
Wer mit dem Surfen anfangen will, kann nach Hawaii fahren, auf die Insel Oahu, die Küste hinauf in den Norden, vorbei an Bungalows, die sich blickdicht vor dem Meer reihen und der Strandpromenade den Charme eines Highways verleihen. Vorbei an Haleiwa, Kultstätte vieler Surferfilme, gepriesener Ort der größten Wellen - eine Cowboystadt mit bunten Holzhäusern, Saloons und Schwingtüren.
Die letzte Illusion von Hawaii lässt man am Strand hinter sich. Wer mit dem Surfen anfangen will, muss sich nämlich kein Brett nehmen und in die Wellen stürzen. Er kann sich an den Strand setzen, hinausblicken und sich denken, es ist gut hier am Ufer und nicht da draußen, und mit einem Buch beginnen, denn eine Kultur, keine Sportart ist das Surfen. Eine 5000 Jahre alte Philosophie, wie die Hawaiianer betonen. „Nalu" bedeutet im Hawaiianischen „surfen", „mit einer Welle ans Ufer gleiten". Einem äußeren, aber auch einem inneren Ziel entgegen. Denn auch das meint „nalu": „Weg zu sich selbst".
Anzeige
Mandis Welle.
Der Mond hängt über einem lavendelfarbenen Himmel. Unmerklich gleitet die Nacht in den Tag über, und während Wolkenfetzen in den Morgen treiben, still und sanft, streichen Schaumkronen ans Ufer. Es sind vergebende Wellen, Mutterwellen. Wer sie mit dem Brett schneidet oder ihnen ungeschickt in die Quere kommt, dem geben sie einen leichten Klaps und drängen ihn sanft auf die Spur landeinwärts.
Weit draußen, wo am Riff die Prozession der sanften Mutter beginnt, hebt und senkt sich ein Kopf in den Wellen. Und nun steigt eine Frau aus den Schaumkronen, richtet sich auf, ruhig und gelassen steht sie auf einem langen Brett, geht nach vorne bis an die Spitze und geht wieder zurück, vor und zurück. Ein seliges und kilometerweites Dahingleiten. Sie surft, wie es die hawaiianischen Könige taten. Nicht wer die wildesten Manöver machte, war früher der Beste, sondern wer keine nassen Haare bekommen hatte. Ohne einen Spritzer tritt Mandi Caruso an den Strand von Alii.
Dass ihre Brüste fehlen, fällt nicht sofort auf. Was daran liegt, dass das bunte Tattoo, das sie dort trägt, alles überdeckt. Verwaschen wie ein Batikmuster ist es, mit Ying-und-Yang-Symbolen. „Lange habe ich vor dem Spiegel nur gesehen, was ich verloren habe. Jetzt ist etwas da. Jetzt fühle ich mich außerdem weniger nackt, wenn ich oben ohne surfe."
Sie sieht nicht aus wie eine Frau, die im Leben kämpfen musste. Sie hat graue, lockige Haare, durchscheinende Haut und eine elfenhafte Ausstrahlung. Sie spricht leise, weiche Sätze, die ins Unhörbare verwehen wie meditative Botschaften. Schere nie aus deiner Welle, sagt sie. Nicht aus deiner im Wasser, nicht aus deiner im Leben. Denn das ist dein Leben, deine Welle. Nimm sie, wie sie kommt. Steige mit ihr, wachse in schwindelerregende Höhen, berausche dich, und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, sei bereit, mit ihr hinabzustürzen.
Drei Monate hatten ihr die Ärzte gegeben. Mandi sah den Schatten auf dem Röntgenbild, der mit dunklen Klauen nach ihrem Herz reckte, ein sehr großer, sehr deutlicher Tumor in ihrer linken Brust. Das Bild kam ihr auf beklemmende Weise schön vor. „Wie eine Krabbe, die mein Herz umarmt." Und mit einer Nüchternheit, die sie angesichts des Unausweichlichen überkam, dachte sie, ich werde sterben, ich habe keine Angst, ich werde nicht weinen, ich brauche etwas Zeit, mein Leben in Ordnung zu bringen und meine Tochter vorzubereiten. Ich werde keine Chemotherapie machen, keine Bestrahlung, und auch wenn das mein Ende bedeuten sollte, ich schere nicht aus meiner Welle.
