Brüder, zur Sonne, zur Freiheit

Die DDR hat seinerzeit das Fernseh-Traumschiff erfunden. Mit sozialistischem Ethos fuhr die MS „Fichte“ in neun Episoden „Zur See “ und fegte im Osten Deutschlands die Straßen leer

Jeden Freitagabend im Januar 1977 hatte das Westfernsehen für 70 Minuten ausgedient. Das wollte etwas heißen, schließlich war es unser Lieblingskanal. Ich war Kind in Rostock, das Land durch die Mauer geteilt, wir aßen Erdnussflips und zappten Punkt 20 Uhr ins erste Programm des DDR-Fernsehens. Dort gingen Kapitän Karsten und seine Crew von der MS „Fichte“ auf große Fahrt. Zwar nicht nach USA oder Australien, aber immerhin bis Kuba. Wobei die Karibikinsel auch herhalten musste, wenn die Crew angeblich vor Jamaika oder Mexiko lag. Denn Drehgenehmigungen wurden nur für und im sozialistischen Bruderstaat erteilt, und das war Castros Kuba.

Dort gab es Palmen und dunkelhäutige Menschen, die in alten Amischlitten durch das hübsch-morbide Havanna cruisten oder in Bars leichtfüßig Salsa tanzten. „Zur See“ hieß die Serie, die damals im Wortsinn Wellen schlug. Allein der Vorspann war anders, westlicher irgendwie, eine Abfolge maritimer Sequenzen, untermalt mit schmissiger Musik, die manch einer noch heute aus dem Stand intonieren kann. Dazu schnelle, aufwühlende Bilder: Schiff in schwerem Wellengang, eine barbrüstige Crew beim Löschen der Fracht, hektische Tauchgänge zur Schiffsschraube, ein einfahrender Citroën (Westauto!) am Kai und schlanke Tänzerinnen vor karibischer Kulisse. Das alles machte Lust auf mehr – und natürlich aufs Meer. Sogar mein Cousin spielte mit, in Folge acht, als junger Offizier in Gewissensnöten zwischen seiner Freundin und deren Vater, seinem Chef.

Dass es überhaupt eine Serie gab, die das Ausland zu einem Sehnsuchtsziel stilisierte, grenzte an ein Wunder. Und war in Wahrheit auch nicht so gemeint. Denn im Vordergrund stand das sozialistische Arbeitskollektiv rund um Kapitän Karsten. Arbeitskollektive wurden oft und gern gezeigt, sie galten als Kernzelle des Erfolgs beim Aufbau des Sozialismus. Jetzt, 25 Jahre später, reicht so eine Formulierung nur noch für einen Lacher, aber Fernsehen, ob sozialistisch oder kapitalistisch, ob einst oder heute, hat sich noch nie viel um die Lücke zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung seiner Stoffe geschert. Wir jedenfalls schauten „Zur See“ nicht wegen der gebetsmühlenartigen Huldigung unserer Genossen Seemänner, sondern wegen Kuba und was wir davon erhaschen konnten.

Wobei zu vermuten ist: Wäre die Serie zwölf Jahre später, 1989, gelaufen, hätte sie nur noch Wut provoziert. Denn zu dieser Zeit wollten wir endlich selbst nach Kuba fliegen; 1977 war der Frust noch nicht so weit gediehen, da gönnten die meisten von uns den Seeleuten noch Ausflüge in fremde Welten. Zumal es diese dramaturgisch in sich hatten. Auf der „Fichte“ war immer etwas los: Kolbenfresser auf hoher See, ein an Bord geschmuggelter Brandsatz, einmal auch ein „blinder Passagier“, ein Ochse, von dem keiner weiß, wie er an Bord gekommen ist. Nach seiner Entdeckung wetzt er schnaubend davon und wird erst vom Seefahrtsneuling Winfried dingfest gemacht. Leider knallt dieser dabei mit dem Kopf auf die Planken und muss in einer dramatischen Notoperation wiederhergestellt werden. Und bei einer Kollision mit einem anderen Schiff, an der Kapitän Karsten schuld sein soll, sterben drei fremde Männer. Doch alles Drama löst sich alsbald auf. Und Karsten und Crew kommen heil davon.

Feindliche Attacken, seien es die des Wetters (Hurrikan) oder die des Klassenfeinds (Spionage, Falschberatung) werden final immer abgewehrt, und das Kollektiv erstrahlt als Sieger über jedwede Unbill. Die wahren Probleme des sozialistischen Seealltags, in dem auch Alkohol und Materialknappheit eine Rolle spielten, fallen aus. Dafür steht das Familiäre bei „Zur See“ hoch im Kurs. Da reist der Kapitän nach Thüringen, um seinen Funker aus dem Hochzeitsurlaub zu holen, da zerbricht beinahe die Ehe des Chiefs, weil der kaum zu Hause ist. Aber auch hier: Alles wird gut oder sogar besser. Und immer ist Zeit für ordentlich Klamauk, wird handfest herumgewitzelt oder der Smutje alias „Bulettenschmied“ gefoppt, einfach weil er Sachse ist und die von den Mecklenburgern gern hochgenommen werden. „Zweifelsfrei ein Knüller“, jubelt der TV-Rezensent der „Leipziger Volkszeitung“ seinerzeit in seiner Kolumne „Televisionen“ über „Zur See“, traut sich aber auch, den Humor als „mottenkistig“ abzuwatschen.

Doch selbst mit den fadesten Schenkelklopfern war die Serie un- ser Highlight. Mancher empfand sie sogar wegweisend für sich selbst. Junge Männer heuerten ihretwegen als Matrosen in Rostock an, zwei ehemalige Lehrlinge der Deutschen Seereederei (DSR) betreiben heute die Website „Arbeitsgruppe ‚Zur See‘“, man tauscht Erinnerungen aus und sehnt sich nach Wiederholungen. Die letzte lief 2011 im MDR – und damit insgesamt öfter als die „Schwarzwaldklinik“. Als 2009 endlich die DVD zur Serie erschien, hatte das Sehnen ein Ende, auch im ehemaligen Zonenrandgebiet, bei den Holsteinern. Denn selbst mancher Westler sah „Zur See“ und tönt noch heute voller Freude im Netz: „Ich habe diese Serie als Teenager förmlich verschlungen. Bei uns gab es etwas Vergleichbares nämlich nicht. Ihr hattet ja sogar einen Fernsehkapitän! Neid! Selbst die ständigen Kabbeleien zwischen Fettkeller (Maschinisten) und Brücke (Nautiker) sind einfach realistisch!“ Die Kombi Schiff und Meer einigte die Landratten auf beiden Seiten. Und „einfach nur drollig“ fanden nicht nur Westler Ausdrücke wie „Genosse Kapitän“ oder „Konfliktausschuss“, sondern auch die meisten Ostler.


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 114. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.