Mitarbeitertipp Oktober 2017

Mirko Bonné
Mein Fehmarn

160 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen

 

Sophia Hungerhoff, Lektorat, empfiehlt "Mein FEhmarn" von Mirko Bonné

Fehmarn - ich gebe zu, als Mirko Bonné für unsere Reihe „Meine Insel" ausgerechnet diesen Ort wählte, war ich etwas überrascht. Fehmarn, das waren in meiner Erinnerung vor allem Hochhäuser am Strand, aufdringlich auf Touristen ausgerichtete Dörfer, Massen von Kitesurfern, viel Autoverkehr. Was es ganz sicher nicht war: ein Ort, der zu Mirko Bonné, dem von mir für seinen poetischen Blick auf die Welt so geschätzten Autor, passen wollte.

Dabei ist allein der Name der Insel Poesie, wie ich durch die Lektüre bald erfuhr: Fe mern nannten die Dänen das Stück Land, das aus ihrer Sicht „weit draußen auf dem Meer" lag. Doch der Text birgt nicht nur viele Fakten und Geschichten, die mir bis dahin unbekannt waren - über Ernst Ludwig Kirchners Sommerfrische, über Mord und Totschlag in der (zum Teil gar nicht so fernen) Vergangenheit der Insel oder über Jimi Hendrix' letztes Konzert, das tatsächlich auf Fehmarn stattfand -, sondern ist viel mehr: nämlich eine sehr persönliche Rekapitulation von Mirko Bonnés eigener Geschichte mit der Insel, angefangen bei Ferien auf dem Bauernhof in der Kindheit über Besuche mit dem besten Freund zu Studienzeiten - legendäre Aufenthalte, die indes die Entfremdung zwischen den Freunden nicht verhindern konnten - bis hin zu Urlauben mit den eigenen Kindern. „Sie ist die Insel der leuchtend hellen Seite meiner Kindheit und Jugend, der Ort, wo die Liebe zum Leben in mir erwacht ist, wo ich mich verwahrt habe gegen Übergriffe und zu akzeptieren lernte, dass mein Gemüt ein poetisches ist", schreibt der Autor über Fehmarn. Für mich geht sein Buch weit über die Erfahrungen eines individuellen Lebens hinaus, denn es gelingt Mirko Bonné, die Sommerferienstimmung „an sich" einzufangen, wie sie jeder von uns kennt, der als Kind seine persönliche Ferieninsel hatte; und seine Überlegungen etwa zum Wesen von Freundschaft und Erinnerung oder zum Phänomen Insel selbst haben mich sehr berührt und sind flankiert von Zitaten aus den Werken Rilkes, Tomas Tranströmers, Jürgen Beckers oder John Donnes.

Nicht zuletzt hat der Text mich über die Geschichte der Hochhäuser aufgeklärt, die mir nun in anderem Licht erscheinen, und er fragt durchaus kritisch, was ein Mensch mit poetischem Gemüt einer mit dem Tourismusboom einhergehenden „All you can eat"-Mentalität entgegenzusetzen hat.

Übrigens: Meine eigene Erinnerung an Fehmarn beruht auf einer einzigen Stippvisite vor langer Zeit und ist unter Umständen leicht gefärbt von der Erinnerung an die Person, die damals neben mir im Auto saß, und die damit verbundene, nicht ganz so poetische Beziehung. Fehmarn hat für mich auf jeden Fall eine zweite Chance verdient - aber egal, wie sich mir die Insel dann zeigen wird, durch Mirko Bonnés Buch ist sie schon zu purer Poesie geworden.