mare No. 120

Aktuelles Heft

Apr 2017, No. 121

der geist der "mayflower"
Von den Pilgrims zu Trump

abrakadaver
Wie tote Wale Rheuma wegzaubern

große meerjungfrau
Weltkarriere eines Unterwassermodels

Weltkarte

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nur die kurze Strecke vom Flughafen zur Hauptstadt war asphaltiert. Alle anderen Straßen des Landes glichen eher Pisten, und selten führten Brücken über Flüsse, sodass wir mit unserem VW Käfer öfters stecken blieben und uns vom Begleitfahrzeug, einem VW Bus, herausschleppen ließen. Wir schliefen in Turnhallen oder bei Bauern und wagten uns auf abenteuerlichen Pfaden auf Vulkane. Ich war zwölf Jahre alt, und mein Mathelehrer hatte mich mit einer Gruppe fremder Erwachsener für drei Wochen nach Island mitgenommen. Ich bin nie wieder dort gewesen, aber die Fotos meiner Kodak-Instamatic-Kamera helfen mir dabei, dass ich mich an fast jeden Tag erinnern mag. Es bleibt das größte Abenteuer meiner Jugend, und meine Sehnsucht nach dem Land der speienden Wasserfontänen, der brodelnden schwarz-gelben Böden, die nach Schwefeldioxid riechen, der weiten Heidelandschaften, der Kirchen mit Grasdächern oder der donnernden Wasserfälle blieb immer ungebrochen. Seither hat sich vieles verändert, auch die Straßen sind kommod befahrbar, aber die Natur ist so aufregend und archaisch wie eh und je.

Und so berichten wir in dem vorliegenden Heft nicht in erster Linie über touristische Highlights, sondern zeigen, was die Ursprünge dieser Landschaft sind. Heike Ollertz, die für mare schon den Island-Bildband fotografierte, fuhr weitere Wochen mit einem Geländewagen durch die gewaltige Natur. Wir danken Island ProTravel für die Unterstützung der Reise unserer Fotografin.

Die einsame Insel im Nordmeer litt lange unter dem Mangel an Frauen. Die Fischer waren auf See, niemand kümmerte sich um Land und Hof. Vor 70 Jahren wurden durch ein Landesprogramm junge deutsche Frauen angeworben, um in Island zu leben, nicht immer unter lauteren Vorwänden. Dimitri Ladischensky und Mathias Bothor besuchten drei dieser Aussiedlerinnen, die ihnen ihr Leben erzählten, das oft so rau und einsam war wie die umgebende Natur.

Dass Island und das Nordmeer immer eine Reise wert sind, davon sind wir bei mare so überzeugt, dass wir Ihnen erst­mals eine eigens für Sie entwickelte Expeditionsfahrt anbieten. Viele Jahre suchte ich nach dem geeigneten Schiff, dem perfekten Reisepartner. Mit der kleinen, wunderschönen „Cape Race", einem umgebauten Trawler, und dem sehr ambi­tionierten Anbieter Polar-Kreuzfahrten haben Sie nun (und bei größerer Nachfrage auch in Zukunft) die Möglichkeit, mit mare (und Mitgliedern der Redaktion) in See zu stechen und den Geheimnissen von Nordlichtern, Eisbergen, Walen und Robben auf eine außergewöhnliche Art zu begegnen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Nikolaus Gelpke

 

Ein erster Blick

Die mare-Reportage

Die Grätchenfrage

Fischskelette sind nicht bloß komplexe Schönheiten. Sie helfen Wissen­schaftlern bei den großen Fragen der Evolutionsbiologie.
Von Till Hein und Heidi und Hans-Jürgen Koch

Politik

Die Insel des Syndikats

Rios Gangsterkönig organisierte sein Handwerk wie Politaktivisten.
Von Annett Heide

Freiheit für Plön und Plato

Heinrich Carl von Schimmelmann galt lange als ehrbarer Kaufmann: Heute steht er in Verruf wegen seines Handels mit Sklaven.
Von Dirk Liesemer

Essay: König Knopf im Kummerland

Richtig gelesen, ist die Kindergeschichte von "Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer" eine höchst aktuelle Gesellschaftskritik.
Von Alexander Kohlmann

Leben

Es war einmal ein fernes Land

1949 wanderten 200 deutsche Frauen nach Island aus – gelockt von isländischen Bauern "zur Auffrischung unseres Blutes".
Von Dimitri Ladischensky und Mathias Bothor

Gespaltenes Land

Island liegt auf einer Naht, die zwei Kontinentalplatten trennt. Das beschert der Insel die einzigartige Landschaft aus Feuer und Eis.
Von Tim Schröder und Heike Ollertz

Die Frau der Fischer

Islands Fischer machten Vigdís Finnbogadóttir zum ersten demokratisch gewählten weiblichen Staatsoberhaupt der Welt.
Von Dimitri Ladischensky und Mathias Bothor

Traumland abgebrannt?

