mare No. 107

Aktuelles Heft

Dez 2016, No. 119

SCHWAMMTAUCHER
Und die Tiefe lockt noch immer

FRAUENINSEL
Hier regieren sie wirklich

EISBERGCOWBOYS
Die Jagd nach dem reinsten Wasser

Weltkarte

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

die erste ernsthafte Skizze fertigte ich mit zwölf Jahren. Von da an hatte ich die feste Absicht, ein Segelboot zu bauen. Die Skizzen wurden genauer und realistischer, wichen berechneten Zeichnungen, und mit 30 kaufte ich 17 Tonnen Holz und begann. Ich könnte also behaupten, ich verfolgte konsequent den Traum, ein Boot zu bauen.
Aber das ist falsch. Das war kein Traum. Es war ein Plan, das Boot zu bauen. Ich träumte von etwas ganz anderem. In meinen langjährigen Fantasien segelte ich durch ozeanische Weiten, helle Sommernächte, überstand Stürme und lag in einsamen Buchten vor Anker. Das Entscheidende dabei: Ich war immer allein. Nie schwelgte ich in Dialogen, nie lebte ich Zweisamkeit, nie war ich Teil einer Gruppe, einer Mannschaft gar. Immer nur ich auf dem Boot in der Natur.
Jetzt weiß ich, als Kind wollte ich flüchten, nur mir und dem lieb gewonnenen Meer vertrauend. Später drängte sich mehr der Wunsch nach Einfachheit, nach Konzentration, Pause, Einkehr oder Besinnung in die Träume.
In dieser Ausgabe schreibt Wilfried Erdmann, der Auslöser meiner Träumereien und Pläne, über das Alleinsein auf See, Evgenia Arbugaeva besucht Slawa, einen Meteorologen, der seit Jahrzehnten nur sich und das Eismeer lebt, und wir zeigen, wer der echte Robinson war. – Wir schreiben über Einkehr, Alleinsein, Sammlung, Besinnlichkeit, Konzentration, Kontemplation oder auch Meditation, aber auch über die Einsamkeit.
Meinen Plan erfüllte ich. Das Boot segelt. Meine Träume erfüllte ich bis heute nicht. Seltsamerweise fehlt für das denkbar Einfache dann doch der Mut.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Nikolaus Gelpke

Ein erster Blick

Heftinhalt

Wissenschaft

Das berührte Paradies

Text: Zora del Buono   Fotos: Heidi und Hans-Jürgen Koch
Die Everglades sind das größte subtropische Feuchtgebiet Nordamerikas, ein Teil davon steht als Nationalpark unter Schutz. Doch vom Menschen traktiert und bewahrt zugleich, gerät das fragile Ökosystem immer wieder aus dem Gleich­gewicht. Die Leidensgeschichte einer Landschaft.

Sokotra – Arabischer Frühling

Text: Cord Riechelmann   Fotos: Simon Norfolk
30 Millionen Jahre Isolation zeigen Wirkung. Auf der jemenitischen Insel Sokotra leben Hunderte Pflanzen- und Baumarten, die es sonst nirgends gibt.

Souper mit Rattenragout

Text: Dietmar Falk   Fotos: Jörg Hülsmann
Wenn der letzte Zwieback zerbröselt und selbst der Schiffshund schon in der Pfanne gelandet war, musste andere Nahrung her: Ratten. Die Seefahrer von einst konnten sich Ekel nicht leisten.

Kultur

Immer Dichter am Meer

Text: Wolf Reiser   
Romantische Poeten verbindet seit je ein inniges Verhältnis zum Meer. Insbesondere die Dichter des 19. Jahrhunderts steigerten ihre Ästhetik in einen zuweilen erotisch-suizidären Rausch.

Der inszenierte Aufstand

Text: Holger Teschke   
Im Ersten Weltkrieg schrieb ein junger Autor ein kritisches Stück über ein Seegefecht im Skagerrak. Reinhard Goerings "Seeschlacht" war Skandal und Erfolg zugleich – und der Admiralität ein Dorn im Auge.

Das Mittelmeer

Text: Durs Grünbein   Fotos: Christian Schellewald
Gestade mit wechselhafter Geschichte, Wiege der westlichen Kultur, Sehnsuchtsort und Ferienparadies. Ein Essay über das Meer, das die Welt verbindet und trennt zugleich.

Leben

Der nordische Zauberer

Fotos: Evgenia Arbugaeva
Am Rand Sibiriens, am Ufer des Arktischen Meeres, nur umgeben von Polarlichtern und brechenden Eisschollen, lebt ein alter Mann. Es ist Slawa, der Meteorologe. Wer ihm bei seiner Arbeit zuschaut, merkt, dass er nicht nur das Wetter beobachtet, sondern es macht.

Notizen einer Landratte, 29.

Text: Maik Brandenburg   
Dieses Mal wünscht sich unser Kolumnist Maik Brandenburg auf den Mond, stellt Mutmaßungen an über die Größe von Lebewesen auf weit entfernten Planeten und macht sich schließlich auch noch lustig über dieses Magazin.

Guten Morgen, liebe Brise

Text: Wilfried Erdmann   
„Elf Monate allein auf dem Meer sind kein Pappenstiel“, sagt einer, der es wissen muss. Wilfried Erdmann war der erste Deutsche, der allein die Welt umsegelte. Sein Rezept gegen Einsamkeit? Mit dem Wind reden. Und: Lesen. Lesen, um nicht verrückt zu werden.

Herr der Ziegen

Text: Philipp Jarke   
Der Schotte Alexander Selkirk lebte knapp viereinhalb Jahre allein auf einer entlegenen Pazifikinsel. Seine Erlebnisse inspirierten Schriftsteller Daniel Defoe zu der Romanfigur Robinson Crusoe.

„Das innere Hören möglich machen“

Text: Karl J. Spurzem   
Der Theologe und Benediktinermönch Pater Petrus Nowack hält das Gefühl von Einsamkeit für komplementär zur Gemeinschaft. „Aber es ist nicht unbedingt wünschenswert“

„Eine Frage der Empfindung“

Text: Jan Keith   
Wer einsam ist, neigt laut Studien zu Demenz, Bluthochdruck und Depression. Der US-Psychologe John Cacioppo über die Frage, ob der Mensch trotzdem für ein Leben in Isolation geschaffen ist.

Wirtschaft

Sand im Getriebe

Text: Marc Bielefeld   
Schnelle Autos, harte Kerle, schöne Frauen – warum der Strand von Daytona Beach in Florida einst zum Kultort der Rennfahrer wurde.

Kombüse

Die Zettelwirtschaft

Text: Thomas Findeiss   Fotos: Rae Tashman
Das „Balıkçi Ergun“ in den Berliner S-Bahn-Bögen nahe dem Schloss Bellevue ist ein Fischhandel. Ganz unverhofft kam noch ein Restaurant dazu. Trotz der vielen Zettel: Es ist unbürokratisch geblieben.

Blaues Telefon

Was ist der Unterschied zwischen Hydrothermalquellen in der Tiefsee und im Flachwasser? War der Kap-Hoorn-Felsen in seiner tatsächlichen Gestalt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt? Ist die Tote Meerhand die einzige Koralle in der Nordsee?