Irische Himmelfahrt

Für eine Fähre ist der Sund im Südwesten Irlands zu gefährlich, eine Brücke ist zu teuer. Deshalb schwebt zwischen Festland und Dursey Island eine Seilbahn über den Atlantik. Fast 40 Jahre lang beförderte sie die Insulaner und ihre Tiere hin und her. Doch nun ist Streit ausgebrochen, wer Vorfahrt hat auf der kleinen Gondel.
Feb 2012, No. 90

Weltkarte

Inhalt mare No. 90

BLUE HOLE
Die fatale Lust an der Tiefe.

JACK LONDON
Das letzte Abenteuer des "Seewolfs".

STERNEN-GPS
Ein Hausarzt löst das Rätsel der Polynesier.
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Damit hatte niemand gerechnet. Eigentlich wollten sie auf der Sitzung mit der Frau aus Cork besprechen, ob man die täglichen Fahrzeiten für die Seilbahn verlängern kann, und jetzt das. Man habe ein Gutachten erstellen lassen, verkündete die Dame von der Grafschaftsverwaltung, und die Ingenieure hätten empfohlen, den Transport von Kühen mit der Seilbahn umgehend zu untersagen.

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Keine Kühe mehr in der Seilbahn! Schock und Stille. Dann hinten aus dem Raum erste vorsichtige Fragen: „Wir machen das seit fast 40 Jahren so. Was sagen die Gutachter denn? Und wie bringen wir denn jetzt Kühe und Kälber aufs Festland?"
Die Seilbahn von Dursey auf das Festland.
Wartungsarbeiten: Einmal im Monat kommt der Mechaniker. Im Notfall funktioniert die Bahn auch im Handbetrieb mit Winde und Kurbel.
Hammelsprung: Maximal sechs Schafe trägt die simple Gondel oder eine schwere Kuh. Maximale Zuladung sind rund 550 Kilogramm.
Tu?ckisches Gewässer: Dursey ist nah, aber Gezeitenstrom und Seegang machen die Überfahrt zum gefährlichen Unterfangen.
„Jedenfalls nicht mehr mit der Seilbahn", erwidert die Bürokratin ungerührt. „Wir müssen einen anderen Weg finden. Uns sind da die Hände gebunden, es kommen doch dauernd neue Regeln aus Brüssel. Wir haben es hier mit Überschreitungen der maximalen Ladekapazität zu tun und einem Hygieneproblem." Keine Kühe mehr. Punkt. Und die Alternativen dürfen möglichst nichts kosten. „Ihr wisst ja, wie es um die staatlichen Finanzen steht. Irland wird doch praktisch von Insolvenzverwaltern regiert."

Autor Olaf Kanter

Olaf Kanter, Jahrgang 1962, ist stellvertretender Ressortleiter Politik bei „Spiegel Online“. Er hat ein Faible für schroffe und einsame irische Inseln. Vor 25 Jahren war er schon einmal auf Dursey. Damals teilte er sich die Gondel mit zwei Schafen. weitere Infos

Neun Bauern haben ihr Vieh auf Dursey Island. Es ist ein schmales, sechs Kilometer langes Eiland vor der irischen Westküste, vom Festland durch einen kleinen Sund getrennt, auf dem tückische Strömungen herrschen. Bei ruhigem Wetter sieht das alles harmlos aus, früher hat man die Rinder einfach neben dem Boot herschwimmen lassen, wenn man sie zu Markte bringen wollte. Wenn jedoch die Stürme vom Atlantik über die Insel heulen, ist es für eine Fähre viel zu gefährlich. Jeder hier in der Versammlung weiß, wie das ist, wenn man für Wochen komplett vom Festland abgeschnitten ist. Sie sind alt genug, um das selbst noch erlebt zu haben.

Fotofrag Kiên Hoàng Lê

Kiên Hoàng Lê, geboren 1982, lebt als Fotograf in Berlin und wird durch die Agentur Focus vertreten. Auf der Jagd nach einem Foto mit Schaf und Seilbahn schlich er sich an die scheuen Tiere heran, nur um zu lernen, dass diese schlauer waren. Einmal aber war er erfolgreich und konnte den richtigen Zeitpunkt zwischen Seilbahnüberfahrt und Schafsgrasen abpassen. weitere Infos

„Für das Wetter sind wir in Cork nicht zuständig", pariert die Dame entsprechende Einwände und erstickt resolut jeden weiteren Widerspruch. Es gehe nun darum, Fördertöpfe für eventuelle Lösungen zu finden und den eigenen Standpunkt zu präsentieren - sofern man sich auf eine gemeinsame Position einigen könne. Irgendwelche Vorschläge?

