Eine Stadt sieht rot

Souris, auf Prince Edward Island im Osten Kanadas, ist die Lobstermetropole des Landes. 20 Prozent des kanadischen Hummers stammen aus den hiesigen Gewässern. Doch die Zeiten des Rotgoldrauschs sind vorbei. Die Hummerpreise fallen – die Kosten für Boote und Benzin steigen. Die Fischer leben in der Zange. Szenen eines beklemmenden Alltags.
Dez 2008, Sonderheft 2008

Weltkarte

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Ein Kaffeebecher aus Plastik steht auf dem Münztelefon an der Hauptstraße. Der Becher rutscht nach links, nach rechts, kippt hinunter und rollt über den Bürgersteig. Die Menschen in der Stadt hoffen, dass der Sturm nicht so heftig über sie kommen wird. Die Nachrichten warnen, Hurrikan „Kyle" soll bald hier sein. Wärme, Kälte, unterschiedliche Luftschichten wehen ins Gesicht. Aus der Ferne, vom Meer herüber, ertönt eine  Signalboje. Ein Ton wie der Schrei einer leidenden Kuh. Es beginnt zu dunkeln, der Tag endet.

Es ist die Zeit, in der Hummerfischer Cory McCormack noch bei seiner Mutter zu Hause sitzt. Es gibt Suppe, der Fernseher läuft. Später will Cory noch in die Bar, wo Kollege Sean McInnis schon an der Theke sitzt, bei seinem dritten White Russian. Die Zeit, in der die chinesische Arbeiterin aus der Hummerfabrik, Qu Yu Qing, nach China skypt, wo ihr Ehemann die Webcam auf die Tochter, sechs Jahre alt, gerichtet hat und Qu Yu Qing ihr beim Träumen zuschauen kann. Die Zeit, in der Alexander und Veronika Kusnetzow aus Russland nicht einschlafen können. Auch sie müssen morgen früh in die Hummerfabrik. Aber der Nachbar, der Idiot, spielt immer Gitarre, wenn er kifft.  Die beiden legen sich auf das Sofa und schalten den Fernseher ein - so können sie einschlafen.

Prince Edward Island, nördlich von Nova Scotia im Sankt-Lorenz-Golf. Hier liegt Souris, eine kleine Stadt, 1200 Menschen. Bis zum Ende der Insel sind es nur noch ein paar Kilometer. Manche sagen, dies sei zwar nicht das Ende der Welt, aber man könne es von hier aus sehen. Von der Hauptstraße führen ein paar Querstraßen den Hügel hinauf, auf der anderen Seite enden die Wege am Meer. Lange Strände, rote Steilküsten, Hafen, Wälder und Felder. Die Hummerfabrik liegt oben auf dem Hügel, von wo aus man einen weiten Blick über das Meer hat. Aus der Fabrik werden Hummer in die ganze Welt verschickt. In Stücken, ganz - tot oder lebendig.

Heute ist der Himmel über Souris grau. Auf den Treppenstufen des Beerdigungsinstituts sitzt eine Frau und weint. Nebenan im Restaurant wischt die Bedienung die Tische ab, sie wird bald schließen. Vor dem gläsernen Kühlschrank mit dem Kuchen sitzt auch eine Frau und weint. Wasser blubbert im Hummerbecken. Die Tiere verkriechen sich in die Ecken. Bunte Gummibänder halten ihre Scheren fest verschnürt.

Autor Ulf Schubert

Ulf Schubert, 33, lebt in Berlin, schreibt für „Brand eins“, „Süddeutsche Zeitung“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung Hochschulanzeiger“. In Souris war er überrascht, wie kaltblütig er sein kann: Er schlief erstaunlich gut in seinem Hotelzimmer – dafür, dass hier vor einiger Zeit eine geistig umnachtete Frau ihren toten Ehemann in der Badewanne zerstückelte und die Toilette hinunterspülte. weitere Infos

Vorgestern passierte das Unglück. Ein  Fischer stürzte, warum, weiß hier keiner, mit einem Traktor 25 Meter die Steilküste hinunter. Er war auf der Stelle tot. Die Küstenwache lud den toten Fischer auf ein Schlauchboot und brachte ihn in den Hafen. Jeder im Ort kannte den Fischer.