Vier Jahre zuvor hatte sie mit dem Surfen begonnen. Da war sie 48 und noch nicht krank, aber ihr Alltag war der Tod. Nach drei langen Nächten auf der Intensivstation, wo sie arbeitete, drei Nächten voller Blut, Schmerz und Frustration, ging sie an den Strand, um die Sonne aufgehen zu sehen. Matt schimmernd stieg sie über den Horizont, dann begann der Lichthof zu pulsieren und sich in Farbkreisen auszubreiten. Sie sah Feuerreifen in Rot, Grün, Orange rotieren, sah in ihrem Strudel Wellen und Wolken verschwinden, oben und unten, innen und außen, und mittendrin, im Mittelpunkt des Farbenspiels: ein Surfer. Eine Erleuchtung! Ihr Weg aus Krankheit und Leid war eine Welle.
Die meiste Zeit ihres Lebens hatte sie auf Intensivstationen gearbeitet oder in Hospizen als „Spezialistin für lebenserhaltende Maßnahmen". Sie sah Menschen innerhalb weniger Tage sterben, Krebspatienten mit weitaus besseren Heilungschancen als sie. Woran sie starben, sagt Mandi, war nicht der Krebs, sondern die Angst vor dem Tod. Denn Stresshormone, hat sie beobachtet, töten schneller als jede Krankheit.
Mandi hat aus ihrem Leben gelernt und lehrt nun das Leben. Sie weiß um Bedingungen, Folgen und Ursachen. Mandi sagt, die Pharmaindustrie will uns glauben machen, wenn du Geld ausgibst, die richtige Pille oder Operation kaufst, wirst du nie altern, nie sterben. Kaufen wir diese Manipulation, werden wir selbst zu unseren größten Feinden, denn wir kämpfen gegen unsere eigene Natur, stressen uns dabei zu Tode. Wenn wir uns davon freimachen, das Leben mit Geburt, Krankheit, Tod in seiner Ganzheit annehmen, dann gibt es auch keine Angst mehr. Dann sind wir frei und glücklich. Ein Zustand, in dem unser Körper biochemische Selbstheilungswunder vollbringt.
Die Allmacht der Psyche, Mandi hat sie im Surfen entdeckt. Schon Entdecker James Cook bemerkte auf Tahiti einen Mann, „der das größte Vergnügen empfand, während er so schnell und sanft vom Meer vorangetrieben wurde". Und während die anderen Dorfbewohner die europäischen Zelte und Schiffe neugierig beäugten, schien der Surfer sie „nicht im Geringsten zu beachten oder zu beneiden". Ein Zustand völliger Bedürfnislosigkeit - ultimative Freiheit, das ist Surfen. „Meditieren macht frei, surfen macht frei. Wenn ich surfe, gibt es keine Mandi mehr. Nur noch Welle."
Mit dem Surfen sei auch ihr Leben freier, besser, erfüllter geworden. Gesünder. Und das, weil sie es verinnerlicht hat, das Surfen auf Longboards, jenen riesigen Brettern, die so unbeweglich sind, dass sie nur eine Richtung kennen: mit der Welle ans Ufer. So wie sie nicht gegen den Ozean kämpft, nicht die Mutterwelle schneidet oder ihr in Tunnelfahrten entwischt, sondern ihr brav ans Ufer folgt, so überlässt sich Mandi dem Leben, dem Naturzwang, zu werden und zu vergehen. Sie ist Freund mit der Welle, Freund mit dem Tod. Shortboarder dagegen würden gegen die Wellen kämpfen, wie sie gegen sich und das Leben kämpfen. „Power, Aggression, Geschwindigkeit, Ego und Körperkult", darum geht es ihr nicht, sondern „mich selbst zu verlieren, loszulassen. Das ist der Grund", sagt sie, „warum ich noch lebe, sechs Jahre nach der Diagnose. Vor Ihnen steht eine statistisch gesehen tote Frau. Ich lebe, weil ich loslassen kann, in der Welle und im Leben."
Sie wollte kein Silikon, es könnte beim Surfen platzen, wenn sie auf dem Brett liegt. Sie wollte keine Brüste mehr, obwohl die Ärzte erhalten und rekonstruieren wollten. Sie wollte frei sei sein, frei von den Äußerlichkeiten, nach denen wir unser Ich de-finieren. „Nehmen Sie eine, nehmen Sie alle beide!", sagte sie dem Chirurgen. Und mit einem Chemotherapeuten redete sie gar nicht erst. So erzählt sie es jedenfalls heute.
