Mitarbeitertipp August 2017

Victor Hugo
Die Arbeiter des Meeres
Roman
OT: Les travailleurs de la mer
Aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Rainer G. Schmidt
672 Seiten,
edel ausgestattet, Leineneinband mit Lesebändchen im Schuber

Vielleicht kennen Sie das so ähnlich ja auch: Da liest man als Primaner im Französisch-Leistungskurs einen Klassikerroman über Menschen am Meer, gezwungenermaßen natürlich, denn die französische Ausgabe von „Asterix" ist viel lustiger. Du quälst sich hindurch, die Lebenswelt der Helden ist nicht deine, ihre Haltung ist dir fremd, und auch ihre Sprache hat wenig mit deiner zu tun. Und nicht zuletzt kennst du das Meer nur als Badeanstalt und weißt nichts über seine dunklen Seiten. Kurz: ein Roman, gelesen, um ihn zu vergessen. Und dein Aufsatz darüber von damals vermutlich wenig wert.

Viele Jahre später kommt dir öfter in den Sinn: Du hast immerhin ganz hübsch von den Quälereien des famosen Lehrers Dr. Grieben – que Dieu ait son âme – profitiert. Wenigstens kannst du mit französischen Autoren des 19. Jahrhunderts etwas anfangen, und du liest und plauderst dich durch Frankreich, ohne dich vollends zu blamieren.

Und dann bringt der Verlag, für den du so gerne arbeitest, eben diesen Klassiker neu heraus, deine nette Kollegin drückt dir ein Exemplar in die Hand und fragt dich, ob du nicht eine kurze Leseempfehlung hierfür schreiben möchtest: Die Arbeiter des Meeres von Victor Hugo, veröffentlicht zum ersten Mal im Jahr 1866.
Gleich kommt dir die scheinbar vergessene Schullektüre von damals wieder in den Sinn: Les travailleurs de la mer, ein Melodram, das auf Guernsey spielt, mit einem für seine Zeit modernen Kapitän, der sich mit Erfolg der noch jungen Dampfschifffahrt verschrieben hat, dessen verwaister Nichte, die er liebevoll verwöhnt, seinem Schiffsführer, der erst rechtschaffen dem Kapitän dient, dann aber sich in einen Bösen verwandelt, den Chef betrügen will und deshalb einen Schiffsuntergang verursacht. Und vor allem erinnerst du dich an den einsamen, sonderlichen Riesen von Fischer, der heimlich in die Nichte des Kapitäns verliebt ist und gleich zwei geradezu übermenschliche Heldentaten begeht.

40 Jahre nach der Schule liest du Hugos großen Roman also ein zweites Mal, dieses Mal auf Deutsch – und nach wenigen Seiten stellst du fest, dass er einen ganz anderen Eindruck bei dir hinterlässt als damals. Als wäre es ein anderer Roman! Du bist gebannt von den dramatischen Ereignissen, ergriffen von den Handlungsweisen der Personen, staunst ein ums andere Mal über ihre überaus fein gezeichnete Psychologie und bist am Ende erschüttert über eine Geste großmütigster Entsagung. Und obendrein findest du die Sprache (der neuen Übersetzung) ganz wunderbar!

Ein wirklich großartiger Roman, denkst du, über das Leben und das Meer und seine Natur, so eindrücklich, dass er dir lange nachhängt. Und ganz verwundert über die völlig neue Wahrnehmung fragst du dich: Muss ich jetzt alle Bücher meiner Jugend noch einmal lesen?
Ich kann ja mal mit den unfreiwillig gelesenen Klassikern von damals anfangen.