Die Beerdigung ist in einer Stunde, um elf. Der Friedhof liegt an einem Abhang. Weiße Kreuze und Grabsteine stehen auf dem Rasen. Gegenstände in Miniatur zeigen, womit sich die Toten im Leben beschäftigt haben. Hummerfallen, Boote, Bücher, Hockeyschläger oder Traktoren. Vor der Beerdigung mäht ein Mann noch schnell den Rasen. Mit hoher Geschwindigkeit fährt er den Traktor über die Gräber. Manchmal knallt er mit dem Mähwerk gegen ein weißes Kreuz oder einen Grabstein. Der Mann bleibt stehen, schaltet den Motor aus. Er hat einen dicken Bauch, seine Ohren bedecken dicke Ohrenschützer, die aussehen wie Kopfhörer. Er sagt: „Hallo, ich bin Charles, Charles Dunthy." Grashaufen fallen aus dem Mähwerk. Radiomusik ertönt aus den Ohrenschützern. „Da ist auch ein MP3-Player drin, den nutze ich aber nie. Gleich geht es hier los. Der gute Mann ist jetzt hin. Ich muss mich beeilen." Am Nachmittag liegen auf dem Grab Anker und Fischerboot, aus vielen Blumen geformt.

Am nächsten Morgen steht Gus Clinton, Postbeamter und ehemaliger Bürgermeister von Souris, auf dem Rasen des Krankenhauses und spielt Golf. Zu Hause lässt er sich auf das Sofa fallen, legt die Füße auf den Tisch. „Schwere Situation hier, hohe Arbeitslosigkeit. Ihr müsst mal im Sommer kommen, da ist alles anders, Bikinis, Bikinis, Bikinis. Hast du eine Frau? Oh, ich sag's dir, an den Stränden ist dann was los! Sonst ist hier ja nicht mehr viel. Chinesen kommen, Russen, sogar Mexikaner. Die arbeiten in der Fabrik. Souris braucht das. Unterschiedliche Kulturen. Wir heißen sie willkommen! Weißt du aber, was das Schlimmste ist? Terrorismus. Im Flugzeug, du weißt ja heutzutage nicht, was du für einen neben dir sitzen hast, ob der dich in die Luft sprengt."

„Gus Clinton. Du warst bei Gus Clinton?" Das Lachen der Fischer hört man noch auf dem Parkplatz vor der Bar. „Kennst du die Geschichte von Gus Clinton?" Als Clinton Bürgermeister war? Hier in der Bar kam es zum Streit. Gus sah nicht ein, dass sein Sohn noch zu jung war und nichts an der Bar ausgeschenkt bekam. Gussy hat sich darüber aufgeregt, ging raus zum Auto und kam wieder mit einer Knarre und schoss in die Decke. Die Leute hier rannten los, verbarrikadierten sich in der Frauentoilette. „Und wisst ihr was? Er wurde wiedergewählt. Zum Bürgermeister. Na ja, er hat es bereut, war betrunken", erzählt Donnie Aitken, der Besitzer der Bar und Mitglied im Stadtrat. „Ja, ja, das war verrückt, was ich aber nicht verstehe: Warum haben sich die Leute in der Toilette versteckt? Bei den Pappwänden! Da hätten sie genauso gut an der Bar sitzen bleiben und sich eine Bierflasche vor den Kopf halten können."

Heute ist Karaokeparty mit DJ Pam Brown. Eine kleine Frau steht auf der Bühne und schaut Richtung Decke, die Liedtexte werden auf einem Monitor angezeigt. Sie singt.
I see the bad moon a-rising
I see trouble on the way
I hear hurricanes a-blowing
I know the end is coming soon
I fear rivers over flowing
I hear the voice of rage and ruin.

