Abfallstrudel mit Plaste

Hinter dem Horizont auf hoher See bleiben Verbrechen ungeahndet: Müllverklappung, Fischpiraterie, die Zerstörung von Lebensräumen, die Ausrottung von Arten. Deshalb unternimmt Greenpeace jetzt mit „SOS Weltmeer" die längste Aktion in der Geschichte der Organisation. Ihre Schiffe fahren einmal um die Welt zu den ozeanischen Krisenregionen, um sichtbar zu machen, was wir nicht übersehen dürfen: Am Zustand der Meere hängt das Wohl des Planeten. mare begleitet das Langzeitprojekt und berichtet regelmäßig über die Expedition der Umweltschützer.
Feb 2007, No. 60

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 60

BOLIVIEN
Eine Nation trauert um das verlorene Meer

SEENOTKREUZER
Die starken Frauen der Lebensretter

SEUCHENWEHR
Das Tropeninstitut im Kampf um Ebola & Co
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Der Pfad öffnet sich SANFT abfallend zu dem einsamen Strand, der so gar nicht in das Bild vom Surferidyll passt. Müll und Dreck, so weit das Auge reicht: Fischernetze, Fischerbojen, Fischfallen, Golfbälle, Feuerzeuge, Plastikflaschen, Zahnbürsten, Bauarbeiterhelme, Plastikdosen, Bierkisten, Kanister, Blumentöpfe, Schilder, Plastikgabeln, Plastiklöffel, Elektrosicherungen, Eimer, Styroporboxen, Regenschirmgriffe, Kabeltrommeln, Plastikteller, Plastikschnüre, Plastikdeckel, Einmalrasierer, CD-Hüllen, Spülbürsten. Ein Kühlschrank und ein Fernseher sind auch dabei.

Wir stehen am Kokoa Beach auf Oahu, der Hauptinsel Hawaiis, ungefähr 70 Kilometer nördlich von Honolulu. Paradiesische Ufer gibt es vielleicht auf der anderen Seite der Insel. Hier, an den luvwärtigen Stränden, türmt sich der Müll buchstäblich meterhoch. Wir sind zusammen 20 Leute, und wir schaffen es in vier Stunden nicht annähernd, einen 500 Meter langen Abschnitt des Strandes zu säubern.

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Knapp nördlich von Oahu liegt die Südgrenze des Naturreservats der Nordwestlichen Hawaiischen Inseln. Im Sommer des vergangenen Jahres hat George W. Bush mit seiner Unterschrift dort das größte Meeresschutzgebiet der Welt geschaffen. Über 7000 Arten, darunter viele endemische Fische, wirbellose Organismen und empfindliche Korallenriffe, genießen jetzt in einem Gebiet von mehr als 220000 Quadratkilometern den Schutz des Gesetzes. Gegen die Müllflut schützen die Paragrafen allerdings nicht. Es grenzt ans Absurde, dass ein Besuch der Inseln nur noch unter strengsten Auflagen möglich ist, während gleichzeitig die Strände des Reservats Schicht um Schicht unter dem Unrat aus aller Welt ersticken.

Autor Thilo Maack

Thilo Maack, 38 Jahre alt, arbeitet seit 1999 bei Greenpeace. Der in Emden aufgewachsene Meeresbiologe verbrachte einen Großteil seines Studiums mit dem Auswerten von Beifang auf dem schwankenden Deck eines Krabbenkutters. weitere Infos

Jeder von uns schnappt sich einen schwarzen Müllsack und „spezialisiert" sich auf eine bestimmte Sorte Müll. Mary sammelt Zahnbürsten, Farah konzentriert sich auf Golfbälle, ich durchwühle die  Abfallhaufen ausschließlich nach den kleinen Flaschenschraubverschlüssen. Trotzdem ha-be ich binnen einer Stunde einen ganzen Sack damit gefüllt.