Island verwertet seine geothermische Kraft zu Strom für die Alu­miniumindustrie und gefährdet so seine Natur. Eine Anklage.
Von Andri Snær Magnason und Heike Ollertz

Kombüse: Eine Rose ist eine Sosse ist eine …

Ein Nordstrander Schweinezüchter erkundet die Wonnen der Rose.
Von Birgit Weidt und Heidi und Hans-Jürgen Koch

Wissenschaft

Die Ausserirdischen

Salpen und Feuerwalzen sind von außergewöhnlicher Anmut und zugleich eine höchst komplexe Lebensform im Meer.
Von Tim Schröder

Wagen heisst Leben

Der Physiker und Universalgelehrte, Hochschulgründer und furchtlose Abenteurer Hauke Trinks starb im Eis seines geliebten Spitzbergens. Dort forschte er nach dem Ursprung allen Lebens. Ein Nachruf.
Von Peter Sandmeyer

Kultur

Dem Retter sei Dank

Votivschiffe, kostbare Opfergaben zum Dank an Gott für eine Rettung, sind in nördlichen Kirchen oft zu finden. Sie alle erzählen von schrecklichen Unglücken auf hoher See.
Von Jan Scherping

Sein eigenes Reich

Für Wirbel sorgte Leicester Hemingway, der kleine Bruder von Ernest und wie dieser ein Schriftsteller, mit einem gewagten Spleen. Vor Jamaikas Küste gründete er auf einem Floß die Mikronation New Atlantis.
Von Lorenz Schröter

Wirtschaft

Schutzzonen aus Schülerhand

Fünf Schüler einer Kieler Schule entwickelten ein Konzept für Fischereischutzzonen, das Fischbeständen und Lebensräumen am Meeresboden Zeit zur Regeneration geben soll. Die Wissenschaft lobt den Plan.
Von Tim Schröder

Kolumne: Notizen einer Landratte, 42.

Heute bemüht sich unser Kolumnist Maik Brandenburg um eine Korrektur des Wikingerbildes, kolportiert eine neuartige Schulspeisung in Skandinavien und fühlt sich … irgendwie umzingelt.

Wissenschaft

Gespaltenes Land

Text: Tim Schröder   Fotos: Heike Ollertz
Ein Land, zwei Kontinentalplatten – Island liegt auf einer riesigen, brüchigen Naht, die sich durch den gesamten Atlantik zieht. Sie lässt das Magma blubbern und die Geysire sprudeln.

Leben

Wagen heisst leben

Text: Peter Sandmeyer   
Der Forscher und Abenteurer Hauke Trinks ist tot, gestorben im Eis Spitzbergens. Sein Vermächtnis ist das alte Sprichwort: „Das Geheimnis des Glücks ist Freiheit. Das Geheimnis der Freiheit ist Mut“.

Es war einmal ein fernes Land

Text: Dimitri Ladischensky   Fotos: Mathias Bothor
„Arbeitskräfte für die Landwirtschaft gesucht, für ein Jahr, Kost und Logis frei.“ So lautete die Anzeige des isländischen Bauernverbands, die er in norddeutschen Zeitungen schaltete. Es führte zur ersten organisierten Einwanderung nach Island. 200 deutsche Frauen legten am 1. Juni 1949 in Hamburg ab, den weiten Himmel über sich, das zerbombte Deutschland hinter sich und Island vor sich. Was sie nicht wussten: Der Bauernverband wollte der Liebe eine Chance geben. Island brauchte Frauen.

Wirtschaft

Einer wird gewinnen

Text: Marlies Uken   Fotos: Jan Windszus
Viel zu viele Schiffe, zu wenig Fracht – unter Massengutreedern herrscht weltweit ein desaströser Dumping­wettbewerb. Nur einer trotzt der Krise: der schwäbische Reeder Thomas Pötzsch. Warum?

Ausserdem

Hauke Trinks

Text: Peter Sandmeyer   
Peter Sandmeyer im Interview mit Hauke Trinks