Fotograf Henning Bode

Henning Bode, 27, Student der Fotografie in Hannover, hatte seinen Geburtstag in Souris gefeiert. Den Abend des 1. Oktober beging er gemeinsam mit seinem Reporterkollegen im örtlichen Pub. Dort bekamen die beiden einen Vortrag in Hummerkunde – anhand von zwei Lebendexemplaren, die kurzerhand aus dem benachbarten Restaurant entführt worden waren. Einen tauften sie „Michael Jackson“, da er zur Hälfte weiß war. Nach einigen Schnäpsen und Bieren bekam er tatsächlich Ähnlichkeit mit dem „King of Pop“. weitere Infos

Die Fischer, Hilfsarbeiter und Farmer an der Theke schreien und lachen. Ein junger Mann beugt sich im Toilettenraum über das Pissoir und kotzt. Sean McInnis, der Fischer, sitzt an der Theke, seine Stimme verraucht und laut. „Gib mir noch ein Bier", sagt er zur Frau hinter der Theke. „Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du einen geilen Arsch hast?" Jeden Abend bekommt sie das gesagt. Sie mag das nicht - aber Sean hat ein gutes Herz. Die Leute haben Respekt vor ihm, diskutieren nicht mit ihm. Er ist kräftig, ein guter Kämpfer. Neulich, ein Typ machte Probleme, hat Sean ihn mit seinen großen, starken Pranken gepackt und vor die Tür gesetzt. Nur einmal wurde Sean hier zusammengeschlagen. Von einem Typen aus Ohio. Viel Alkohol war im Spiel. White Russian und dazwischen Bier.

Der Besitzer der Bar geht rüber in das Restaurant, will den Deutschen Hummer zeigen. „Ihr sollt ein gutes Foto machen." In jeder Hand hält der Besitzer zwei große, lebende Hummer. Er legt sie auf die Theke. „Schau mal, das ist was Besonderes. Die eine Hälfte weiß, die andere blau. Genetischer Defekt. Sehr selten." Die Tiere zappeln auf der Theke. Der Besitzer greift die Tiere, er dreht sie auf den Rücken, hält sie in die Höhe. Die Tiere spreizen ihre Glieder. Auf der Bühne steht eine schwangere, junge Frau und singt ein Countrylied voller Traurigkeit.

Vor ein paar Tagen ist den Fischern ein Hai ins Netz gegangen. Als sie damit im Hafen ankamen, waren sie sehr aufgeregt. So häufig geht ihnen ein Blue Shark, fast drei Meter groß, nicht ins Netz. In bunten Holzhäuschen lagern die Fischer ihr Arbeitsmaterial. In der Mitte eines Häuschens steht eine Plastiktonne. Darin liegt auf Eis der gekrümmte Körper des toten Hais. Alle schauen in die Tonne. Sean schmeißt seine Zigarette auf den Boden, tritt sie aus und sagt: „Wir haben dich! Du Bastard." Die Haut des Hais ist rau, dunkelblau der Rücken, weiß der Bauch. Die Fischer wissen noch nicht, was sie mit dem Hai machen werden, ob sie ihn verkaufen können. In Japan essen die Menschen Blauhaie. Sie schmecken bitter. „Aber du kannst ihn grillen, mit Tomaten, dann schmeckt er eigentlich wie ein Steak", sagt Sean.

Er öffnet die Tür seines weißen Trucks, Kronkorken kullern aus dem Wagen. „Los, jetzt geht's rüber zum Boot." Das Boot hat Sean von seinem Vater geerbt. Es heißt „Dad's Knotty Boys". Sean ist 38 Jahre alt. Schon als kleiner Junge ist er mit den Fischern rausgefahren. Immer gegen fünf in der Frühe verlässt er mit seinem Boot den Hafen.
(Textauszug)

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