Müll im Meer, das ist kein neues Phänomen. Wir kippen unseren Dreck schon seit Jahrtausenden einfach in die See. Solange diese stinkende Fracht von der Menge her überschaubar blieb und aus biologisch abbaubaren Substanzen bestand, war das zwar beklagenswert, doch sorgten Bakterien, Wellenschlag und UV-Licht für eine schnelle Eingliederung der Bestandteile in den endlosen Kreislauf des Lebens. Dies änderte sich schlagartig mit der Einführung langlebiger Plastikmaterialien - Flaschen, Tüten, Feuerzeuge und all die anderen Dinge, die sich aus den leicht formbaren Erdölprodukten herstellen lassen. Weltweit werden jährlich 125 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, ungezählte Millionen Tonnen davon landen schließlich als Müll im Meer.

Unglücklicherweise löst sich Plastik nach der „Entsorgung" nicht einfach in seine Bestandteile auf. Die Kunststoffe zerfallen zwar in immer kleinere Teile, aber anders als Holz, Leder oder andere natürliche Materialien werden die meisten Kunststoffe nicht von Bakterien zerlegt. Manche der Plastikkomponenten sind derart widerstandsfähig, dass sie in 400 Jahren noch nicht restlos verschwunden sein werden - was nicht zuletzt auch daran liegt, dass die Zersetzungsprozesse in kühlem Meerwasser noch langsamer verlaufen als an der Luft. Zurzeit, das hat das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) unlängst gemeldet, treiben bis zu 18000 Plastikteile auf jedem Quadratkilometer Ozean.

Der komplette Nachmittag verstreicht während unserer Aufräumarbeiten. Ich ertappe mich bei dem Gedanken: Was soll das hier eigentlich? Ist unsere Schufterei nicht völlig aussichtslos? In ein paar Stunden ist hier ohnehin wieder alles verdreckt. Alle sind vom Schaufeln, Zerren und Bücken total geschafft. Seit einer halben Stunde hat keiner mehr ein Wort gesagt. Unsere Wut auf die menschliche Gedankenlosigkeit ist jetzt greifbar.

Nehmen wir nur die Auswirkung auf die Fauna. Viele Meeresvogelarten ernähren sich ausschließlich von dem, was sie auf der offenen See finden. Die an der Oberfläche dümpelnden Plastikteile werden dabei oft mit Nahrung verwechselt - mit dem Resultat, dass die Tiere verhungern und verdursten. Denn das Plastik verstopft ihre Mägen; für Flüssigkeit und eigentliche Nahrung bleibt kein Platz mehr. Außerdem verfüttern erwachsene Tiere den Müll an ihre Nachkommen, denen dann das gleiche Schicksal droht.

Selbst wenn die Vögel nicht unmittelbar an dem Plastik eingehen, leidet ihre Widerstandskraft. Europäische Forscher, die Kadaver von Eissturmvögeln untersuchten, fanden in 97 Prozent der Fälle Plastikteile in den Mägen. Auf den Inseln der hawaiischen Meeresschutzzone sterben zwei von fünf Laysan-Albatros-Küken innerhalb der ersten sechs Lebensmonate an Unterernährung. Ihr Hunger ist gestillt, weil der Magen gut gefüllt ist - aber was nützt es ihnen, wenn die Nahrung in der Hauptsache aus Plastik besteht? Besonders häufig verschlucken Seevögel rote Flaschenverschlüsse; ihre Farbe sieht einigen Krebsarten täuschend ähnlich. Auch Plastikrohgranulat steht auf dem Speiseplan, weil die kleinen milchigweißen Kugeln auf die Vögel wie Fischeier wirken.

Was die Sache noch schlimmer macht: Giftige Substanzen, wie DDT oder PCB, lösen sich nicht im Wasser; sie docken sich an die im Meer treibenden Plastikteile an. Die Konzentration dieser Dauergifte an der Plastikoberfläche ist oft millionenfach höher als im umgebenden Seewasser. Tiere, die von den Plastikteilen fressen, vergiften sich. Wenn sie dann von Räubern gefressen werden, die höher im Nahrungsgefüge stehen, reichern sich die Schadstoffe noch weiter an. Tiere am Ende der Nahrungskette haben am stärksten zu leiden. Bioakkumulation nennt man das in der Fachsprache nüchtern.

