Schön schnittig und auf Linie

Eine sehr deutsche Geschichte: Der Hamburger Architekt Cäsar Pinnau arbeitete für NS-Baumeister Albert Speer und baute nach Kriegsende mächtige Villen an Hamburgs Elbchaussee. Eine Art Nebenjob verhalf seinen Fähigkeiten zu einer untypischen Leichtigkeit und internationalen Reichweite. Für anspruchsvolle Auftraggeber wie Aristoteles Onassis entwarf er Schiffe, deren elegante Formen alles Vorherige arm aussehen ließen.
Feb 2014, No. 102

Heftinhalt mare No. 102

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Man ersehnt, etwas von der Kühnheit moderner Schiffskonstruktionen auf die Gestaltung des neuen Hauses übertragen zu sehen", schrieb der Architekt und spätere Erbauer der Berliner Philharmonie Hans Scharoun in den frühen 1920er Jahren. Auch Le Corbusier schwärmte: „Die Konstrukteure der Ozeandampfer machen Paläste, neben denen die Kathedralen ganz klein wirken." Seit Beginn der Moderne sind Architekten von Schiffen fasziniert; deren Funktionalität und Fortschrittlichkeit spiegelt sich in strahlenden Bauten mit relingartigen Geländern. Ebenso versuchten Architekten sich immer wieder darin, die Regeln ihres Metiers auf die Gestaltung von Schiffen zu übertragen.

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Begeistert von der räumlichen Effizienz von Schiffskabinen, plante Le Corbusier 1931 den Umbau eines ausgedienten Seinedampfers zum schwimmenden Obdachlosenheim „Asile Flottant". Kürzlich hat Stararchitektin Zaha Hadid im Auftrag eines US-Kunsthändlers ein skulpturales Gefährt namens „Z Boat" entwickelt, und Lord Norman Foster hat mit der haifischhaften „YachtPlus" ein Luxusboot entworfen, das bereits in dreifacher Ausfertigung die Weltmeere befährt.

Autorin Anneke Bokern

Anneke Bokern, Jahrgang 1971, lebt als freie Journalistin in Amsterdam. Bei einem Besuch in Hamburg fielen ihr die schnittigen Formen der „Cap San Diego“ auf. Dass sie sich auf einem echten Architektenschiff befunden hatte, erfuhr sie erst, als sie wieder zu Hause war. weitere Infos

Was Glamour und Eleganz betrifft, kann jedoch keines dieser Architektenschiffe den Entwürfen eines nur mäßig bekannten deutschen Baumeisters der Wirtschaftswunderzeit das Wasser reichen. Der Hamburger Cäsar Pinnau entwarf neoklassizistische Villen an der Elbchaussee, die stilistisch zwischen Palladio und Schinkel, auf jeden Fall aber tief im Gestern ver­ankert sind - und schnittige, moderne Schiffe, die eines James-Bond-Schurken der Sean-Connery-Ära würdig wären. Wobei das nur für ihr Äußeres gilt, denn im Inneren der stromlinienförmigen Schönheiten versteckten sich konservative Wohnlandschaften mit schweren Polstersesseln und Holzvertäfelungen, bei deren Anblick man den Rauch der Industriellenzigarren förmlich zu riechen meint.

Zu Pinnaus Auftraggebern gehörten Gabriele Henkel, Rudolf-August Oetker und nicht zuletzt Aristoteles Onassis, dessen legendäre Yacht „Christina O" aus Pinnaus Feder stammte. Während seine klassischen, aber wenig innovativen Wohnbauten in der Architekturwelt kaum Beachtung finden, zollen die meisten Kollegen seinen eleganten, modernen Schiffsdesigns noch immer Respekt.

Cäsar Pinnau wurde 1906 in eine alteingesessene Hamburger Tischlerfamilie geboren. Nach einer Lehre ­ in der Werkstatt des Vaters studierte er Architektur in Berlin und München. Ab 1930 arbeitete er im Büro des Berliner Villen- und Landhausarchitekten Fritz August Breuhaus de Groot, wo er Bekanntschaft mit seiner zukünftigen begüterten Auftraggeberschaft machte. Sein erster eigenständiger Auftrag scheint im Nachhinein geradezu wegweisend, denn es handelte sich um ein Schiffsinterieur in einem weiteren Sinn: 1931 gestaltete ­Pinnau den Passagiertrakt des Luftschiffs LZ129 „Hindenburg", und zwar ganz im Stil der Neuen Sachlichkeit, mit schnörkellosen Stahlrohrmöbeln. Es sollte sein erstes und letztes modernistisches Schiffsinterieur sein.

1937 gründete Pinnau sein eigenes Architekturbüro in Berlin. Es begann eine Phase, die ihn lange verfolgen würde. Seine Vorliebe für finanzkräftige, vor allem mächtige Auftraggeber brachte ihn in Kontakt mit Albert Speer. Im Auftrag des Generalbauinspektors des NS-Regimes entwarf Pinnau die Innengestaltung der Neuen Reichskanzlei, den Umbau des Reichspräsidentenpalais anlässlich des Staatsbesuchs von Mussolini sowie mehrere Bauten für die geplante Nord-Süd-Achse in Berlin.

„Ich hätte auch für den Teufel gebaut, vorausgesetzt, er hätte mich nach allen Regeln der Kunst bauen lassen", lautete Pinnaus Antwort, als man ihm später seine Verbindung zum nationalsozialistischen Regime vorwarf. Aus derselben dienstbaren Haltung scheint auch seine völlige Stilungebundenheit geboren. Ebenso wie er innerhalb von nur sechs Jahren von Stahlrohrmöbeln zu tümelndem Bombast überwechseln konnte, sollte er seinen Kunden später Entwürfe nach Wunsch liefern, von klassizistischen Villen bis hin zu funktionalistischen Bürobauten. Der Architekturkritiker Gert Kähler hat Pinnau als „biegsam bis zur Selbstverleugnung" bezeichnet.

Nach dem Krieg war Pinnau wegen seiner Verbindung zu den Nationalsozialisten von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen. Er entwarf Wohnhäuser für betuchte Industrielle - und Schiffsausbauten. Am Anfang standen Motorschiffe und Schnellfrachter, allen voran die Santa-Klasse der Reederei Hamburg Süd, die zum Imperium der Familie Oetker gehörte. Die sechs Schiffe wurden zwischen 1951 und 1953 in Dienst genommen, die ersten Nachkriegsneubauten von Linienfrachtern.
Textauszug. Den gesamten Beitrag lesen Sie in mare No. 102.

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