Blattgold

Der älteste Mieter in der Hamburger Speicherstadt und seit über 130 Jahren im Teegeschäft – ohne das Traditionshaus Hälssen & Lyon wäre Tee in der westlichen Welt wohl nie so populär geworden. Im Gespräch mit Geschäftsführer Dietmar Scheffler

No. 119Dez 2016 / Jan 2017

Interview

Autoren Nikolaus Gelpke und Jan Keith

Nikolaus Gelpke, Chefredakteur und Herausgeber von mare und Jan Keith, Redaktion Wirtschaft und Wissenschaft führten das Gespräch mit Dietmar Scheffler bei Hälssen & Lyon in der Hamburger Speicherstadt.

Dietmar Scheffler

Dietmar Scheffler, Jahrgang 1959, ist seit 1998 der Geschäftsführer von Hälssen & Lyon. Jeden Tag aufs Neue freut er sich über seinen Blick auf die Fleete.

In Sachen Tee dürfte Ihnen tatsächlich so schnell keiner etwas vormachen. Hälssen & Lyon, dessen Geschäftsführer Sie sind, handelt seit über 130 Jahren mit Tee.
1887 bezog das Unternehmen den heutigen Firmensitz in der Hamburger Speicherstadt, am Pickhuben 9. Wir sind der älteste Mieter hier …

… und haben noch immer das gleiche Geschäftsmodell?
Im Prinzip ja, aber komplexer. Die ursprüngliche Geschäftsidee lautete: Wir kaufen den Tee dort, wo er wächst, und verkaufen ihn dort, wo er nicht wächst. Heute veredeln wir den Tee in jeder denkbaren Weise. Wir mischen, wir aromatisieren, wir verfeinern mit hochwertigen Zutaten, wir entkoffeinieren, wir stellen Tee-Extrakte her, wir verpacken und füllen auch flüssige, zuckerfreie Tees in Flaschen. Wir sind Innovator und Ideenlieferant für viele Teemarken.

Auch für Weltkonzerne wie Nestlé?
Wir nennen grundsätzlich nicht die Namen unserer Kunden. Nur so viel: Wir beliefern den Großteil der Teemarken, deren Qualitätstees weltweit angeboten werden – in Tophotels, in der Gastronomie, in hochwertigen Supermärkten, in Luxus- oder Teespezialgeschäften.

Woher kommt denn Ihr Tee?
Aus den klassischen Ursprungsländern China, Indien, Sri Lanka, Indonesien und 30 weiteren Teeanbauländern.

Und die Ware bekommen Sie per Schiff?
Ja, zu 99 Prozent. Das ist immer noch so wie früher. Ein bisschen hat sich allerdings schon verändert. Früher kam der Tee in Schuten zu uns in die Speicherstadt; die wurden von Barkassen durch die Fleete gezogen. Die Teekisten hievte man von der Wasserseite aus auf den fünften Boden und lagerte sie dort. Gemischt wurde mit Schaufeln. Zur Herstellung größerer Mischungen stürzte man den Tee vom fünften Boden durch ein Loch im Boden über Kegel auf den vierten Boden, von dort aus zum dritten Boden. Unten angekommen, war die Mischung fertig. Dort schaufelte man den Tee wieder in eine Teekiste.

Das war in der bewegten Gründerzeit von Hälssen & Lyon.
Und in den ersten 100 Jahren danach. 1879 wurde das Unternehmen von Gustav Vincent Hälssen und Alfred Moritz Lyon ins Leben gerufen. Wenig später fiel Herr Hälssen aus einer Pferdedroschke und starb. Herr Lyon führte die Geschäfte zunächst allein weiter. 1907 wurde Johann Carl Ferdinand Ellerbrock Teilhaber und übernahm das Unternehmen bald ganz. Noch heute ist die Familie Ellerbrock alleinige Eigentümerin, in der vierten Generation, und die fünfte steht schon bereit. Hälssen & Lyon ist stolz auf eine lange Familientradition. Nur die Teekisten sind verschwunden. Heute wird der Tee in Säcken transportiert und vom Containerschiff direkt zu unserer Produktionsstätte in Hamburg-Allermöhe gebracht.

