Die Insel des Kapitalisten

Der dänische Bankier Kim Fournais kaufte eine kleine Insel in der Ostsee. Dort will er beweisen, dass der Kapitalismus gut ist

Das Flugzeug stand lange auf dem Vorfeld in der Hitze. „Tut mir leid. Es ist heiß wie in einer Sauna hier“, sagt Kim Fournais aus dem Cockpit, während er die Instrumente checkt. „Auf Vejrø können wir ja ins Wasser springen und uns abkühlen“, antworte ich. „Haben Sie eine Badehose dabei, oder machen Sie es auf die deutsche Art?“, fragt Fournais. Dänen verbinden Deutsche notorisch mit Nacktbaden. „Warum nicht? Vejrø ist ja eine private Insel.“ – „Stimmt!“, sagt Fournais und lacht, dann steuert er die Pilatus PC-12 auf die Startbahn. Die Turbopropmaschine ist das einzige Flugzeug, das an diesem heißen Sommermorgen auf dem Flughafen von Roskilde ab- hebt. Der Multimillionär hat sich in seiner Bank einen Tag freigenommen, um seine Insel zu zeigen.

Das kürzeste Wort im Dänischen besteht aus einem Buchstaben: „Ø“ heißt „Insel“. Dänemark hat rund 1400 davon. Die meisten sind so klein, dass sie nicht einmal einen Namen haben. Von den 443 benannten Inseln sind 72 bewohnt. Vejrø war zuletzt eine der unbewohnten. „Als ich sie kaufte, war sie eine Müllhalde“, sagt Fournais. „Alte Waschmaschinen, Fahrräder … 100 Tonnen Dreck haben wir weggeräumt.“ Dann ließ Fournais einen Hafen mit Platz für 80 Boote bauen, ein Hotel und ein Restaurant. Es wird von der eigens aufgebauten Biolandwirtschaft auf der Insel versorgt, zum Teil mit der Ernte aus dem Treibhaus im viktorianischen Stil. Bislang hat Fournais mehr als 200 Millionen Kronen auf der Insel investiert, rund 27 Millionen Euro.

Wir fliegen über die flachen Wälder und Felder und die dazwischen gesprenkelten Gehöfte und Weiler. Die Häuser ducken sich alle einstöckig unter dem weiten Himmel. In Dänemark herrschte sehr lange die Horizontale – auch in der Gesellschaft. Man ragt nicht auf und man schaut nicht über die anderen hinweg oder gar herunter: So verlangt es das Janteloven, ein sozialer Kodex, der im Protestantismus gründet und dem alle bewusst oder unbewusst folgen. „Du sollst nicht glauben, dass du etwas Besonderes bist“, lautet das erste Gebot. Was aber, wenn du etwas Besonderes sein willst?

Fournais steuert das Flugzeug über die Küste Seelands hinweg. Am Strand darf sich in Dänemark jedermann aufhalten. Auch wo das Land in Privatbesitz ist, darf man baden, angeln, aufs Wasser schauen. In Dänemark ist der freie Zugang zur Küste ein Menschenrecht. Kann es für einen Privatmann etwas Exklusiveres geben als eine eigene Insel, die man nur per Yacht oder Flugzeug erreicht? „Die Insel ist für mich kein Statussymbol“, antwortet Fournais. „Vejrø ist ein Projekt. Ich will meine Idee vom ehrlichen Kapitalismus beweisen.“

Nach zwölf Minuten in der Luft erreichen wir Vejrø mitten im Smålandfahrwasser. Die Insel liegt auf dem Wasser wie ein Blatt Papier. 2,3 Kilometer lang, 700 Meter breit, Grasland, kleine Waldstücke, Knicks, ein paar Häuser, Sandstrand. Zu Fuß kann man Vejrø in nur zwei Stunden bequem umrunden.

Fournais setzt das Flugzeug weich auf der Graspiste auf, geplant ist ein walk and talk, wie er das Spazierengehen nennt. Fournais ist in Dänemark ein bekannter Mann. Erwähnt man seinen Namen im Büro oder in der Kneipe, fallen die Begriffe „Ultraliberalist“ und „Superkapitalist“. Fournais ist athletisch gebaut, gerne lässt er Journalisten wissen, dass er den schwarzen Gürtel in Karate hat. Er trägt kurze Hosen, Gesicht und Waden sind so braun gebrannt wie bei einem Straßenbauarbeiter.

Über zweieinhalb Jahrzehnte baute Fournais mit seinem Geschäftspartner Lars Seier die Saxo Bank auf, eine digitale Handelsplattform für Finanzprodukte. Er schuf bislang rund 1500 Arbeitsplätze mit dem Fintech-Unternehmen, und er wurde reich. 2017 taxierte die Zeitung „Berlingske“ sein Vermögen auf 389 Millionen Euro. Auf der Liste der reichsten Dänen nimmt er Platz 38 ein.

Gewöhnlich beschränken sich die Leute auf der Liste auf das Mehren ihres Vermögens und äußern sich nicht öffentlich zu politischen und gesellschaftlichen Fragen. Wer leise lebt, lebt gut: Das ist das Motto dänischer Wirtschaftslenker. Laut Janteloven gilt es den Vorwurf zu vermeiden, klüger sein zu wollen als andere. Und wer nicht auffällt, vermeidet Neid.


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mare No. 134

No. 134

Von Bernd Hauser und Jan Windszus

Bernd Hauser, Jahrgang 1971, schreibt unter anderem für „Stern“, „Geo“ und die „NZZ am Sonntag“. Er ist mit einer Dänin verheiratet und lebt seit 18 Jahren in Kopenhagen.

Jan Windszus, geboren 1976, studierte Fotografie an der HAWK Hildesheim. Seit 2005 lebt und arbeitet er als freier Fotograf in Berlin.

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Vita Bernd Hauser, Jahrgang 1971, schreibt unter anderem für „Stern“, „Geo“ und die „NZZ am Sonntag“. Er ist mit einer Dänin verheiratet und lebt seit 18 Jahren in Kopenhagen.

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