Die Arche der Bücher

Im nasskalten Winter kreuzt eine schwimmende Bibliothek durch Norwegens Fjorde. Auf ihrer Fahrt bringt sie Bücher in entlegene Dörfer und Kinder zum Lesen.
Dez 2011, No. 89

Weltkarte

Inhalt mare No. 89

FERIEN FÜR ALLE!
Die Erfindung der schönsten Tage des Jahres.

BÜCHERSCHIFF
Die Bibliothek, die durch die Fjorde fährt.

VENEDIG
Ist die Lagunenstadt überhaupt zu retten?
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Wenn Ottar Roaldset am Fenster seines alten Bauernhauses steht, blickt er von einer Anhöhe auf den Trongfjord. Weit kräuselt sich das Wasser, am Ufer gegenüber klammert sich Wald an den Fels. Zwei Tage im Jahr sieht er all die Schönheit nicht. Der Alte schaut dann nicht, er späht. Nach einem Boot. Gleich müsste es doch kommen. Vor drei Monaten war es zuletzt hier und brachte Abwechslung nach Torjulvågen. Roaldset wartet auf die „Epos", die schwimmende Bibliothek.

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Seit 25 Jahren besucht sie Roaldsets Dorf in Westnorwegen, etwa eine Autostunde südwestlich von Kristiansund. 250 Orte läuft die „Epos" an in den Fjorden zwischen Trondheim und Stavanger. Von September bis April ist sie unterwegs, wenn Licht und Wärme so rar sind wie Touristen. An Bord der Kapitän, ein Matrose, zwei Bibliothekare und einige tausend Bücher, die sich die Dörfler leihen können, kostenlos und monatelang.
Die "Epos" fährt durch die Fjorde von Møre og Romsdal, sommers mit Touristen, im Winter mit Büchern.
Auch die Seeleute benutzen die Bibliothek. Schiffskoch und Maschinsit Årne Dyrøy liest während einer Pause in der Kombüse.
Die Kinder von Eidestranda freuen sich an Bord des Bücherschiffs über die Geschichtenerzähler, die ihnen die weite Welt ins Dorf bringen. 700 000 Euro kostet das Projekt im Jahr.
Die Winter sind lang im Norden. Eine Familie in Flemma kehrt vom Bücherboot zurück. Die Kinder sollen ihr Wissen nicht nur aus dem Internet beziehen.
Außer Ottar Roaldset und seiner Frau leben knapp 100 Menschen in Torjulvågen. Es gibt keinen Laden hier und auch sonst nichts, was man Infrastruktur nennen kann, wenn man Straßen und Tunnel ausnimmt. Roaldset hat das nie gestört, weder als Kind noch heute, mit 74 Jahren. Er hat ja Bücher, sie bringen ihm die weite Welt auf sein Sofa vor dem Kamin. Er habe einmal versucht, seine Bücher zu zählen, sagt Roaldset, sein Schnurrbart weiß und dicht, über den Augenbrauen stehen senkrechte Falten. Bei 5000 habe er aufge­geben, es sei kein Ende in Sicht gewesen. Roaldset blickt auf die Uhr. An seinem Beobachtungsposten hat sich das Bücherboot wohl vorbeigemogelt.

Autor Philipp Jarke

Philipp Jarke, Jahrgang 1975, lebt als freier Journalist im englischen Lancaster. In Erwartung tiefsten Winters hatte er sich für die Reportage mit langen Unterhosen eingedeckt. Als Geograf hätte er es besser wissen müssen: Dank Westwindzone und Golfstrom herrschte in Westnorwegen das gleiche Schmuddelwetter, dem er entfliehen wollte. weitere Infos
Nun aber schnell, es bleibt ja nur anderthalb Stunden in Torjulvågen! Roaldset greift den Jutebeutel mit den geliehenen Büchern, streift einen grauen Mantel über und schnürt sich schwarze Fußballstiefel. Für den Halt auf Schnee. Über die Dorfstraße, den Fjord zur Linken, geht es vorbei an eingeschneiten Treckern und roten Holzhäusern. Eisige Böen zerzausen Roaldset die Haare, bald hat die Kälte seine Ohren rot genagt. Eine Stichstraße, derzeit eher eine Eisbahn, führt hinab zum Wasser.

