Tauchfahrt durch die Zeiten

Zwei Verfilmungen in 37 Jahren von Buchheims U-Boot-Romanen zeigen das sich wandelnde Geschichtsbild der Deutschen

Ein deutsches U-Boot durchpflügt wie ein riesiger Aal den Atlantik. Wir sehen senkrecht von oben auf das Schauspiel, aus einer Perspektive, wie sie noch nie zuvor in einem Fernsehfilm zu sehen war. Die Neuverfilmung aus dem Jahr 2018 von Lothar-Günther Buchheims Romanen „Das Boot“ und „Die Festung“ macht schon in der allerersten Einstellung klar, dass Zeit vergangen ist, Zeit vor allem in Hinsicht auf die Spezialeffekte. Doch nur Sekunden später wähnen wir uns für Momente wieder im Jahr 1981, als mit Wolfgang Petersens Verfilmung erstmals eine Kinoversion des U-Boot-Krieges die Leinwände eroberte. Die bärtigen Gestalten in zerknitterten Uniformen, die aus dem Luk auf den Turm klettern, stehen der alten Mannschaft um den Schauspieler Jürgen Prochnow in nichts nach. Fast hören wir die ikonischen Töne der Titelmelodie, während der „Kaleu“ und seine Offiziere mit Ferngläsern das Meer absuchen. Für einen Augenblick ist der Kommandant abgelenkt. Delfine springen neben seinem Boot durch die See.

Was für ein Moment. Männer, die in diesen Krieg irgendwie hineingeraten sind, sich im Angesicht einer übermächtigen Gefahr behaupten und gleichzeitig ihre Menschlichkeit bewahren, das zeigte uns der Petersen-Film. Dass der Rückblick aus dem Jahr 2018 nicht anders ausfällt, könnte man in den ersten Minuten der Neuverfilmung vermuten. Das U-Boot wird von einem Flieger angegriffen, muss tauchen, dann kommen die Wasserbomben. Wer die suchenden Klänge des Echolots hört und den alten Film kennt, wähnt sich in trügerischer Sicherheit. Es wird krachen, rütteln und schütteln, alle werden schreien und einige Nieten platzen, aber zum Schluss werden die in ihrem Eisensarg eingesperrten Deutschen über die Tommies triumphieren. Zum Schluss kommt die Mannschaft dank der Weisheit ihres „Kaleu“ und der überragenden deutschen Ingenieurskunst noch einmal davon.

Das war die Lehre aus Buchheims Roman, der zwar am Ende das Boot im vermeintlich sicheren Hafen von La Rochelle bei einem Fliegerangriff versenken lässt, bis dahin aber eine U-Boot-Mannschaft als Vorlage für Petersens Film auf Feindfahrt gehen lässt, auf die die Beschreibung „Helden der Tiefsee“ im schönsten NS-Propagandadeutsch mehr als zutreffend erscheint – Helden, die im offenen Kampf mit dem Feind ungeschlagen bleiben und charakterlich in höchstem Maß zu sich selbst finden.

Dass wir 2018 anders auf die Vergangenheit zurückblicken, zeigt das Ende der langen Eingangssequenz der Neuverfilmung. Wieder fallen Wasserbomben, wieder wird das Boot getroffen, wieder klemmt das Tiefenruder. Nur wartet diesmal nicht wie auf die Prochnow-Crew eine Handvoll Sand als Deus ex Machina, als letzte Rettung und Prüfung auf die Besatzung, sondern der Tod ist hässlich. Wie die Nieten platzen und die Besatzung den nahenden Tod erkennt, wie das Wasser unerbittlich steigt und ein Offizier mit letzter Kraft den Pistolenschrank in der Offiziersmesse öffnet, wie er sich ganz unheldenhaft erschießt, um dem qualvollen Tod durch Ertrinken zu entgehen – die Verfilmung von 2018 reicht die Bilder nach, die in Petersens Epos nie zu sehen waren. Dass dieses Boot kein Ort einer Heldensage wird, markieren bereits die ersten zehn Minuten. Nach diesem grauenhaften Tod werden die Bilder von dem durch den Atlantik pflügenden U-Boot für den Rest der Serie korrumpiert bleiben.

Dieser Schock ist erst der Anfang, denn die Neuverfilmung räumt auch an Land gründlich mit den Mythen über die Krieg führenden Deutschen aus der Nachkriegszeit auf. Und sie fügt gleichzeitig neue Mythen hinzu. Sie ist nicht nur eine Erzählung über den deutschen U-Boot-Krieg, sondern markiert auf erstaunliche Weise das sich verändernde Geschichtsbewusstsein der Deutschen von 1981 bis heute. Damit ist sie, wie ausnahmslos jeder Geschichtsfilm, weniger ein Dokument über die Vergangenheit als vielmehr eine ergiebige Quelle über ihre Entstehungszeit.

Als „Das Boot“ Anfang der Achtziger zum ersten Mal verfilmt wurde, war das öffentliche Interesse gewaltig. Schon die Vorlage hatte die Menschen in der alten Bundesrepublik tief bewegt. Da hatte mit Buchheim ein ehemaliger U-Boot-Fahrer seine Erlebnisse in einen Roman verwandelt, der die Schrecken der NS-Diktatur als genau jene Geschichte erzählte, die die meisten Deutschen zu Hause von der noch lebenden Kriegsgeneration erzählt bekam. Der Krieg ist in Buchheims Romanen etwas, das über die U-Boot-Fahrer gekommen ist wie eine Naturkatastrophe.

Ebenso die nationalsozialistische Ideologie und Schreckensherrschaft. Auf Buchheims Boot fahren Seemänner mit moralischen Prinzipien, die über Göring und Hitler lästern und über den bordeigenen Plattenspieler romantische Lieder abspielen. Regelrechte Heldenverklärung betreibt Buchheim, wenn er die Kommandanten der U-Boot-Flotte beschreibt, denen er in der Figur des namenlosen „Alten“ ein Denkmal gesetzt hat. Buchheim sieht in ihnen mitgenommene, von der Last der Verantwortung gezeichnete Männer, die ihre Pflicht tun. Der Mythos einer sauberen Wehrmacht, die mit den Gräueln der Nazis nichts zu tun hatte, wird durch die Vorlage unbewusst befeuert.


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mare No. 134

No. 134

Von Alexander Kohlmann

Alexander Kohlmann, Jahrgang 1978, promovierter Medienwissenschaftler, Dramaturg und Autor, ist immer wieder überrascht, wie viel die oft als trivial geschmähten Produkte der Unterhaltungsindustrie über den Zeitgeist offenbaren. Für mare schrieb er bereits über Geisterschiffe, den Medienmythos „Titanic“ und das Flimmern des Ozeans im Kino.

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Vita Alexander Kohlmann, Jahrgang 1978, promovierter Medienwissenschaftler, Dramaturg und Autor, ist immer wieder überrascht, wie viel die oft als trivial geschmähten Produkte der Unterhaltungsindustrie über den Zeitgeist offenbaren. Für mare schrieb er bereits über Geisterschiffe, den Medienmythos „Titanic“ und das Flimmern des Ozeans im Kino.
Person Von Alexander Kohlmann
Vita Alexander Kohlmann, Jahrgang 1978, promovierter Medienwissenschaftler, Dramaturg und Autor, ist immer wieder überrascht, wie viel die oft als trivial geschmähten Produkte der Unterhaltungsindustrie über den Zeitgeist offenbaren. Für mare schrieb er bereits über Geisterschiffe, den Medienmythos „Titanic“ und das Flimmern des Ozeans im Kino.
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