Wenn Mandi von damals spricht, klingt es nicht nach Loslassen. Es klingt nach jemandem, der nach Erklärungen greift. Nach jemandem, der Handlungen und Ereignisse in seinem Leben in einen Zusammenhang setzt, eine Zwangsläufigkeit darin erkennt. Eine Lebenslinie ohne Brüche. Auch plötzliche Heilung kann traumatisch sein, so wie plötzliche Krankheit. „Warum ich?" war die häufigste Frage von Sterbenden im Hospiz. „Warum ich?", fragt Mandi heute. „Warum lebe ich, sechs Jahre nach der Diagnose?" Sie hat die Antwort auf dem Wasser gefunden - und ihr Leben in Ordnung gebracht, wie sie es vor dem Röntgenbild gesagt hat.
Sie hat den Krebs weggelächelt, weggesurft. So nimmt sie ihr Leben wahr. Und wahrer als im Bewusstsein eines Menschen kann ein Leben nicht sein. Glück, heißt es, liegt in der Betrachtung der Dinge. Glücklich wird man, indem man glücklich ist. Mandi sagt, Krebs ist kein Leid. „Er ist ein Wunder, ohne das mein Leben nicht wäre."
Hat sie das auch gedacht, als sie noch krank war? Als sie kaum eine Tasse heben konnte? Als sie vor Schmerz fast besinnungslos wurde? Als sie ihre Tochter in die Arme schloss, ihre Haare roch und sich vorstellte, sie wird sie nie wieder riechen können? Ein Wunder?
„Ja", lächelt sie. Und wie zum Beweis rezitiert sie ihre Gedanken von damals, ihre Stimme bekommt einen autosuggestiven Klang, „es ist okay, dass ich Krebs habe, es ist okay, dass ich sterben werde." Als sie den Verband abnahm, dachte sie, es ist okay, Hängebrüste kann ich nicht mehr kriegen. Und wenn ich 600 Jahre lebe, habe ich die Kosten für die OP wieder drin, rechnet man die BHs zusammen, die ich nicht mehr kaufe.
Ohne Krebs würde sie heute nicht leben. Sie verliert jetzt keine Tage mehr mit Träumereien. „Wenn es ,Game over' heißt, dann lässt du alles sein, die Spielchen, die Lügen." Und sie hat sich belogen. 22 Jahre belogen, weil sie auf etwas gewartet hat, was vorbei war. Bis in die Apathie hinein gewartet, dass jener Moment wiederkommt, als ein Mann vor 22 Jahren in ihr Leben trat und so schaute, wie er nie wieder schaute, vielleicht einmal noch, als seine Tochter geboren wurde. Als sie ihren Mann bitten musste, sie ins Krankenhaus zu fahren, hat sie aufgehört zu warten. „Wenn du noch zwei Jahre, zwei Monate, zwei Tage hast, was würdest du machen? Leben! Auf dem Meer war ich lebendig, in der Ehe tot. Also: Lass dich scheiden und geh surfen."
Mandi lebt jetzt allein, ihr Schlafzimmer teilt sie mit einem lavendelfarbenen Board. Nein, einen Mann gebe es nicht, nicht hier, an der Nordküste Oahus, wo die Männer eine jüngere Frau wollen, „dann fühlen sie sich selbst weniger tot". Man wollte ihr Erholung gönnen und das Gespräch auf etwas anderes bringen, auf die Liebe, und sie kommt zurück auf den Tod. Man fragt nach ihrem Lieblingssurfplatz und sie antwortet: Strand - weil ich lieber ertrinke, als mir an Felsen das Rückgrat zu brechen. Man fragt nach ihrer Arbeit: Bücher schreiben, aber keine mit mehr als 300 Seiten - weil Hospizpatienten nichts Schweres halten können. Ihr Lieblingsessen? Fisch - weil sie begriffen hat, „auch Fisch isst dich gern". Ihr E-Mail-Name: Mandimayday. Und selbst wenn sie morgens die Butter holt, sieht sie ihren Tod am Kühlschrank vor sich. Eine Liste mit Telefonnummern hängt da, mit der Erklärung: „Diese Ärzte können bestätigen, dass mein Ableben ein natürliches Ereignis ist, damit, wer mich findet, nicht des Mordes/Totschlags angeklagt wird".