Fotograf Knut Egil Wang

Der Fotograf Knut Egil Wang, Jahrgang 1974, hatte dieses Problem nicht. Als Norweger wusste er, was auf ihn zukommt. Wangs letzte Arbeit für mare über das Leben auf den Lofoten war in No. 63 zu sehen. Auch sie handelt von glücklichen Norwegern. weitere Infos

Dort liegt das Bücherschiff. Am Ufer kämpft ein Bootshaus gegen die Holzfäule, vor dem Steg allerlei übereinandergeworfene Planken, mit Draht provisorisch abgesperrt. Im Winter macht hier kaum ein Boot fest. Ottar Roaldset beugt seinen Rücken, steigt unter dem Draht hindurch und die Gangway
hinauf. An der Schiebetür begrüßen ihn Hilde Gjessing und Vidar Kursetgjerde. „Ottar, da bist du ja endlich." Sie kennen den Büchermenschen von Torjulvågen schon lange, er ist einer der treuesten Benutzer des Bücherboots. Gjessing und Kursetgjerde arbeiten in der Bibliothek der Provinz Møre og Romsdal. Dort koordinieren sie Lesezirkel und Vorlesegruppen und versuchen, die öffentlichen Bücherhallen attraktiver zu machen. Zweimal im Jahr fahren sie mit dem Bücherschiff von Dorf zu Dorf, auch dies ein Versuch, mehr Menschen fürs Lesen zu begeistern. Nach zwei Wochen werden sie von Kollegen abgelöst.

Roaldset reicht Hilde Gjessing seinen Bücherbeutel, gemeinsam steigen sie die vier Stufen hinab in die Bibliothek. Im Hauptraum des Schiffes, wo im Sommer Ausflugstouristen um Tische sitzen, sind rundum Bücherregale an die Wände geschraubt. Bis auf ein paar Hocker und zwei Aufstellregale ist der Raum leer, durch die Fenster fällt Sonnenlicht auf den blauen Teppichboden. Die Bücher in den Regalen stehen hinter Aluminiumstangen, so fallen sie bei Seegang nicht heraus. Will man einen Band herausnehmen, lassen sich die Stangen entlang ins Holz eingelassener Führungen nach oben schieben. Entwickelt hat diese Bücherreling Vidar Kursetgjerde. Der 62-Jährige fährt seit drei Jahrzehnten auf der „Epos". Doch fragt man ihn nach der alten Zeit, erzählt er wenig. Lieber holt er sein iPad, lädt einen Vortrag über das Bücherboot aus dem Internet und reicht das Gerät herüber.

Das Bücherboot, liest man nun, fährt seit 1959 durch die Provinzen Møre og Romsdal, Sogn og Fjordane und Hordaland. 700 000 Euro kostet das Projekt im Jahr. In den Anfangsjahren, als Brücken über die Fjorde und Tunnel etwas Besonderes waren, diente die schwimmende Bibliothek noch der Grundversorgung abgelegener Dörfer. Heute sind die Fahrzeiten zur nächsten Bücherhalle viel kürzer. So misst sich der Erfolg der „Epos" nicht mehr allein an der Zahl entliehener Bücher. Als Flaggschiff der öffentlichen Bibliotheken soll sie vor allem Kinder und Jugendliche fürs Lesen begeistern, als Alternative zu Internet und Fernsehen. Dafür werden vor Ort in den Dörfern auch kleine Handbibliotheken eingerichtet. Meist sind es Lehrer oder Kindergärtner, die bis zu 300 Bücher bei sich deponieren und in der Gemeinde weiterverleihen. Bis zum nächsten Besuch der „Epos".

Hilde Gjessing, 48, sitzt in einer Ecke am Eingang der Bibliothek und registriert am Laptop die zurückgegebenen Bücher. Über die Monate vergäßen viele, welche Bücher sie auf der „Epos" ausgeliehen hätten. Trotzdem hätten sie noch nie eine Mahnung verschickt. Sympathisch, aber manchmal werden so die Bücher knapp. Wie am Vortag: Die Kinderbücher drohten auszugehen. Da passte es gut, dass die „Epos" nach einer Sturmwarnung in Krisian­sund festmachte.

