mare No. 124

Weltkarte

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in Nadelwäldern fühle ich mich manchmal wie Büchners Lenz. Die Einförmigkeit, die ewig scheinende Ausdehnung und die Dunkelheit lassen mich selten froh sein. Eigentlich mag ich Bäume, vor allem Laubbäume - die glatte, feste Struktur der Buchenstämme, die quasi oszillierenden Rinden der Platanen oder die heitere Leichtigkeit der Birken. Dagegen hoffe ich in Nadelwäldern auf eine baldige Lichtung oder einen See. Doch es gibt eine Ausnahme. Als ich vor drei Jahren nördlich von San Francisco auf einer einsamen Straße, die durch einen dichten Bestand von Küsten­mammut­bäumen führte, anhielt und aus dem Wagen stieg, ergriff mich eine seltsam erhabene und zugleich tief befriedigende Stimmung.

Demut erfüllt mich auf See und in den Bergen. Und auch hier fühlte ich mich klein und verletzlich. Aber es war noch mehr. Die absolute Stille inmitten dieser Riesen, vom Küstennebel, der sie am Leben erhält, eingehüllt, und das beständige Tropfen aus den Wipfeln auf unendliche Farnmeere ließen in mir tiefes Glück aufsteigen. Inzwischen ist nicht mehr der Einschlag die größte Bedrohung dieses Paradieses, sondern der Klimawandel, der die Meere erwärmt. Zora del Buono beschreibt in ihrer Liebeserklärung an diese Urwälder auch die Hintergründe (Seite 96).

Für die Palästinenser im Gazastreifen ist das Meer Fluch und Segen zugleich. „Am Strand hier können wir für einen Augenblick unsere Sorgen vergessen", meint die 48-jährige Sanaa al-Ghul. Doch das Meer birgt auch eine der größten Gefahren für die 1,8 Millionen Einwohner Gazas. Da doppelt so viel Grundwasser verbraucht wird, wie Süßwasser nachfließen kann, drückt das salzige Meerwasser immer stärker nach. Inzwischen liegt der Grundwasserpegel mancherorts schon 20 Meter unter dem Meeresspiegel. Der Bau der benötigten Entsalzungsanlagen wird durch Israels Wirtschaftsblockade verhindert, trotz Millionenzusagen seitens der EU (Seite 12).

Was hinterlässt ein Mensch? Was bleibt von seinem Leben, wenn er verschwindet? In diesem Fall eine Seemannskiste, die unseren Redakteur Dimitri Ladischensky dazu anhielt, über Monate zu recherchieren. Darüber, wer der Besitzer - ein Kapitän - war oder noch ist, warum und wohin er verschwand. Ladischenskys viele Fragen führten zu einigen Antworten. Sicher ist aber nur eines: Die Suche unseres Redakteurs sagt fast mehr über ihn aus als über das Leben des Seemanns (Seite 54).

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen

Nikolaus Gelpke

Ein erster Blick

mare-Reportage

Leben unmöglich

Die Menschen in Gaza leiden unter extremer Trinkwassernot, eine Folge von Terror und Gegenterror. Die palästinensische und die israelische Regierung blockieren jede Lösung des Problems.
Von Andrzej Rybak und Massimo Berruti

Politik

Das teleportierte Schiff

Moderner Mythos: Hat die US Navy tatsächlich in den 1940er-Jahren mit einer Geheimtechnologie ein Schiff weggebeamt?
Von Bernd Flessner

Lauschangriff in der Tiefe

Begehrt und verletzlich: Telekommunikationskabel auf dem Meeresboden sind die wahren Lebensadern der globalisierten Welt.
Von Dirk Liesemer und Trevor Paglen

Essay: Connemara revisited

Was zieht seit Anfang des 20. Jahrhunderts Dichter und Denker an die rauen Küsten im Westen von Irland?
Von Frank Tichy

Leben

Vom Glück, ein Grieche zu sein

Die Bilder des Fotografen Jan Windszus für den neuen mare-Bildband „Griechenland“ zeigen ein Land, das trotz aller Fährnisse seine Gelassenheit nicht verloren hat.
Von Karl Spurzem und Jan Windszus

Was vom Leben übrig bleibt

Ein zurückgelassener Koffer in einer Seemannsmission, darin einige wenige persönliche Gegenstände. Was sagen sie uns über den Verschwundenen? Und was über die ihn Suchenden?
Von Dimitri Ladischensky und Nele Gülck

Kombüse: Freitags sind sie immer da

Ein Lieblingsort befreundeter Seeleute für ihr Feierabendbier im Hafen­ von Haifa – und das seit mehr als 50 Jahren.
Von Agnes Fazekas und Corinna Kern

Wirtschaft

Sterben für Waschpulver

Verdrängt, vergessen: Deutschland war einmal drittgrößte Walfangnation der Welt. Das ist noch nicht so lange her, wie es klingt.
Von Peter Sandmeyer

Kultur

Kein kleines Gepäck

Marlene Dietrich liebte Seereisen nicht. Aber wenn es nicht anders ging, verlangte der Weltstar nach dem denkbar größten Luxus.
Von Dieter Strauss

Der Schiffbruch des Künstlers

Kunstprojekt und Lebensexperiment: Der niederländische Künstler Bas Jan Ader verschwand während einer Transatlantikpassage in einer­ Nussschale von Segelboot. Rekonstruktion eines Happenings.
Von Angela Stercken

Wissenschaft

Die Riesen am Meer

An der nördlichen US-Pazifikküste leben die größten Bäume der Welt, ehrfurchtgebietend, nach Nebelfeuchte dürstend und in Angst vor skrupellosen Naturfrevlern.
Von Zora del Buono

Ein Kampf auf leben und Tod

Ein Massensterben von Olivenbäumen in Italien erschreckt eine ganze Region. Schuld hat ein Schädling: Tier oder Mensch?
Von Petra Reski und Jan Stradtmann

In Gottes heiligem Garten

In einem Kloster bei Lissabon hegten Mönche über Jahrhunderte die Schösslinge exotischer Bäume, die Portugals Seefahrer von allen Küsten der Welt mitbrachten. Heute ist es ein berückender Park.
Von Hansjörg Gadient

Kolumne: Notizen einer Landratte, 46.

In dieser Folge verrät unser Kolumnist Maik Brandenburg die besten geheimen Tipps für den Umgang mit temporären Kreuzfahrtschiffsbewohnern, darunter auch die Vorzüge von Campari und Fähigkeiten teurer Armbanduhren.