Und wenn sie nun doch nicht Happy Mandi ist, die entspannt auf der Lebenswelle surft? Sondern Mandimayday, die dem Schrecken gerade ins Auge blickt? Es gibt den Satz: Es kommt anders, als man denkt. In seiner Umkehrung lässt sich ableiten: Wer immer mit dem Schlimmsten rechnet, bleibt davon verschont. Vielleicht glaubt sie, sie kann ihr Schicksal durch Vorwegnahme beherrschen.
Wenn das so ist, dann wäre Mandi aus ihrer Welle geschert. Nicht schlimm, denn die Mutterwelle verzeiht. Ein Klaps, und sie surft wieder in der Spur.
Aces Welle.
Sie ist groß, sehr groß, 15 Meter hoch. Der Wind hat den Wellenkamm aufgefächert und zu einer gigantischen Kralle gespreizt, die sich über einen Mann senkt. Sie ist die wahre Erleuchtung: Ihre Energie kann Honolulu für eine Woche mit Strom versorgen. Ace beschert sie gar ewigen Ruhm über das Leben hinaus. Er hat sie am 5. Januar 1985 „bezwungen", heißt, er hat sie überlebt und als Trophäe auf eine Postkarte drucken lassen, nicht auf eine, auf 100000 Stück. Darunter steht in Schönschrift: „The biggest wave", seine größte Welle.
„Das bin ich", sagt er und zeigt er auf den kleinen Mann im Wellensaum. „Und das ist die Welle."
Alec Cooke, Künstlername Ace Cool. Ace - nach einem Computerladen. Cool - nach einer Mentholzigarette. Seine Bretter: eine Armada. Sein Surfstil: Wellen klein schneiden. Seine Nahrung: Verjüngungspillen. „I am the world famous big wave rider Ace Cool", der weltbekannte Monsterwellensurfer, lässt er die Welt auf seiner Website wissen. Nach Mandis Maßstäben ist er tot. So tot wie sein Vorbild Babaji, ein indischer Guru, der versprach, seine irdische Hülle nicht aufzugeben, und wenn auch nicht ganz Unsterblichkeit im Körper erlangte, so doch zumindest das Kunststück fertigbrachte, nach seinem Tod 22 Tage lang nicht zu verwesen. Das will Ace im Lebendzustand hinkriegen, nicht für 22 Tage, sondern für 22 Jahre. Mandi würde ihn einen Shortboarder nennen. Einen, der gegen die Wellen und gegen sich selbst kämpft. Einen Naturverweigerer.
„Energizing life" steht auf seiner Baseballmütze. „Wenn H2O aufklatscht und O wieder in den Gaszustand übergeht, wird ganz viel positive Energie frei", erklärt er die Kraft der Wellen. Und er hat noch einen ganz besonderen Badezusatz parat. Er greift sich einen Stift und kritzelt in schnellem Strich aufs Papier: „Aces Jugendformel: Wachstumshormone, Steroide (Pregnenolon und DHEA), Androstendion, Vitaminkonzentrate A/C/E, Antioxidantien, Lutein, Anabolika ..."
Was ist so schlimm am Altern?
Er hört die Frage nicht.
„Vitamine A und B, komprimiert, Kreatin, Ephedrin ..."
50 Präparate, jede Woche.
Abends nimmt er Valium, um runterzukommen. Dann kann er auch auf Fragen antworten. Was so schlimm am Altern ist? Er lächelt verwirrt. „Wieso alt? Ich werde es einfach nicht." Biologisch abbaubar ist er auch kaum - bei all den Konservierungsstoffen, all der Chemie, die er intus hat. Man sieht einen guten Kunden der Pharmaindustrie, aber auch die harten Linien um den Mund, den bitteren Zug. Man sieht die 50 Jahre. Dazu die gletscherblauen Augen, die platinblonden Zotteln, die aufgeblähten Muskeln - er ähnelt ein bisschen Hulk Hogan, dem Wrestling-Mann, und die Ähnlichkeit kommt nicht von ungefähr. „Ace Cool", sagt Ace Cool, „ist nicht nur eine Person, er ist ein Lifestyle, an dem sich andere orientieren."