Die Insulaner hätten 1969 auch eine Brücke haben können, aber die wäre erstens teuer und zweitens ein Hindernis für die Fischer gewesen. Man entschied sich, eine Seilbahn zu bauen, die in 30 Meter Höhe über den Sund surrt und so den Kuttern nicht in die Quere kommt. Die Konstruktion ist einfach: Hüben und drüben ein Gittermast, zwei Trossen tragen die Gondel, ein Stahlseil zieht sie von Ost nach West. Die Gondel selbst ist eine simple Stahlbox, gerade so groß, dass auch eine Kuh hineinpasst. Denn darauf kam es an - es sollte ein Vehikel für die Inselbewohner und ihre Tiere sein. Die Tragfähigkeit war mit 550 Kilogramm entsprechend berechnet, Komfort nicht vorgesehen. Solide ist die Kiste, leicht zu säubern. Durch die Ritzen im Boden sieht man das schäumende Wasser im Sund.

Die Überfahrt dauert siebeneinhalb Minuten. Wenn der Wind es will, kommt die Gondel gelegentlich ins Schaukeln, was Kühe und Schafe gelassen nehmen, bei den übrigen Passagieren aber schon mal die Nerven flattern lässt. Für ernste Notlagen gibt es eine Gegensprechanlage, bei leichteren Anfällen von Panik reichen vielleicht das Fläschchen Weihwasser am Haken neben der Schiebetür und Psalm 91, der mit Reißzwecken an der Stirnwand befestigt ist und allzeit Zuversicht verbreiten soll: „Wer unter dem Schutz des Höchsten wohnt, der kann bei ihm, dem Allmächtigen, Ruhe finden."

Die Luftbrücke machte das beschwerliche Leben auf der Insel schon viel erträglicher und hätte eigentlich verhindern sollen, dass noch mehr Menschen die Insel verlassen. Doch das Gegenteil war der Fall, sie hat den Wandel auf Dursey sogar noch beschleunigt. Früher fiel der Abschied von der Insel schwer, denn er war meist endgültig. Jetzt konnte man auf dem Festland in den Pub gehen, zum Arzt, in die Kirche, einkaufen und zur Arbeit auf die Insel pendeln. Für die Insulaner war die neue Seilbahn wie eine Zeitmaschine, die sie nach Belieben zwischen gestern und heute reisen ließ.

Rosarie O'Neill, geborene Healy, gehört zu diesen Pendlern. Sie ist auf der Insel aufgewachsen, das Haus der Familie ist das erste, das man erreicht, wenn man der einspurigen Straße von der Seilbahnstation folgt. Rosarie lenkt ihren rostzerfressenen VW Polo nach Westen und zählt unterwegs auf, wer gegangen ist, wer bleibt und wer neu dazugekommen ist. Ihr Nachbar Brendan Finch ist gestorben, Michael Lynch aus dem Haus daneben ist im Krankenhaus und kommt wohl nicht wieder. „Die Hütte auf der anderen Seite der Straße haben Deutsche gekauft, als Ferienhaus. Und das Haus da drüben, das aussieht wie aus dem Baumarktkatalog, haben Leute aus Tipperary renoviert." Aber die sind natürlich nur selten da.

Drei Dörfer gibt es auf Dursey Island, Ballynacallagh, Kilmichael, Tilickafinna. Rosarie und die anderen Leute hier sagen nur „erstes Dorf", „zweites Dorf", „drittes Dorf". Wobei Dorf geprahlt ist: Wo die Topografie Schutz vor dem Wind bietet, stehen Häuser und Ställe zusammen - an der einen Straße aufgereiht. Die meisten sind verlassen, viele verfallen. Die Inselschule im zweiten Dorf wurde 1974 geschlossen, weil nicht mehr genügend Kinder kamen. Im Dach klafft ein Loch.

Wer schon einmal im Westen Irlands war, kennt diesen Anblick: ganze Dörfer, die nur aus Ruinen bestehen, allesamt verlassen während der großen Hungersnot in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Acht Millionen Menschen zählte Irland vor der Katastrophe, mehr als eine Million verhungerten, anderthalb Millionen gelang die Flucht nach Übersee. Zurück blieben nur die Mauern ihrer Hütten.

Auf Dursey liefen sie nicht nur vor dem Hunger davon, das Leben dort war so schon beschwerlich genug. Als ihre Eltern klein waren, sagt Rosarie, lebten noch ein paar hundert Menschen auf der Insel. Als sie selbst zur Schule im zweiten Dorf ging, waren es noch 80. Inzwischen gelten nur noch eine Handvoll Leute als permanente Bewohner der Insel.

Rosaries Vater war Fischer und vieles andere mehr. Wenn die See es erlaubte, fischte er Hummer oder Makrelen. Wenn nicht, half er beim Torfstechen oder arbeitete auf dem Festland im Straßenbau. Es war ein ständiger Kampf, sich durchzuschlagen, irgendwie. Früher waren die Waren von der Insel auf dem Festland begehrt - Fisch, Fleisch, Milch, Wolle, Torf. Aber in einer modernen Weltwirtschaft sind die Insulaner damit nicht konkurrenzfähig.

Rosarie musste nach der Grundschule aufs Festland. Die weiterführende Schule war ein Internat, nur am Wochenende konnte sie nach Hause, sofern das Wetter mitspielte. Sie ist oft wochenlang nicht auf die Insel gekommen, weil der Sund einfach nicht zu überqueren war.
Textauszug. Den gesamten Beitrag lesen Sie in mare No. 90.

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