Sie sollten „Meerwasser ums Herz haben und dessen Farbe in den Augen". Sie sollten bitte schön gegenständlich malen und genug Geduld mitbringen, bis ihr Talent erkannt wird und der Verteidigungsminister sie zu Künstlern in Uniform ernennt. Und sie fortan gratis mit ihrer Palette über alle Weltmeere schippern lässt, wo sie am Tisch des Kapitäns speisen.
40 Franzosen bilden ein Offizierskorps besonderer Art. Sie sind die malende force de frappe der Seestreitkräfte und fügen ihrer Signatur einen Anker als geschütztes Warenzeichen bei. Sie sind Offizielle Marinemaler (les Peintres Officiels de la Marine, kurz POMs genannt) und damit Erwählte der ältesten Künstlervereinigung Frankreichs. Und das bedeutet seit 1830: zu Lebzeiten ein bisschen Prestige, aber keinen Cent Honorar von der öffentlichen Hand, dafür Nachruhm fast garantiert. Denn der französische Staat hat mit einem seiner vielen Dekrete das Gesamtwerk seiner POMs zum Kulturerbe erklärt.
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Wer die erste Juryschranke passiert hat, wird zur Vernissage geladen. Der letzte, der 40. Salon de la Marine fand vom 7. Dezember 2007 bis 21. Januar 2008 in Paris statt. Es muss wohl erhebend sein für einen aufstrebenden Maler, einzumarschieren ins Nationale Marinemuseum im Palais Chaillot am Trocadéro. Vorbei an der Prunkbarke Napoleons, durch den Saal mit den riesigen, traumschönen Hafenansichten von Vernet, dem geistigen Ahnen der POMs, hinunter ins Souterrain, wo die Verbindungsoffiziere mit den dicken Goldkordeln auf der Brust und die etwas kunstsinnigen Admirale mit den drei Funkelsternen am Ärmel sich bei einem Glas Champagner austauschen. Vizeadmiral Jean-Noël Gard, der Museumsdirektor, strahlt und erinnert daran, dass dies die einzige Kunstausstellung Frankreichs ist, die der Staat ausrichtet; von allen anderen Salons hat er sich schon 1880 verabschiedet.
Am Ende des Salons geht die Jury erneut ins Konklave und verteilt Medaillen. Und macht sich Gedanken, ob ein neuer POM gekürt werden kann. Laut Vereinsstatut darf es nur 40 Offizielle Marinemaler geben. Die wiederum hierarchisch gegliedert sind in agréés, „Zugelassene", im Rang eines Kapitänleutnants, und titulaires, lebenslängliche Amtsinhaber, im Rang eines Korvettenkapitäns. Wer zwölf Jahre „zugelassen" war (ein Automatismus, sofern man nicht straffällig wird oder sich zu emsig im Unterschriftenkartell einer Friedensbewegung hervortut), wird Nachrücker bei den Ewigen. Der Prozess ist abkürzbar, wenn man zuvor das 60. Lebensjahr erreicht.
Und da liegt der Haken. Die Lebenslänglichen werden immer mehr. Weder Skorbut noch Seeschlachten fegen sie im 21. Jahrhundert hinweg. Auch wenn schätzungsweise ein Drittel der dekorierten Oldies schon seit Jahren nicht mehr malt, sondern nur brav, wie in der Satzung gefordert, alle zwei Jahre zum Salon ein Werk aus seinem Lebensarchiv einreicht. Junge Meeresmaler brauchen Aussitzerqualitäten. Es ist so wie in der Académie française, bei der Papstwahl oder bei der Zimmervergabe in edlen Altersheimen: Solange kein honoriger Vorgänger das Zeitliche segnet, kann kein neuer POM gekürt werden. Wenn der liebe Gott im Vorjahr einen verdienten Marinemaler zu sich genommen hat, kommt der begehrte Brief vom Verteidigungsminister ins Atelier.
Nach der Ernennung ein weiterer erhabener Moment: der Besuch beim Maßschneider in der Pépinière. Ein Wort mit hübschem Doppelsinn: bedeutet sowohl Baumschule wie Ausbildungsstätte. Der frisch ernannte POM geht also auf das eins-tige Kasernengelände beim Bahnhof Saint-Lazare, vorbei an den in Stein gemeißelten Ermahnungen: Patrie. Discipline. Valeur. Honneur. (Vaterland. Disziplin. Werte. Ehre.) Im ersten Stock erwartet ihn Monsieur le tailleur und wird dem bisher vielleicht in Overall oder Lederhosen gekleideten Maler nun die Offiziersuniform anmessen. Eine marineblaue für die nördliche Hemisphäre, eine weiße für den Süden.
Mit goldenen Schultertressen, aber ohne Ärmelstreifen. Damit ein Jungmatrose auf einem Zerstörer nicht etwa den Maler mit einem Vorgesetzten verwechselt. Die Uniform gibt's nicht geschenkt. Es gehört zu den Eigenheiten der französischen Streitkräfte, dass Luftwaffe und Heer umsonst eingekleidet werden, die Angehörigen der Marine ihre schmucken Anzüge aber selbst zahlen müssen. Gleichheit gibt's erst wieder im Krankheitsfall: Bei Bedarf kann sich jeder unter der Schirmherrschaft des Verteidigungsministers, also auch die POMs, gratis im berühmten Pariser Militärhospital Val-de-Grâce behandeln lassen.
Doch ehe man mit Zipperlein ins „Gnadental" einrückt, soll ja erst mal richtig gelebt und gemalt werden. Nach jahrelangem Ausfüllen bürokratischer Papiere endlich das Abenteuer: Zweimal jährlich schickt die Marine den Katalog mit gut 60 Mitreisemöglichkeiten, der Frischgekürte kann sich aussuchen, ob er im Atom--U-Boot mitfahren will oder auf einem Schnellboot über die Wellen sausen; ob New York oder die Marco-Polo-Route ihn lockt; ob er einen harten Törn mitmachen will und im Maschinenraum sitzen und bei schwerem Wetter die Sorgenfalten skizzieren von Männern, die noch Männer sind - jedenfalls nach französischem Verständnis.
Nach anderthalb Jahrhunderten viriler Hegemonie brach 1995 ein unausgesprochenes, aber hartnäckiges Tabu zusammen: dass man nämlich ein Mann sein muss, um in die Reihen der POMs aufgenommen zu werden. Christiane Rosset ist keine Carla Bruni, weder Sirene noch Kalypso, die den Admiralstab betörte. Sondern eine tatkräftige, charmante bürgerliche Hausfrau, ein bisschen Kunst studiert, die sich der Malerei erst richtig zuwenden konnte, nachdem sie sechs Kinder großgezogen hatte. Sie hatte seit 1987 am Salon teilgenommen mit Meeresbildern aus ihrer bretonischen Sommerfrische und regelmäßig Auszeichnungen erlangt, war dann doch etwas nervös beim fast überfallartigen Hausbesuch der Findungskommission, die ihr Atelier in einem Pariser Vorort inspizierte. Aber alles wurde gut. Und nun durfte sie sich eine Reise wünschen.
(Textauszug)