Stadt im Rausch

Hongkongs atemberaubende Entwicklung zum fernöstlichen Finanz­zentrum fußt paradoxerweise auf einer außergewöhnlich perfiden Politik der einstigen Kolonialherren

Zwei Vorschläge für die Eröffnungssequenz eines Spielfilms, der in Hongkong spielt, als es noch britische Kronkolonie war. In beiden Fällen wird der Zuschauer aus der Gegenwart durch eine Rückblende ins 19. Jahrhundert versetzt.

Rückblende eins beginnt mit einem nächtlichen Blick vom Victoria Peak auf die atemberaubend illuminierte Stadt, so wie er sich einem Betrachter der Gegenwart bietet. Dicht schmiegen sich die silbrig-blau schimmernden Wolkenkratzer über den Straßenfluchten von Hong Kong Central aneinander, sie säumen die Front des Victoria Harbour, der nur durch ein schmales Stück Wasser von Kowloon getrennt ist. Auch dort Lichter und Hochhäuser, so weit das Auge reicht. Vergesst New York!, scheint diese Skyline sagen zu wollen. Sie wirkt wie eine schon verwirklichte und doch futuristische Lösung des Problems, ein Maximum an Menschen auf minimaler Fläche unterbringen zu müssen. Dann aber verblassen die neuen Häuser, und nur die Landschaft bleibt. Wir sind nun mitten in einem Bild, das die amerikanische Journalistin Nellie Bly in ihrem von Jules Verne inspirierten Reisebuch „Around the World in Seventy-Two Days“ bereits 1890 beschrieben hat. Auch sie hatte sich auf den Victoria Peak fahren und ihren Blick von der Terrasse des Hotels „Craigiburn“ schweifen lassen. „Die Aussicht“, schwärmt Bly, „ist überragend. Die Bucht liegt zwischen den Bergen verschanzt. Das Wasser ist ruhig und klar und durch Hunderte Schiffe gesprenkelt, die von hier oben aussehen wie Spielzeuge. Palastartige weiße Häuser schmiegen sich von der spiegelglatten Wasserfläche angefangen über den halben Anstieg des Berges hinauf. Jedes Haus, das wir sehen, hat einen eigenen Tennisplatz. Angeblich ist die Aussicht von diesem Berg gerade bei Nacht unübertroffen. Man scheint wie zwischen zwei Himmeln aufgehoben zu sein. Nach Einbruch der Dunkelheit hat jedes einzelne der tausend Schiffe und Ruderboote eine Laterne an Bord. Zusammen mit den Lichtern auf der Straße und in den Häusern entsteht dadurch ein Himmel, an dem mehr Sterne zu leuchten scheinen als am wirklichen Himmel über uns.“

Zweite Einstiegssequenz, diesmal mit Menschen im Bild: Wir befinden uns im Juni 2009 auf einem Polizeigelände in Peking. Hier schichten chinesische Staatsdiener gerade 400 Kilogramm Drogen, darunter Heroin, Metamphetamin, Kokain und Marihuana, zu einem Haufen auf und setzten ihn in Brand. Das Besondere an dieser Entsorgungsmaßnahme ist ihr erklärter Anlass. Man feiert ein Jubiläum. Vor genau 170 Jahren, am 3. Juni 1839, fand in der südchinesischen Provinz Guangdong schon einmal eine vom Staat verordnete Drogenvernichtung statt. Dorthin nun die Rückblende:

Man sieht, in weiten blauen und ärmellosen Gewändern und mit streng zum Zopf geflochtenen Haaren, die Gehilfen des Vizekönigs Lin Tse-hsü. Sie sind damit beschäftigt, die Asche von 20 000 Kisten Opium, die sie zuvor verbrannt haben, ins Meer zu kippen. Das ist keine kleine Menge. Man brauchte, um sie restlos zu entsorgen, nicht weniger als 20 Tage. Auch damals schon handelte es sich um beschlagnahmtes Rauschgift. Die Chinesen hatten es von den Engländern konfiziert, die das Land mit Opium geradezu überschwemmt hatten. Dieser Film – so viel ist jetzt deutlich – erzählt Kolonial- als Kriminalgeschichte.

Tatsächlich ist die Drogenverbrennung von Humen von weitreichender historischer Bedeutung. Was damals geschehen war, zeugte von einem wütenden Aufbäumen des Reiches der Mitte gegenüber den Kolonialmächten und provozierte die postwendende Rache durch die Briten. Der Erste Opiumkrieg dauerte von 1839 bis 1842 und führte zur Gründung der britischen Kronkolonie Hongkong. Aber der Reihe nach.

Alles war eine Folge der Handelsbeziehungen zwischen China und Europa. Nachdem man bereits mit den Portugiesen, die eine Niederlassung auf Macao eingerichtet hatten, Geschäfte machte, drängte 1699 auch die British East India Company auf Chinas Markt. Die in Kanton stationierten Briten kauften Seide, Tee, Gewürze und Porzellan. Und weil Europas Nachfrage nach diesen Gütern riesig war und die Chinesen sich in Silber bezahlen ließen, herrschte in England schon bald Knappheit an dem Edelmetall. Die Handelsbilanz wies eine gravierende Schieflage auf. Schließlich hatten die Europäer ihrerseits keine Waren anzubieten, für die Chinesen sich interessierten. Sie kauften, aber sie verkauften nichts. Und fanden für dieses wirtschaftliche Problem bald eine so böse wie wirkungsvolle Lösung.


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mare No. 105

No. 105August / September 2014

Von Ronald Düker

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Person Von Ronald Düker
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