Das Virtuelle - ein Produkt seiner regen Gehirntätigkeit. Seine Synapsen funken dreimal so viel wie bei anderen, haben Ärzte herausgefunden. Er steht ständig unter Strom. Deshalb flattern seine Bewegungen, deshalb spricht er in Comicsprechblasen. „Wenn du eine Sekunde nicht aufpasst - biff, bang, bong -, schon haben dich die Wellen verprügelt, dann geht's - wusch - um die Ecke und - bumm - knallst du gegen eine Wasserwand." Er nimmt einen Zettel und knüllt ihn. Der Blick flackert, er ist noch nicht fertig mit sich. Er war gerade bei den Gefahren, denen er sich tagtäglich aussetzt. 17 Jobs, hundert Leute vor dem Ertrinken gerettet, tausend Leuten das Surfen beigebracht, eine Million Klicks auf seiner Website. In diesem Tempo schafft er es, sonntags in 90 Sekunden alle Wellen- und Windstärken auf Oahu im Radio durchzugeben.
Daher kennen ihn auch alle Leute an der North Shore, und das ist nicht zu viel gesagt. Von seiner Wettervorhersage hängt die ganze Insel ab. Dort wohnen Menschen, die ihren Alltag nach den Wellen richten, den Gezeiten, den Winden, den Strömungen. Bedingungen, mit denen man sich nicht verabreden kann. 1886 schrieb ein Autor im „Hawaiian Annual", „dass die hawaiianischen Surfer die notwendigen Arbeiten für den Unterhalt der Familie vernachlässigen, um diesen Sport ausüben zu können". „Heidnisches Brauchtum", gifteten calvinistische Missionare, zumal sie die Hawaiianer nackt auf den Wellen reiten sahen: „ „Erst mit dem Fortschreiten der Zivilisierung lässt sich der Rückgang und die Einstellung der Benutzung des Surfbretts durch die Zunahme von Sittsamkeit, Fleiß und christlichen Glauben erklären." Ende des 19. Jahrhunderts, als die USA den Archipel annektierten, surften nur noch wenige Hawaiianer. 100 Jahre und einen Glaubenssieg später ist das Surfboard wieder inselweiter Fetisch und Fulltime-Job. Das ist das Schöne am Surfen, sagt Ace, man muss sich um nichts anderes kümmern. „Kinder? Was wird dann aus meinem Leben? Was wird dann aus meinem Surfen?"
Wenn er nicht surft, wartet er seinen Körper. Im Stau pumpt er mit Hanteln. Oder lässt sich von seiner Frau die Falten wegmassieren, um gestärkt am Strand auszusteigen.
„Ich will dem Ozean gegenübertreten, Mann gegen Mann." Er trommelt sich auf die Brust, er hat gemerkt, dass er mit dem Satz mal wieder übertrieben hat, doch diesmal will er ihn überdrehen und in seiner Karikatur zurücknehmen. Man soll ihn ernst nehmen. Er ist nicht der surfende Neandertaler, der sein Brett wie eine Keule hinter sich her schleift. Sein Leben zum Beispiel legt er in die Hände eines 15-jährigen Mädchens. Sie steuert den Jetski, der ihn in die Gefahr zieht. Riesige Wasserberge vor dem Inselriff, die kein Mensch überleben kann. Kein Mensch, aber Ace. Wenn er dort draußen aufsteigt, erhebt er sich über die Dinge, die Welt sinkt zum Grund. Über seinem Kopf, nur eine Handbreit entfernt, der Tod. Ein flüssiger Körper von Tausenden Tonnen Wasser, und in diesem Augenblick, da er dem Ende nah ist, kann er den Himmel durchscheinen sehen, die Ewigkeit. Eigentlich dürfte er nicht überleben. Doch wenn, kann er behaupten: Ich habe gewonnen, ich bin unsterblich. „Wir Big Wave Rider betrügen den Tod und kommen der Ewigkeit näher", sagt Ace. Das aber auch nur, wenn einer das Unglaubliche filmt, schreibt, fotografiert - irgendwie zertifiziert, sonst hat es nicht existiert. Er hat sich auf einer Postkarte verewigt, sein Leben auf ein Stück Papier hinübergerettet.
Als Nächstes will einen Film drehen, mit dem Titel: „The Undrownables", die Unertrinkbaren. An einem Buch schreibt er bereits, ein „vorweggenommener Tatsachenbericht" über einen „nuklearen Wellenpark" in der sibirischen Steppe, in dem unter einer gigantischen Glaskuppel die ewige Megawelle rollt. So lange will er Pillen schlucken, dass er das noch erleben kann.
