mare No. 123

Weltkarte

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

"wir fahren ans Meer". So beschrieben wir unsere Pläne für den Sommerurlaub. Aber wenn wir uns genau an die vielen vergangenen Ferien am Meer erinnern, besonders die in unserer Kindheit, dann waren das eher Strandurlaube als Meerurlaube. Der Sand dominierte diese Zeit, nicht das Wasser. Wir verbrachten immer wieder Zeit im Meer, schnorchelten oder spielten in den Wellen. Aber meistens lagen wir im Sand, ließen die heißen Körner zwischen den Fingern hindurchrieseln, warfen uns angstfrei bei Ballspielen auf den weichen Strand, blickten versonnen unseren Fußspuren nach, die von den Wellen langsam wieder unsichtbar gemacht wurden, oder den zerstörten Sandburgen, die wir, vornehmlich mit unseren Vätern, gebaut hatten. Erste Zeugnisse von Vergänglichkeit.

Solche Erinnerungen unserer Enkel an ihre Sommerferien sind wohl kaum mehr zu erwarten. Denn die Strände schwinden. Einige in Jahren, andere sogar über Nacht. Und das liegt wieder einmal an uns Menschen und unserem Eifer nach Wachstum.

Beton besteht hauptsächlich aus Sand, und zwar Meersand. Ungefähr 50 Milliarden Tonnen davon werden jährlich für die Bauindustrie verwendet. Und da Kiesgruben schon längst den Bedarf nicht mehr decken können, werden die Strände geplündert. Dort, wo das Bauen besonders boomt, führt der illegale Sandraub zu mafiosen Strukturen.
Wenn mehr Geld mit Sand umgesetzt wird als mit Kokain, verwundern auch Bestechung und Opfer nicht mehr.
Wir berichten in der vorliegenden Ausgabe über Gewalt und Einschüchterung der Betonmafia an Indiens Küste und den tapferen Wiederstand (Seite 62). Aber nicht nur der Bauboom ist für den Strandschwund verantwortlich, auch der Klimawandel und Staudämme. Wir müssen dieser Entwicklung genauso entgegentreten wie dem illegalen Drogenhandel. Unsere Enkel sollen doch auch den Sand rieseln lassen und Sandburgen bauen.

Der israelisch-palästinensische Konflikt ist seit fast 70 Jahren einer der kompliziertesten und umstrittensten. Beide Seiten streiten um Wasser, Land und religiöse Symbole mit unlösbar scheinender Härte. Nur für wenige Jahre näherten sich die Parteien an, verstanden mehr voneinander, von den Nöten und den Wünschen der Gegner.
Ein Mann und sein Schiff waren dafür verantwortlich. In den 1970er-Jahren sendete der Radiosender Voice of Peace vom gleichnamigen Schiff vor der Küste Israels. Auf Hebräisch und Arabisch, Englisch und Französisch. Seine Friedensbotschaften, Informationen und vor allem seine Musik erreichten zeitweise mehr als 23 Millionen Zuhörer. Über das Leben von Abie Nathan berichten wir ab Seite 32.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen

Nikolaus Gelpke

 

Ein erster Blick

mare-Reportage

Auf Sand gebaut

Ein Makler von Luxusstrandvillen in Florida ist der Star der ganzen Branche – mit Methoden, die nur in den USA funktionieren.
Von Martina Wimmer und Jan Windszus

Politik

Ein freies Elektron, verglüht

Bis zu seinem Tod schrieb Alex du Prel, ein Amerikaner aus Wien, in seinem Magazin "Tahiti Pacifique" gegen den postkolonialen Identitätsverlust seines geliebten Tahitis an. Ein Nachruf.
Von Karl Spurzem

Nathan der Weise

Vom Kampfpilot zum Friedensengel: Abie Nathan funkte mit seinem Sender Voice of Peace für Versöhnung im Nahen Osten.
Von Silvia Tyburski

Essay: Gezähmte Wildnis

Es scheint, als verlören wir unser Gespür für die Erhabenheit des Meeres, ja der Natur an sich. Wie konnte es dazu kommen?
Von Larissa Kikol
Weltumsegler (kommt später) Robert Peroni ist ein rastloser Expeditionär und Abenteurer. Erst eine desaströse Rekorddurchqd ihm zur Heimat Von Peter Sandmeyer

Leben

Im Land der Betrogenen

Auf den sumpfigen Sea Islands an der Küste der Südstaaten der USA kämpfen die Gullah um die Überreste der Kultur ihrer Vor­fahren, Sklaven afrikanischer Herkunft.
Von Zora del Buono und Joan Bardeletti

Kombüse: Mehr Meer in die Pfanne

Spitzenköche entdecken die Vorzüge vom Kochen mit Meerwasser.
Von Oliver Zelt und Hans Hansen

Wirtschaft

Der Sandkrieg

Der Sand für den Bauboom vor allem in Schwellenländern wird zum knappen Gut. Mafiaartige Gruppen plündern die zur Neige gehen­den Lagerstätten und richten enorme Umweltschäden an.
Von Justus Krüger und Adam Ferguson

Eine Geschichte der kurzen Zeit

Die Sanduhr war das erste Instrument einer neuen Idee von Zeit. Wichtig wurde nun vor allem der Abstand zweier Zeiten.
Von Peter Sandmeyer und Pascal Cloetta

Der dänische Frieden

Sandburgenbauen ist nur etwas für Kinder? Nein, es beschäftigt auch urlaubende Männer.
Von Frank Goosen und Pascal Cloëtta

Kultur

Das Mädchen am Strand

1913, als die Farbfotografie noch in ihren Kinderschuhen steckt, experi­mentiert ein Amateur mit der neuen Technik. Am Strand von Dorset gelingen ihm Bilder von seiner Muse, die heute erstaunen.
Von Hans-Michael Koetzle

Preussens Gloria auf Hawaii

Der König von Hawaii engagiert den preußischen Kapellmeister Berger. Er macht Märsche zur Lieblingsmusik in Honolulu.
Von Claus Beling

Wissenschaft

Gefahr aus dem Nichts

Nicht nur Seebeben lösen Tsunamis aus. Auch starke Luftdruckschwankungen können die gefürchteten Wellen bilden. Diese Meteo­tsunamis werden unterschätzt, sagen Ozeanografen.
Von Tomma Schröder

Verborgene Fracht in der Ostsee

Unter der schönen Öberfläche der Ostsee verbergen sich Kampf­mittel, Atommüll und Giftrückstände. Ihre Existenz wird meist verschwiegen. So entsteht eine Ästhetik des Unsichtbaren.
Von Marcus Wildelau

Kolumne: Notizen einer Landratte, 45.

In dieser Folge outet sich unser Kolumnist Maik Brandenburg als Nullachtfünfzehn-Typ, bricht eine Lanze für den Skandal als Wirtschaftsfaktor und insinuiert einen Zusammenhang zwischen Schlagermusik und Übergewicht.