„Ich wollte einfach alles erzählen“

In ihrem Roman „Wovon wir träumten“ schildert Julie Otsuka kein Einzelschicksal, sondern das Leben vieler „picture brides“. Es gibt kein „Ich“, sondern nur ein „Wir“. Das macht ihn so besonders.
Okt 2012, No. 94

Heftinhalt mare No. 94

KÖNIGSBERG - KALININGRAD
Russland im Osten. Deutschland im Westen. Die Ostsee im Blick.

EIN KLUMPEN GLÜCK
Das Wunder im Wattenmeer

JAPANS TÖCHTER
Verkauft, verschickt, verheiratet
Hier bewerten
(9 Bewertungen)

„Wovon wir träumten" erzählt die Geschichten junger Frauen, die um 1919 als picture brides von Japan nach Amerika kamen, um dort japanische Einwanderer zu heiraten. Ihre Ehemänner kannten sie bis dahin nur von Fotos. Was hat Sie an diesem Thema fasziniert?

Zunächst einmal konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass man Tausende von Meilen über den Ozean zurücklegt, um einen Mann zu heiraten, den man noch nie gesehen hat. Das ist doch verrückt. Es scheint mir riskant genug, einen Ozean zu überqueren, um jemanden zu heiraten, den man kennt. Aber damals war es viel riskanter, gar nicht zu heiraten. Eine unverheiratete Frau hatte keinen sozialen Wert. Das, was diese jungen Japanerinnen gemacht haben, war unfassbar mutig: ihren eigenen Weg in eine ganz neue Welt zu gehen, ohne zu wissen, was sie erwartet. Auch körperlich war es eine Herausforderung. Allein die Überfahrt, die je nach Wetter Wochen dauern und extrem unbequem sein konnte. Enge Kojen, Flöhe in der Matratze, es stinkt, es ist laut, die Mitreisenden haben Läuse, unvorstellbar. Wenn ich das mit meinem Leben vergleiche: Ich bewege mich in einem Radius von fünf Blocks um meine Wohnung herum. Mein Leben ist sehr ruhig und vorhersehbar - so ziemlich genau das Gegenteil von dem, worüber ich schreibe. Vielleicht habe ich mich deshalb so sehr von den Geschichten dieser Frauen angezogen gefühlt.

Anzeige




Gab es picture brides in Ihrer Familie? Oder wie kamen Sie auf die Idee?

Nein, in meiner eigenen Familie gab es keine picture brides. Aber es ist eine klassische Geschichte der ersten Generation. Und als ich mit meinem ersten Buch an der Westküste auf Lesereise war, kamen im Anschluss oft Leute aus dem Publikum zu mir und erzählten von ihrer Mutter oder ihrer Großmutter oder Großtante, die als picture brides von Japan nach Amerika gekommen war. Sie sagten: „Und als sie ihren Mann zum ersten Mal an der Pier sah ..." Der Rest des Satzes ging dann immer ungefähr so: „... war sie entsetzt, wie klein er war" oder „wie alt" oder „dass er überhaupt keine Haare mehr hatte". Ich habe unendlich viele Variationen dieser Geschichte gehört - und war fasziniert. Wie konnte sich eine Frau auf ein Schiff begeben und in ein fremdes Land reisen, um einen völlig fremden Mann zu heiraten? Und wenn ich vor 100 Jahren in einem armen Dorf in Japan geboren worden wäre, was hätte ich wohl gemacht? Für eine Frau waren die Möglichkeiten damals sehr begrenzt.

Julie Otsuka: Wovon wir träumten

Julie Otsuka
Julie Otsuka, geboren 1962 in Kalifornien, lebt heute in New York. 2002 erschien in den USA ihr Debütroman „When the Emperor Was Divine“. Sie war Guggenheim-Stipendiatin und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. „Wovon wir träumten“, erschienen im mareverlag, ist ihr zweiter Roman und der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde. weitere Infos

Sie haben sich für eine ungewöhnliche Erzählperspektive entschieden. Der ganze Roman ist in der ersten Person Plural erzählt. Es gibt kein „Ich", sondern nur ein „Wir". Warum?

Während meiner Recherche bin ich auf so viele interessante Geschichten gestoßen - Geschichten von Frauen, deren Männer ihnen Fotos geschickt hatten, auf denen sie 20 Jahre jünger waren; von Frauen, die mit der Hoffnung auf ein angenehmes Leben nach Amerika kamen, aber wenige Tage nach ihrer Ankunft bereits als Feldarbeiterinnen oder Wäscherinnen beschäftigt wurden; von Frauen, die von ihren Männern wegliefen und in die Prostitution rutschten; von Frauen, die einfach nach Amerika wollten - und dafür jeden beliebigen Mann geheiratet hätten -, dass ich sie einfach alle erzählen wollte. Eines Tages, als ich meine Notizen zu dem Roman durchging, stieß ich auf einen Satz, den ich Monate zuvor geschrieben hatte: „Auf dem Schiff waren die meisten von uns Jungfrauen." Ich wusste sofort, dass das der erste Satz meines Romans sein würde. Es sollte keine Hauptfigur geben. Ich wollte aus der Perspektive der Gruppe schreiben. Auf diese Weise konnte ich eine sehr viel größere und breiter angelegte Geschichte erzählen. Jeder Satz öffnet gewissermaßen ein kleines Fenster in das Leben einer Person.

Welche Rolle spielt das Setting?

Das Setting war absolut entscheidend für den Roman, fast wie eine eigene Figur. Diese Frauen kommen in ein Land, das anders ist als alles, was sie je gesehen haben. Also war es meine Aufgabe, die Landschaft, die ich kenne und liebe, in der ich aufgewachsen bin und die für mich immer die Welt war - Kalifornien -, mit neuen Augen zu sehen, mit einem fremden Blick, so, als sähe ich sie zum ersten Mal. Ich musste Amerika mit den Augen dieser Japanerinnen sehen: vor allem diese riesigen Flächen, die brachlagen und nicht bewirtschaftet wurden - was in Japan zu jener Zeit undenkbar gewesen wäre. Damals traten die Bauern in Japan sich gegenseitig auf die Füße, das Land war völlig überbevölkert. Und alles, aber auch alles sah anders aus in Amerika: die Leute so riesig, die Pferde doppelt so groß wie in Japan, die Gebäude - in Japan waren sie nie höher als zwei Stockwerke -, die Bäume kein Bambus, die Schuhe so spitz.

Was war für Sie die größte Überraschung beim Schreiben dieses Romans?

Dass noch niemand dieses Buch geschrieben hatte. Denn das Thema ist so ergiebig und dramatisch, und zwar von Natur aus, man muss nicht einmal etwas erfinden. Außerdem ist es eine sehr typische Geschichte der ersten Generation. Die Geschichte lag fertig da. Sie musste nur noch erzählt werden.

Das Gespräch führte Katja Scholtz.