Poetry Slum

In einem Elendsviertel in der Lagune von Lagos in Nigeria leben 100 000 Menschen in Pfahlbauten. Die Lebensbedingungen sind schwierig. Aber die meisten wollen hier bleiben

Wie viele andere in Makoko, dem Slum in der Lagune von Millionenmetropole Lagos, ist auch Marie Gogan fest entschlossen, niemals wegzuziehen. Die 70-Jährige kam in der Küstensiedlung zur Welt, die aus sechs zu Lande und zu Wasser gelegenen Gemeinden besteht und häufig als „Venedig Afrikas“ bezeichnet wird. Makoko gehört zu den ältesten Fischereigemeinden der Welt. Schätzungen der Bevölkerungszahl schwanken zwischen 80 000 und 400 000. Marie hat ihre drei Töchter und zwei Söhne in Makoko großgezogen. Ihr Mann starb vor 22 Jahren. Ihre Töchter sind verheiratet und leben mit ihren Männern in Nachbargemeinden. Ihre Söhne sind Bauarbeiter und wohnen mit ihr und ihren Familien in dem Holzschuppen, der seit Jahrzehnten ihr Zuhause ist.

„Manchmal bitten mich meine Töchter, bei ihnen zu wohnen, aber ich komme immer wieder hierher zurück.“ Marie sitzt auf einem Hocker vor ihrem Haus, neben ihr steht ein Tablett mit Räucherfisch, den sie zum Verkauf anbietet. Frischer Wind weht den Geruch der Lagune herüber. „Niemand kann mich zwingen, diesen Ort zu verlassen. Ich bleibe, bis ich sterbe. Nur Gott kann mich von hier fortholen.“

Die Verbundenheit mit Makoko und den festen Willen, bis zum Ende dort zu bleiben, teilen offenbar viele Bewohner der Küstengemeinde, von denen nicht wenige in engen Unterkünften hausen, die manchmal bis zu 20 Menschen beherbergen – Großeltern, Eltern, Ehefrauen und Kinder. Sie leben in Holzschuppen und Häusern auf Pfählen im Wasser oder schlafen in schwimmenden oder angelegten Booten. Ob es die Frauen sind, die Räucherfisch auf Metalltabletts anbieten, die Mädchen, die auf Hockern Mangos oder Gummislipper verkaufen, oder die jungen Männer, die schwatzend und lachend die staubigen Straßen bevölkern – sämtliche Bewohner von Makoko, denen ich begegne, versichern mir, dass sie diese Siedlung, die sie Heimat nennen, nie verlassen werden.

„Ich träume davon, dass ich diesen Ort verändere, nicht davon, dass ich wegziehe“, sagt der 23-jährige Sunday Jilado, Student der Mikrobiologie an der University of Ibadan, Nigerias angesehenster Bildungseinrichtung im südwestlichen Bundesstaat Oyo. „Auch wenn wir nicht in großen Villen leben, habe ich Heimweh, wenn ich an der Uni bin. Diesen Ort hier liebe ich, für ihn fühle ich mich verantwortlich und finde, dass man das Los der Menschen verbessern sollte. Das alles bestärkt mich darin, eine akademische Laufbahn einzuschlagen, und gibt mir ein Ziel vor Augen.“

Tobi Aide, ein 29-jähriger Fischer, der Makoko manchmal in Wettbewerben mit anderen Fischerdörfern vertritt, drückt seine tiefe Verbundenheit so aus: „Wie soll ich fischen, wenn ich anderswo hingehe?“

Doch über ihrem Leben hängt ein Damoklesschwert. Es kann sein, dass die Bewohner ihre so geliebte Siedlung verlassen müssen. Viele fürchten, es könnte plötzlich geschehen, heute, morgen, jederzeit.

Vor langer Zeit, Mitte des 19. Jahrhunderts, verließen Fischer des Dorfes Badagry im Bundesstaat Lagos, an Nigerias Grenze zu Benin, ihre Gemeinde und entdeckten einen Ort, der ihnen mehr zum Leben bot. ➣ Dieser Ort lag an einem Gewässer, das voll war mit Fischen – die Lagune von Lagos. Wenig später kam eine andere Gruppe Fischer aus dem benachbarten Bundesstaat Ogun dazu, dann einige weitere aus anderen Dörfern.

„Sie kamen, weil sie sich hier ihren Lebensunterhalt verdienen konnten“, sagt Tobis 65-jähriger Vater Jejelaiye Aide, Fischer im Ruhestand und die vergangenen elf Jahre einer der Gemeindeväter Makokos. Diese Oberhäupter, die man Baale nennt, stehen jeweils einer der sechs Gemeinden als eine Art von Bürgermeister vor, die vom Volk im Hinblick darauf ausgewählt werden, ob sie genügend Einfluss ausüben können.

Baale Aide sitzt auf einer Bank im Hof seines Hauses, im Schatten von Bäumen, umringt von seinen Enkeln, Urenkeln und fünf Hunden, und erzählt die Geschichte, die ihm seine Eltern einst erzählten. „Sie sahen, dass es hier große Flüsse gab, in denen sie im Gegensatz zu ihrer früheren Heimat fischen konnten. Hier gab es unterschiedlichste Arten von Fischen. Die Gründe in der alten Heimat waren längst nicht so ergiebig.“


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 134. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 134

No. 134

Von Adaobi Tricia Nwaubani und Jesco Denzel

Adaobi Tricia Nwaubani, Jahrgang 1976, lebt in Nigeria als Schriftstellerin und Journalistin. Ihr Roman „I Do Not Come to You by Chance“ wurde als bester afrikanischer Debütroman mit dem Commonwealth Writers’ Prize 2010 ausgezeichnet.

Drei Wochen vermied der Berliner Fotograf Jesco Denzel, geboren 1972, in das trübe Wasser von Makokos Kanälen zu fallen – bis er am vorletzten Tag doch auf ein morsches Brett trat und im Wasser landete. Er wird von der Agentur Laif repräsentiert.

Mehr Informationen
Vita Adaobi Tricia Nwaubani, Jahrgang 1976, lebt in Nigeria als Schriftstellerin und Journalistin. Ihr Roman „I Do Not Come to You by Chance“ wurde als bester afrikanischer Debütroman mit dem Commonwealth Writers’ Prize 2010 ausgezeichnet.

Drei Wochen vermied der Berliner Fotograf Jesco Denzel, geboren 1972, in das trübe Wasser von Makokos Kanälen zu fallen – bis er am vorletzten Tag doch auf ein morsches Brett trat und im Wasser landete. Er wird von der Agentur Laif repräsentiert.
Person Von Adaobi Tricia Nwaubani und Jesco Denzel
Vita Adaobi Tricia Nwaubani, Jahrgang 1976, lebt in Nigeria als Schriftstellerin und Journalistin. Ihr Roman „I Do Not Come to You by Chance“ wurde als bester afrikanischer Debütroman mit dem Commonwealth Writers’ Prize 2010 ausgezeichnet.

Drei Wochen vermied der Berliner Fotograf Jesco Denzel, geboren 1972, in das trübe Wasser von Makokos Kanälen zu fallen – bis er am vorletzten Tag doch auf ein morsches Brett trat und im Wasser landete. Er wird von der Agentur Laif repräsentiert.
Person Von Adaobi Tricia Nwaubani und Jesco Denzel