Nahe dem Hafen findet Gjessing einen Buchladen. Die Bibliothekarin zieht großzügig Bücher aus den Regalen und stapelt sie auf dem Fußboden. Welche Bücher sie suche? Hauptsache, etwas mit Tieren: Hasen und Pferde gingen gut, Hunde und Katzen sowieso. Wenn so ein Buch zurückgegeben werde, sei es am selben Tag wieder verliehen. In mehreren Portionen muss Gjessing die Bücher zur Kasse tragen. Die Kassiererin tippt und tippt, der Kassenzettel wächst auf Beinlänge: 6132,80 Kronen, etwa 800 Euro. Als Gjessing den Nachschub in Plastiktüten zum Hafen schleppt, schauen unter ihren Jackenärmeln blaugraue Stoffarmbänder hervor. Akupressur, sagt Gjessing, leichter Druck nahe dem Puls. Die wichtigste Qualifikation der Bibliothekare auf der „Epos" sei Seetüchtigkeit. Ihr werde schon schlecht, wenn sie im Bus gegen die Fahrtrichtung sitze. Die Armbänder würden helfen. Nach dem Einkauf nutzt Gjessing den Abend in Kristiansund zum Duschen in der Schwimmhalle. Der Kapitän hat das Wasser rationiert, langes Duschen ist verboten, Duschen überhaupt eigentlich nur in Ausnahmefällen, der Süßwassertank sei zu klein für all die Leute. Er sagt das halb im Scherz, aber der Kapitän macht die ganze Zeit Scherze, weshalb alles ernst gemeint sein kann.

Trotz der Enge, trotz des Seegangs und der Siebentagewoche genießt Hilde Gjessing ihre Arbeit auf der „Epos". Hier kann sie endlich wieder einmal in ihrem Beruf als Bibliothekarin arbeiten. Normalerweise entwickelt und managt sie Projekte vom Schreibtisch aus, die dann von anderen in den Bücherhallen umgesetzt werden. Auf der „Epos" kann sie Besucher beraten und mit den Kindern scherzen. Bis spät in den Abend repariert sie verschlissene Bücher und beklebt neue mit der Signatur. Sie schaut zum Fenster hinaus auf den Fjord und die schneebedeckten Berge. Sie fühle sich wie im Urlaub, sagt Gjessing.

In Torjulvågen bleibt Ottar Roaldset noch eine halbe Stunde, um seinen Lesevorrat zusammenzusuchen. Er überfliegt die Buchrücken, blättert ein wenig und lässt ein Dutzend Bände in seinem Jutebeutel verschwinden. Er leiht Ryszard Kapuciskis „Reisen mit Herodot", Geschichtsbücher, die Chronik eines Landgymnasiums, an dem er selbst unterrichtete, und Bilderbücher für seine Enkelin.

Seine Liebe zu Büchern möchte er gern an sie weitergeben. Er selbst hat sich als Junge gern vor der Arbeit gedrückt, um zu lesen. Ottar, der Bauernsohn, kauerte lieber mit einem Buch in seinem Versteck, als auszumisten oder Zäune zu flicken. Er war nicht wählerisch, las alles, was ihm in die Finger kam. Er könne sich noch heute kein Buch vorstellen, das nicht interessant sei. Wenn man nur tief genug in etwas hineinschaue, wenn Strukturen und Mechanismen erkennbar würden, dann sei doch wirklich jedes Thema spannend.

