber kreisenden Beichtstühlen von 1995, „Movimenti Catodici Barocchi“, die wie eine selten klare politische Stellungnahme in Plessis Arbeit erschienen.

„Ich empfinde in wagnerianischen Dimensionen“, sagt Plessi über seine Liebe zur großen Geste: „Vielleicht weil ich selbst klein bin, denke ich groß.“ Spätestens seit der documenta 8 von 1987, als er in Kassel „Roma“ zeigte, einen travertinverkleideten Monitorkreis, über dessen 38 Bildschirme der „Tiber“ floss, war der Schmied des Wassers ein angesagter Mann fürs Große. Geräusche und Bewegung, Licht und massive Objekte aus Stein, Holz oder Cortenstahl verbinden sich in seinen „Gesamtkunstwerken“ zu theatralischen Raumskulpturen.

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mare No. 134

No. 134

Von Till Briegleb

Till Briegleb, geboren 1962, arbeitet als Kulturjournalist für die „Süddeutsche Zeitung“ und zahlreiche Magazine. Seit Fabrizio Plessis spektakulärer Inszenierung „Roma“ bei der documenta 1987 hat er die flüssige Videowelt des venezianischen Künstlers kontinuierlich verfolgt. Nun gelang es ihm endlich, den extrem viel Beschäftigten einmal in seinem Atelier in Venedig zu besuchen.

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Vita Till Briegleb, geboren 1962, arbeitet als Kulturjournalist für die „Süddeutsche Zeitung“ und zahlreiche Magazine. Seit Fabrizio Plessis spektakulärer Inszenierung „Roma“ bei der documenta 1987 hat er die flüssige Videowelt des venezianischen Künstlers kontinuierlich verfolgt. Nun gelang es ihm endlich, den extrem viel Beschäftigten einmal in seinem Atelier in Venedig zu besuchen.
Person Von Till Briegleb
Vita Till Briegleb, geboren 1962, arbeitet als Kulturjournalist für die „Süddeutsche Zeitung“ und zahlreiche Magazine. Seit Fabrizio Plessis spektakulärer Inszenierung „Roma“ bei der documenta 1987 hat er die flüssige Videowelt des venezianischen Künstlers kontinuierlich verfolgt. Nun gelang es ihm endlich, den extrem viel Beschäftigten einmal in seinem Atelier in Venedig zu besuchen.
Person Von Till Briegleb