Notizen einer Landratte, 34.

In dieser Folge bewundert unser Kolumnist Maik Brandenburg die Intelligenz der kleinen Fische, erklärt, warum wirklich Finnland immer so gut bei Pisa abschneidet, und weiß einen Tipp, wie man Teenagern bessere Manieren beibringt.
Okt 2015, No. 112

Heftinhalt mare No. 112

ONASSIS UND JACKIE
Er liebte Namen, sie die Macht

VERSCHWUNDEN IN NORDKOREA
500 entführte Fischer

TOMI UNGERER
Sein Tollhaus an Irlands Küste
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Fische sind schlau, regelrecht intelligent. Das verwundert erst einmal nicht, verbringen doch die meisten von ihnen ihr ganzes Leben in Schulen. Einige schaffen es sogar zum Doktorfisch. Aber so smart, wie es in verschiedenen Studien nachgewiesen ist, hätten wir sie uns dann doch nicht vorgestellt. Demnach können Guppys Fußball spielen, und zwar cleverer als Ronaldo, denn sie geben den Ball sogar hin und wieder ab. Sie können Rückpässe und Querpässe, und sie schießen Tore. Dazu passt, dass sie gelbe von roten Karten unterscheiden können, allerdings nur im Zusammenhang mit einer Futtergabe.

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Drückerfische benützen Werkzeuge, also kleine Steine, um Seeigel aufzubrechen. Andere Fische üben den Beruf des Gärtners aus, indem sie in kleinen Vorgärten Algen züchten. Auch der Schleimfisch ist eine echte Gripsgräte, er beherrscht das Pfützenhopping: Er springt so lange von einem Gezeitentümpel zum anderen, bis er im Meer ist. Und er merkt sich diesen Weg für die nächste Ebbe.

Autor Maik Brandenburg

Maik Brandenburg, Jahrgang 1962, studierte Journalistik und arbeitet als freier Autor, u.a. für mare, Geo, Merian. Leidenschaftlicher Vater und Reportage-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf der Insel Rügen. weitere Infos

Andere Fische betätigen sich als Pädagogen, indem sie jüngere Artgenossen lehren, wie jene am besten zum Futter kommen, wie sie die Älteren zu grüßen haben und welche Wege sie lieber nicht schwimmen sollten. Sie zeigen ihnen also buchstäblich, wo's langgeht. Das ist noch nicht der Clou, der Clou ist: Die Jüngeren hören darauf. Letzteres übrigens ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes - viele Fischarten haben eine Art Sprache; sie quietschen, knarzen und fiepen wie ein altes Radio auf Kurzwelle, womöglich reden sie ja längst mit Außerirdischen. Und die Heringe pupsen einander an, wenn sie sich was mitzuteilen haben. Trotzdem fühlt sich kein Hering danach beleidigt, sondern gut informiert. Vermutlich können Fische so ziemlich alles außer Hochdeutsch.

Sollten eines Tages auch Fische in den Pisa-Studien geprüft werden, dürften die Länder mit Meerblick das Ranking anführen. So wie heute bereits die Finnen, die mit ihren Tausenden Seen dann über weitere hervorragende Bildungseinrichtungen ver­fügten. Die Schüler und Studenten Suomis fahren im inter­nationalen Vergleich bekanntlich ständig Bestnoten ein. Vielleicht lassen die Nordmänner ja schon längst Fische die Testbögen ausfüllen. Für die Engländer scheint dies offenbar Gewissheit. Finland bedeutet bei ihnen, wahrscheinlich völlig zu Recht, „Flossenland"!

Muss die Menschheit jetzt zurück ins Nasse, um klüger zu werden? Eine australische Studie scheint dies nahezulegen. Ihr zufolge erlernen Schwimmer Fremdsprachen schneller als Nichtschwimmer, sie besitzen außerdem bessere motorische Fähigkeiten und ein größeres Selbstvertrauen. Schwimmer seien zielorientierter und risikofreudiger als etwa Jogger. Eine Mutation der Finanzwelt heißt darum auch Börsenhai und nicht Börsengaul.

Aber nein, wir müssen wohl nicht wieder Fische werden, es reicht, sie zu essen. Wissenschaftler der Uni Göteborg meinen nämlich, bereits eine Fischmahlzeit in der Woche verbessere die verbalen Fähigkeiten, beispielsweise. Laut ihren Untersuchungen sagte ein Teenager nach einem Kantinenessen mit Rollmops und Bratkartoffeln nicht mehr „Bäh, was für ein Scheißfraß", sondern: „Nun, ich denke, richtig lecker war das nicht." Mit drei wöchentlichen Mahlzeiten à la Dorsch und Flunder, so die Schweden, ­ließe sich das Sprachvermögen sogar noch weiter steigern. Jetzt beantwortete der gleiche Teenager die Geschmacksfrage mit: „Ich vermag dieses Mahl keinesfalls zu goutieren."

Unser Bildungswesen ist natürlich gefordert, die Chancen zu erkennen. Wer Probleme mit seiner Deutschzensur hat, sollte nicht mehr die „Schülerhilfe" anrufen, sondern Käpt'n Iglo. Ein Fischei gehört zu jedem Frühstück, eine Packung Fischstäbchen in jeden Ranzen. Jeder Lehrer sollte zudem Kompetenzen als Fischverkäufer nachweisen. Im Fach Hauswirtschaftslehre wird nicht mehr an sowieso überflüssigen Türschildern gefeilt, sondern an einschlägigen Rezepten.

Jede Mensa einer Universität aber sollte um den Ehrentitel „Gastmahl des Meeres" kämpfen. Denn zwar kann man auch dort die Weisheit weiterhin nicht mit Löffeln fressen, wohl aber mit dem Fischbesteck.

 

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