Couch mit Meeresblick

Das Meer als Metapher für Weite und entspanntes sich-treiben-lassen. In der Psychologie spielt es noch immer eine wichtige Rolle.
Apr 2000, No. 19

Inhalt mare No. 19

HEILQUELLE MEER
Eintauchen. Wohlfühlen. Aufleben

ESSEN AUF STELZEN
Ein Restaurant im Wattenmeer

PARADOX UNTER PALMEN
Nauru, die reichste Insel der Südsee
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Der Ozean mit seinen rhythmischen Wogen zieht den Blick des Menschen wie magisch an. Die sich stetig wandelnden Formen der Wellen entspannen und fördern die Fantasie. Kein Wunder, dass Bilder des Meeres in der Psychologie beliebt sind - vor allem in der Hypnotherapie zur Stressbekämpfung. „Das sich gleichmäßig bewegende Meer ist ein Reiz, der innere Ruhe herstellen kann und somit Stressreaktionen entgegenwirkt", erklärt Thorsten Ehrhardt von der Psychiatrischen Universitätsklinik München.

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Schickt der Psychotherapeut seine Patienten auf Gedankenreisen, so spricht er gern vom Wasser, dem Glitzern, dem Geruch, dem Blau. Redet von Entspannung am Meer, von Weite: Alles öffnet sich, man kann tief durchatmen ... der Wind berührt die Haut ... und die Ruhe des stillen Meeres geht auf die Patienten über. Während eines imaginären Tauchgangs im Riff kreuzen riesige Schildkröten schwebend den Weg. Langsam, sehr langsam paddeln sie mit ihren Flossenfüßen inmitten bunt schillernder Fische. In solchen Momenten kehren sich die Sinne nach innen; die Patienten suchen nach Bildern in sich selbst. Der bequeme Praxis-Sessel wird zum Strand, das innere Auge sieht Meeresblau, man meint sogar, das Salzwasser zu riechen und eine erfrischende Brise zu spüren.

Autor Klaus Wilhelm

Klaus Wilhelm lebt als freier Wissenschaftsjournalist in Berlin. In mare No. 17 beschrieb er die Überlebenstechniken des Atlantiküberquerers Hannes Lindemann. weitere Infos

Nicht jeden Menschen allerdings locken solche Meeresfantasien ins Nirwana. Auf manche wirkt der Gedanke an Endlosigkeit und Tiefe der Ozeane abschreckend. Bevor Ehrhardt seine Patienten mit auf die sieben Weltmeere nimmt, muss er deshalb ihre Vorlieben genau kennen. Etliche möchten auch unter Hypnose lieber „festen Boden" unter den Füßen behalten und bevorzugen eine Gedankenreise auf eine Blumenwiese oder ins Gebirge. Aus diesen Präferenzen leitet die Psychologie sogar unterschiedliche Charaktere des Menschen ab. „Bergtypen" etwa nennt der Psychologe die eher selbstkontrollierten und leistungsorientierten Patienten. Auch in Gedanken müssen sie offenbar den nächsten Berg erklimmen.

Der „Meerestyp" hingegen lässt sich leichter gehen und treiben, gibt sich bereitwilliger seinem Unterbewussten hin, das bei Tagträumen am Meer sehr leicht ins Bewusstsein dringt. Sogar in der Wahl des Ozeans sehen die Psychologen Hinweise auf die Mentalität. Wer ans Mittelmeer fährt, sucht vor allem Wärme, Sonne, Vergnügen und Geselligkeit. Fans von Nord- und Ostsee dagegen schätzen eher die kühle Weite und Einsamkeit, erholen sich besser im rauhen Klima und wenn der Wind ihnen den Kopf freibläst.

In Träumen tauchen Szenen mit Meeresinhalten seit jeher auf. Was sie wohl zu bedeuten haben, damit befassten sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Überväter der Psychologie, Sigmund Freud und Carl Gustav Jung. Im Februar 1929 etwa erzählte C.G.Jung seinen Seminar-Schülern vom Traum eines Patienten, der seinen Ischias bei einem „Heiligen" kurieren wollte. Um dessen Kraft zu nutzen, glaubte der Träumende, ein Bad im Meer nehmen zu müssen: „Zwischen den Felsen und den felsigen Anhöhen liegt ein Tal, eine Art Bucht. Das Meer dringt in gleichmäßigen starken Brechern in diese ziemlich tief in das Land einschneidende Bucht ein. Eine Weile schaue ich der majestätischen Brandung und der vordringenden Flut zu. Als ich über der Anhöhe von der anderen Seite Gischt hochspritzen sehe, da habe ich Angst, dass die Dünung auf der anderen Seite so mächtig sein könnte, dass sie den Hügel wegschwemmt, der nicht aus gewachsenem Felsen, sondern aus aufgehäuftem Schotter und einzelnen Findlingen besteht."