Drei Tage und 400 Seemeilen weiter östlich. Der Erste Maat gibt das Zeichen zum Ablegen, ein Schlauchboot mit sieben Besatzungsmitgliedern verlässt die „Esperanza". Die Dünung ist jenseits von Dimensionen, die noch angenehm sind, und ich bin froh, gleich abtauchen zu können. In zehn Meter Tiefe erwartet uns der Sicherungstaucher, mit dem wir über eine Leine ständig verbunden sind und der über uns und unsere Arbeit wacht. Das Tauchen im offenen Meer erfordert besondere Sicherheitsvorkehrungen. Normalerweise liegen die Sichtweiten hier bei bis zu 100 Metern.

Doch nicht jetzt, wir tauchen bei Nacht, und außerhalb der Lichtkegel unserer Lampen verschwindet meine Sicherungsleine im tintenschwarzen Nichts. Wir sind auf der Suche nach Zooplankton, Organismen, die nach Sonnenuntergang in Richtung Oberfläche steigen und sich von dem Phytoplankton ernähren, was tagsüber gebildet wird. Manche sind quallenartige Organismen mit transparentem Körpergewebe. In den Körpern dieser Tiere sind mittlerweile mikrofeine Plastikteilchen zu finden, und einige Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass diese Partikel sukzessive in das Gewebe der Tiere integriert werden.

Die Tauchgänge komplettieren unser Planktonuntersuchungsprogramm, von dem wir uns weitere Erkenntnisse über das Ausmaß der Plastikmüllproblematik versprechen. Zweimal täglich setzen wir von der „Esperanza" einen Metallschlitten aus, in dessen Mitte ein Netz mit mikrofeinen Maschen befestigt ist. Seit Beginn unserer „SOS Weltmeer"-Expedition, seit acht Monaten also, nehmen wir regelmäßig Proben des oberflächennahen Planktons. Die Proben werden für weitere Untersuchungen eingefroren und verstaut. Allerdings können wir zwischen den Ruderfußkrebsen und den Fisch- und Muschellarven schon mit bloßem Auge die Plastikteilchen erkennen, die in allen Farben leuchten. Der Kunststoff bringt in vielen Proben bis zu sechsmal mehr Gewicht auf die Waage als die Planktonbiomasse.

Obwohl Plastikmüll weltweit in den Ozeanen schwimmt, gibt es Regionen, in denen sich der Abfall besonders stark konzentriert. Ein solcher Punkt liegt entlang unserer Reiseroute im Nordostpazifik zwischen den Inseln Hawaiis und dem amerikanischen Kontinent. Dort erzeugt ein stabiles Hochdruckgebiet einen Meeresstrudel, der sich aus dem Kreislauf aufsteigender warmer subtropischer Luftmassen und absinkender kühlerer Luftmassen speist.

Anders als an den Küsten, wo die Meeresströmung stark vom Küstenverlauf beeinflusst wird, ist die Strömung im freien Ozean abhängig von den direkt
darüber liegenden Luftmassen. Auf diese Weise entsteht, Tausende Seemeilen vom Festland entfernt, ein gigantischer Meereswirbel. Wird der im Meer treibende Müll von der Strömung dieses Wirbels erfasst, bleibt er, wie die US-Wetterbehörde NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) beobachtet hat, bis zu 16 Jahre in diesem Gebiet. Die Folge ist ein gigantischer Müllteppich, der mittlerweile die Größe Zentraleuropas erreicht hat. Japanische Forscher sagen voraus, dass Müll, der in den Nordpazifik gekippt wird, über kurz oder lang in diesem Strudel endet. Auch eine Leistung: Im Pazifik hat die Menschheit ihre größte Mülldeponie geschaffen. 

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