Mit einer so sensiblen Ware wie Tee zu handeln, stellen wir uns schwierig vor. Woher wissen Sie, wo in welchem Land welcher Tee in welcher Qualität zur Verfügung steht? Muss man nicht auch alles wissen über Sozialstrukturen, klimatische Bedingungen und Logistik vor Ort?
Die Anbaubedingungen zu kennen ist die Basis. Aber wir gehören auch zu den vielleicht zwei Dutzend Firmen weltweit, die fast alles auf den Tisch geschickt bekommen, was irgendwo in der Welt geerntet wird. In kleinen Tüten kommen hier täglich Hunderte von Mustern an. Interessiert uns ein Tee, geben wir ein Gebot ab, entweder an einen Makler, der auf Auktionen in den Ursprungsländern agiert, oder wir kaufen direkt von den Plantagen.

Wenn der Tee bei Ihnen in Hamburg ankommt, was passiert dann?
Zum Beispiel stellen wir Hunderte unterschiedliche Sorten Earl Grey her. Neben der Firma Twinings in London produzieren wir den besten Earl Grey der Welt.

Earl Grey ist aromatisierter Tee.
Ja. Aber er ist so weit verbreitet, dass man ihn kaum mehr als solchen wahrnimmt.

Warum aromatisieren Sie überhaupt?
Wir sind Marktführer in diesem Bereich. Die Aromatisierung von Tee wurde 1967 von den Brüdern Olav C. und Horst-Jürgen Ellerbrock erfunden. Teeboutiquen und Marken konnten dadurch ihre Angebotspalette deutlich erweitern. Hälssen & Lyon gab damals den Startschuss für ein neues Marktsegment, das heute je nach Land bis zu 50 Prozent Marktanteil ausmacht. Die Aromatisierung mit neuen Geschmacksrichtungen ist auch ein Mittel, um neue Konsumenten an Tee heranzuführen.

Aromatisierter Früchtetee gehört auch zu Ihrem Portfolio?
Kräuter- und Früchtetees machen sogar fast die Hälfte unseres Geschäfts aus.

Obwohl Früchtetees streng genommen gar keine Tees sind. Sondern was eigentlich?
Thea sinensis und Thea assamica sind die beiden Stammpflanzen des Teebuschs. Der Busch wird etwa alle 14 Tage bepflückt: nur die zwei jüngsten Blätter zusammen mit einer Knospe. Das ist Tee. Alles andere sind Kräuter – Hibiskus, Pfefferminze, Kamille, Hagebutte, in Deutschland Kräuter- beziehungsweise Früchtetee genannt. Im Ursprungsland hört man es nicht so gerne, wenn man Kräuter oder Früchte als Tee bezeichnet.

Dann bleiben wir bei echtem Tee. Welchen trinken Sie am liebsten?
Ich trinke morgens gern einen Oolong, am Nachmittag einen tippy Assam, gerne mit ein bisschen Milch. Dazwischen öfter einen First Flush Darjeeling oder einen Grünen Tee. Am Abend genieße ich oft einen Kräuteraufguss aus Eisenkraut.

Mit diesem erlesenen Geschmack sind Sie hierzulande ein Exot.
Ja, aber das ändert sich. Die westliche Welt hat begonnen, die Vielfalt des Tees zu entdecken. Grüne und weiße Tees werden populär, immer mehr Spezialitäten probiert. Unter jungen Leuten ist Tee sozialfähig geworden, nicht nur bei Frauen. Wenn junge Männer eine Teeparty oder Teezeremonie mit ihren Kumpels veranstalten, dann ist das für sie ein gelungener Abend – vor 20 Jahren noch undenkbar.

Ist Tee also „der neue Latte macchiato“, wie die „Wirtschaftswoche“ titelte?
Die Vielfalt ist beim Tee erheblich größer. Der Kaffeemarkt ist in den westlichen Ländern gesättigt. Dem Tee gehört die Zukunft. Da wird noch viel kommen.

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