Ace betrügt das Leben, würde Mandi sagen, weil er das Leben nicht ernst nimmt. Ace betrügt beim Surfen, sagen viele Surfer an der Nordküste Oahus, weil er Wasserski fährt. Die Regel ist, auf dem Brett liegen und paddeln, paddeln, paddeln, windmühlenartig mit den Armen beschleunigen, um mit der Welle auf ein Tempo zu kommen, damit sie dich mitnimmt. Beim Tow-in surfing, wie Ace es macht, lässt sich der Surfer an einem Seil von einem Jetski oder einem Helikopter in Wellen ziehen, groß und schnell, dass kein Arm sie erreichen kann. Ein unerlaubtes Hilfsmittel, eifern Puristen. Ein Betrug am ehrlichen, sauberen Sport, wie Bergsteigen mit Sauerstoffflasche, Radfahren unter Doping. Ein Betrug am Übermenschlichen, das sie leisten wollen. Ein Betrug an ihrer eigenen Unsterblichkeit. „Wenn das Betrügen ist, betrüge ich, mir doch egal", pfeift Ace auf die Regeln.
Und um Regeln geht es beim Surfen. Bei aller Liebe zur Freiheit. Bei aller Selbstfindung auf dem Wasser. Freiheitsliebe und strikter Verhaltenskatalog - es ist jener Gegensatz, der das Surfen ausmacht. Verständlicherweise. Bei so viel „nalu", so vielen Wegen zu sich selbst, braucht es Regeln, wer Vorfahrt hat. Früher war es einfach, da war Surfen das Privileg der Könige. Heute lautet die erste, wichtigste Regel an der Nordküste Oahus: „Respect!", Respekt vor dem „Eigentum der Einheimischen". Das Lieblingswort jener, die sich „Wächter des Ozeans" oder „Wolfpak", Wolfsrudel, nennen und die den Line-up, die Warteschlange an der Wellenbrechlinie, mit Fäusten regieren.
Wellendarwinisten, die Startnummern nach folgenden Kriterien vergeben: Wenn du hier geboren bist, darfst du mitmachen. Wenn du hawaiianisches Blut hast, bist du vorne mit dabei. Surftouristen aus New York, bitte an Land bleiben. Frauen, sucht euch einen anderen Sport. Frauen sind überhaupt die größte Bedrohung für die Ghetto-Gangs. Denn was auch Frauen können, ist kinderleicht, nichts Männliches mehr, keine Heldentat. Surferinnen sind nicht gut für das Höchstleistungsimage. Deshalb werden manche aus den Wellen geprügelt.
Es ist eine harte Gesellschaft an Oahus Nordküste. All die Grüppchen, die die Strände bevölkern, die Esoteriker, die Ghetto-Gangs, die Beachboys, die Körperfanatiker, all die Individualisten, die der Sport hervorbringt, vielfältig wie die Wellen, die sie reiten - nirgendwo sind sie so vereint wie bei den rituellen Surferbestattungen. Angeführt von einem hawaiianischen Priester, paddeln sie gemeinsam aufs Meer und verstreuen die Asche, letzte Ehre an einen Gefallenen. Wenn es wieder einen erwischt hat in der Welle, hört man kein Beileid, kein Bedauern, die Reden sind getragen von einem heiligen Ernst, Achtung schwingt mit. Denn er war kein schlechter Surfer. Er ist seinen Weg konsequent zu Ende gegangen. Der Märtyrertod in der Welle führt direkt in den Surferhimmel. Kleine Altäre finden sich an den Stränden, gebaut aus Badelatschen und Bordsplittern, Fotos und Blumenkränzen.
Der Tod bringt die Surfer Hawaiis zusammen. Mandi und Ace, die ungleichen Zwillinge, auch in einem höheren Sinne. Ob sie nun Zensurfen macht und er Cybersurfen; ob sie nun Longboard-Anhängerin ist und er Shortboard-Freak; ob sie den Tod nun weglächelt oder er ihn mit Verjüngungspillen stoppt: dem Tod begegnen beide auf dem Wasser. Eine Welle wie das Leben und eine Welle für die Ewigkeit. Zwei aus tausend Wellen. Ein Weg zu sich selbst.
mare dankt Hawaii Tourism Europe und United Airlines für die freundliche Unterstützung.