Träume wie diese, dozierte Psychoanalytiker Jung, entlarven die universalen Zusammenhänge von Meer und Psyche. Das Meer sei der „Mutterschoß der Natur". Die Evolution begann im Ozean, der erste Keim des Lebens ist dort entstanden. Jung proklamierte Parallelen zwischen dem Unbewussten des Menschen und den majestätisch einrollenden Brechern: Es „entsendet mächtige Wellen mit fast genauer Regelmäßigkeit in unser Bewusstsein". Oft, resümiert der Schweizer Psycho-Pionier, benutzten Patienten Bilder, wonach das Bewusstsein eine Art Bucht im „Meer" des Unterbewusstseins bilde. Die überragende Kraft von Meer und Unbewusstem wird offenbar: „Aus dem Wasser, sprich dem Unbewussten, kommt alles", sagt Dieter Schnocks, Vorsitzender der C.G.Jung-Gesellschaft in Köln - auch die Ursachen für Missstimmungen der Seele und Störungen des Bewusstseins.

Um sie zu besiegen, sei im Zuge der Psychotherapie das Abtauchen in die Tiefen des Meeres unausweichlich. Nur dort unten finde sich der Schlüssel zur Heilung, wenn die verdrängten Inhalte mit den Methoden der Traumdeutung oder der freien Assoziation gehoben und durchgearbeitet werden. Doch wer in die von Meeresbildern symbolisierten Abgründe des Unbewussten taucht, muss sich - darauf weist C.G.Jung ausdrücklich hin - auf die Gefahren der seelischen Tiefsee gefasst machen. Nötige Tauchausrüstung ist tiefenpsychologische Kenntnis oder Unterstützung, um geläutert ins Licht der bewussten Welt zurückkehren zu können.

Es ist symptomatisch, dass das Meer vor allem bei C.G.Jung auftaucht. Sigmund Freuds Sache war der symbolische Wert von Wasser und Wellen nicht. Zwar verlor er in seinem Werk auch darüber gelegentlich ein Wort. So stellte er sich Träume vom Meer als Fantasien über das vorgeburtliche Leben im Fruchtwasser vor, oder er verglich eine Rettung aus dem Wasser mit der Geburt.

Doch in der Regel hielt Freud sich an seine Theorie vom persönlichen Unbewussten, das gespickt sei mit unterdrückten sexuellen Trieben und deren Symbolen. Demnach brodeln verdrängte Konflikte im Unbewussten weiter und brechen bei bestimmten Anlässen durch die Oberfläche, wobei sie zu Neurosen führen. Auch den Rhythmus des Meeres bringt Freud in Verbindung mit Sexualität, Geburt und Atmen.

Jung indes erweiterte Freuds Vorstellungen vom persönlichen Unbewussten auf das „kollektive Unbewusste". Man müsse sich die Psyche als Kugel vorstellen, die etwa halb eingetaucht im Wasser des Unbewussten schwimme. Das persönlich Unbewusste an der Wasseroberfläche enthalte Vergessenes und Verdrängtes, unterschwellige Wahrnehmungen und Gedanken, alles zur Biografie des Menschen Gehörende. In tieferen Wasserschichten verberge sich dann das kollektiv Unbewusste. Hier „verschaffen sich Archetypen, Vor- und Leitbilder der Menschheit über Äonen hinweg immer wieder Geltung", erläutert der Münchener Psychologe Wolfgang Mertens.

Archetypen sind elementare ererbte Emotionen, die sich durch urtümliche Bilder ausdrücken. Dazu gehörten beispielsweise die weise Frau und der Zauberer, der Drache und der Löwe, Geburt und Tod. Sie finden sich als Hauptmotive in allen Märchen und Mythen aller Völker. Das bedeutet: Alle Menschen haben in bestimmten Situationen vergleichbare Emotionen, Triebe, Vorstellungen und Instinkte. „Auch das Meer ist ein archetypisches Symbol für Emotionen", betont Jungianer Dieter Schnocks.

Seine Patienten berichten von ozeanischen Träumen, wobei das Meer oft „für Gefühle stehe, die so was Wässriges, Strukturloses haben, wo man sehr leicht drin untergehen kann". Das unterscheidet den Ozean vom Wald - einer zweiten häufigen Metapher -, aus dem man viel einfacher wieder herauskommt. Stets müsse das Symbol Meer deshalb übersetzt werden: Was hat es zu bedeuten, wenn nächtens die Wellen durch das Gehirn tosen?

Jung selbst hielt das stürmische Meer für ein Drängen des Unbewussten ins Bewusstsein. Daher rührt auch der Spruch, „von einer Woge" des Glücks oder einem anderen Gefühl überwältigt zu werden. Das Meer als das Unendliche, das Übermächtige: „Wenn man auf den Wellen schwimmt", berichtete ein Patient Jungs, „kann man von den Brechern fortgespült werden, aber man kommt leicht zurecht, wenn man taucht, dann wird man nicht fortgeschwemmt."

Und dann liefert das Meer seelischen Balsam. Menschen, die auf winterlichen Lichtmangel mit anhaltenden depressiven Verstimmungen reagieren, sollten ihren Urlaub in die kalte Jahreszeit verlegen und in Regionen am Äquator oder auf der Südhalbkugel ans Meer fahren. Dort gibt es täglich bis zu 70 Prozent mehr Sonnenlicht, betont der US-Psychologe Ronald Comer. Der Grund für die natürliche Turbo-Lichtdusche: Die Sonnenstrahlen werden vom Wasser reflektiert. Damit wirkt das Meer wie ein Spiegel - ein Spiegel für die Seele.

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