Fish ’n’ Trash

Das Bangkoker "Seafood Market and Restaurant" überrascht mit einer eigenen Fusion-Cuisine: einkaufen wie beim Discounter, essen wie im Kühlraum und zahlen wie im Grandhotel. Aber schmecken tut es.
Dez 2011, No. 89

Weltkarte

Inhalt mare No. 89

FERIEN FÜR ALLE!
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Ein riesiger, rot leuchtender Neonhummer begrüßt Besucher in einer Seitenstraße von Bangkoks Sukhumvitstraße, der Metropolenlebensader voller Huren, Straßenhändler, Gar­küchen, Souvenirbuden und Touristen. Die XXL-Reklame prangt über dem Eingang zum „Seafood Market and Restaurant", die Geschäftsidee kommt von einem Chinesen. Der gründete das Restaurant 1969, und es erfreut sich besonders bei Touristen großer Beliebtheit. Die Idee: Man shoppt mit Einkaufswagen wie im Supermarkt, lässt sich dann den Fisch in der Küche zubereiten und isst wie in einem Restaurant. 50 Köche, 42 Bedienungen und 128 Tische für knapp 1500 Gäste - eine Seafoodkantine mit Massenabfertigung und dem Charme einer Lidl-Filiale. Am Eingang schwenken Köche ihre Woks in der offenen Küche, drinnen stehen künstliche Orangenbäume vor Teichen mit echten Goldfischen, von der Decke hängen Clown- und Schwertfische aus Plastik, und aus den Boxen haucht Elvis „Now Or Never". Na denn mal los.

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Ein aufgeregter Kellner in bordeaux-roter Livree, die zwei Nummern zu groß ist, begrüßt mich, faltet die Hände vor der Brust und verbeugt sich. Herzlich willkommen in Thailand. Dann zieht er mich zu einer schönen Thailänderin, die schon mit einem Einkaufswagen vor der Fischtheke auf mich wartet. Ball heiße sie, sagt sie, aber das sei nicht ihr richtiger Name. Der lautet Yupaporn und ist für ungeübte Zungen schwer zu artikulieren. Also Ball, das können sich die Touristen leichter merken. Sie trägt ein enges, lilafarbenes Kostüm, das ein bisschen an einen Pinguin erinnert, zaubert ein umwerfendes Lächeln auf ihr schönes Gesicht und nimmt mich ins Schlepptau. Was ich denn begehren würde? Sie sagt tatsächlich „desire". Hummer aus Maine, für 80 Euro das Kilo? Krebsbeine aus Alaska, 75 Euro? Tigershrimps, Jakobsmuscheln, Zackenbarsch, Krabben, Monstershrimps aus Australien? Das Preisniveau liegt irgendwo zwischen „Mandarin Oriental" und „Sheraton". Nur, das hier ist ein kalter Saal in rotem und blauem Neonlicht.

Autor Carsten Stormer

Jahrgang 1973, ist Mitglied der Reportageagentur Zeitenspiegel und Asienkorrespondent. Eigentlich wollte er mal Kapitän werden und die Weltmeere befahren, abgebrochene Lehre zum nautischen Offiziersassistenten. Wurde stattdessen aber Speditionskaufmann, Barkeeper und Rucksackreisender. weitere Infos
Hinter der Fischtheke stehen große Aquarien und Bottiche, in denen Fische dümpeln. Davor steht eine Gruppe Touristen aus Norwegen, in Hawaiihemden und Bermudashorts, die Digitalkameras im Anschlag, Blitze zucken. Ich zeige auf diesen und jenen Fisch, Ball wirft alles in den Einkaufswagen, in ein paar Tüten zappelt es noch. Ich rausche an einem Deutschen vorbei, dessen einheimische Bekanntschaft ihn mit einem Hummer fotografiert, den er sich an die Brust quetscht. Ich frage aus Spaß nach Haifischflossen, und Ball blickt nervös auf ihre Schuhe. „Walhai vielleicht?" „Nein, das auch nicht", sagt Ball, kichert und zupft verlegen an ihrem Pinguinkostüm. „Schildkröte?" Okay, ich gebe es auf. Elvis ist inzwischen bei „Love Me Tender" angelangt, der Einkaufswagen ist voll, Ball sieht glücklich aus, und ich bin hungrig. Auf dem Display der Kasse erscheint ein Betrag, der eine zehnköpfige Familie in Thailand eine Woche lang satt machen könnte. Die Gebühr für die Zubereitung des Gerichts wird nach dem Essen präsentiert. Ich schlucke, und für einen Augenblick ist mein Appetit verflogen. Zackenbarsch, Shrimps und Gemüse wandern zurück zur Theke, Balls Lächeln wirkt plötzlich ein bisschen gequält. Nur von den Jakobsmuscheln will ich mich nicht trennen.

Fotograf Kiên Hoàng Lê

Kiên Hoàng Lê ist ein Berliner Fotograf mit vietnamesischen Wurzeln. Er wurde in Hanoi – Nordvietnam – geboren, wuchs in Bogensee – Ostdeutschland – auf und lebte zweieinhalb Jahre in Großbritanien. Auf seinen Reisen durch Indien, Südostasien und Australien fand er die Freiheit seine fotografische Leidenschaft in den Mittelpunkt seines Lebens zu rücken. weitere Infos

Ball übergibt mich an einen Kellner, der an einen Tisch führt, Hände vor die Brust gefaltet, Verbeugung, das ganze Programm thailändischer Freundlichkeit. Die Klimaanlage ist auf arktische Temperaturen eingestellt. An meinem Nachbartisch streitet eine indische Familie darüber, wer die letzte Krabbe verputzen darf. Elvis ist von Rod Stewart abgelöst worden, der durch den Saal segelt.

Ich versuche, nicht an den Preis meines Mahles zu denken, vergnüge mich stattdessen damit, Tischnachbarn zu beobachten, einen Potpourri der Weltbevölkerung. Dort sitzen Russen mit blonden,
toupierten Damen, Araber mit Turbanen, ältere Männer mit jungen asiatischen Schönheiten und japanische Geschäftsleute im Anzug. Thailänder sehe ich nicht. Ach ja, das Essen kam irgendwann auch. Es war gar nicht mal schlecht.

Jakobsmuscheln in grünem Curry

Zutaten (für 4 Personen)
24 große Jakobsmuscheln, 4 Esslöffel asiatische Fischsauce (Nam Pla), 1 bis 2 Teelöffel Zucker, 250 Milliliter Hühner­brühe, Kaffirblätter, 1 Stängel Zitronen­gras, 4 Schalotten, 6 Teelöffel grüne Currypaste, 250 Millliliter Kokosmilch, 2 Stängel Koriander, 2 rote Chilischoten.

Zubereitung
Jakobsmuscheln waschen, Rogen ab­trennen und anschließend zusammen mit den Schalotten, Kaffirblättern, dem Zitronengras und Chili im Wok anbraten. Hühnerbrühe, Kokosmilch, Fischsauce, Currypaste und Zucker hinzugeben und kurz erhitzen. Auf Tellern anrichten und das Gericht mit Koriander bestreuen.

Seafood Market and Restaurant
Sukhumvit Soi 24, Sukhumvit Road, Bangkok;
Telefon: +66 (0)226120715; geöffnet täglich von 11.30 bis 24 Uhr; www.seafood.co.th

 

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