Diese universelle Neugier ließ Roaldset viele Abzweigungen nehmen auf seinem Lebensweg. Als junger Mann studiert er Musik, singt Opern, macht aber einen Abschluss in Agrarwissenschaft und dann noch einen in Geschichte. 13 Jahre führt der Büchermensch den Bauernhof in Torjulvågen, er wird Lehrer, Buchhändler und leitet mit seiner Frau eine Plattenfirma. Seit einiger Zeit schreibt er selbst, seine Themen findet der Historiker in den Nachbardörfern: vorindustrielle Waldarbeit, die Entwicklung der Viehwirtschaft, solche Sachen. Roaldsets Wissen hat wenig mit Macht zu tun, dafür viel mit Papier. Seine Büchersammlung wuchs und wuchs, mit jedem Bruch seiner Biografie um eine neue Sektion. Wenn er nicht bald etwas unternehme, würden die Bücher seine Frau und ihn demnächst aus dem Haus drängen, scherzt er, das Obergeschoss hätten sie schon übernommen. Dort stapeln sie sich in jedem Zimmer, man kommt kaum hindurch.

Ob man sich das einmal ansehen könne? Der Alte lacht nur, den Kopf im Nacken. Büchermenschen wie Roaldset werden immer lesen. Schwieriger ist es mit Kindern und Jugendlichen. Wer Kinder für Bücher begeistern will, darf nicht warten, bis sie an die Computerspielwelt verloren sind. Im Grunde muss man sie fürs Lesen gewinnen, noch ehe sie selbst lesen können. Auch das versucht die Crew der „Epos" während ihrer Fahrten durch Norwegens Winter. Für morgen haben sich mehrere Kindergärten angekündigt.

Über dem Liegeplatz hängen noch die Reste der Nacht, als ein tiefes Brummen durch die „Epos" fährt. Der Dieselmotor schiebt das Boot hinaus auf den Fjord, es gleitet vorüber an den Leuchtbojen der Lachsfarmen, immer weiter Richtung Meer. Auf der Brücke Finsternis, am Steuer, auf einem kunstledernen Sessel mit ausgeleierten Sprungfedern thronend, der Kapitän. Svein Ivar Vinnes blickt aus dem Fenster, ein stummelartiger Scheibenwischer schiebt nasse Schneeflocken beiseite. Die „Epos" tuckert mit zehn Knoten aufs offene Meer, Wellen wiegen ihre 25 mal sechs Meter Aluminium. Mit bald 50 Jahren ist die „Epos" keine Schönheit mehr, aber ein Arbeitstier. Im Sommer chauffiert sie Touristen, das komplette Winterhalbjahr dient sie als Bücherboot. Welches Ausflugsschiff hat schon eine solche Auslastung?

Das hat sich auch Vinnes gedacht und die „Epos" vor zwei Jahren gekauft. „Das Wort des Kapitäns ist Gesetz", steht auf einem Messingschild auf der Brücke, doch Vinnes, 42, mit seinem runden Gesicht und dem hohen Lachen, ist eher Kumpel als Kommandeur. Spät­abends oder früh am Morgen, wenn es an Bord ruhig ist, klickt er sich durch sein Mobiltelefon, sucht Nachrichten und Fotos seiner Töchter Hannah und Elina, sieben und neun. An einem Bild von Elina bleibt er hängen: als Troll verkleidet, das Gesicht voll Schminke, Zunge draußen, die Augen verdreht. Man verpasst viel als Kapitän auf wochenlanger Fahrt. Vinnes lächelt sein Telefon an. Als die Nacht weicht, kommt das Ziel der Fahrt in Sicht. Wie der Rücken eines Krokodils ragen die Felsen aus dem Meer, Smøla. Die Schäreninsel ist ein Paradies für Angler und Vogelkundler.

Vielen Bewohnern aber fehlt die Perspektive, außer Fischfang gibt es kaum Arbeit. Seit 1960 ist jeder Zweite fortgezogen, etwas mehr als 2000 Menschen wohnen noch hier. An solchen Orten wird die „Epos" besonders sehnsüchtig erwartet. Rostige Bojen mit kleinen Fähnchen an der Spitze markieren die mäandernde Fahrrinne, wie ein Riesenslalomfahrer manövriert der Kapitän sein Schiff durch die rund geschliffenen Felsen. In Steinsøysund legt das Schiff an, es ist Niedrigwasser. Årne Dyrøy, Matrose und Koch, wuchtet die Gangway auf die Kaikante. Dann kommen sie.
Textauszug. Den gesamten Beitrag lesen Sie in mare No. 89.

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