Der Held der alten Tage

Vor 60 Jahren bereiste der junge Zoologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt Galápagos und sah ein sterbendes Paradies. Er verhalf dem berühmten Archipel zur Rettung. Heute sind die Inseln wieder in Gefahr.
Jun 2011, No. 86

Weltkarte

Iinhalt mare No. 86

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Wer im Meer verloren geht, stirbt nie. Über die quälende Hoffnung der Hinterbliebenen.

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Es ist der 6. Januar 1954. 1000 Kilometer vor der Küste Ecuadors wölbt sich ein tiefblauer Himmel über dem Pazifik, durchbrochen von der gleißenden Sonne des Äquators. Am Horizont dräut eine Gewitterfront, doch noch herrscht Stille über den Galápagos-Inseln. Seichter Wind, sanfte Wellen.

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In der Gardner-Bucht vor der Insel Española holt der Dreimaster „Xarifa" die Segel ein. Die prächtige, schneeweiße Yacht ist das Expeditionsschiff des Wiener Meeresforschers Hans Hass. Außer Hass ist noch ein weiterer Wissenschaftler aus Wien an Bord: der Zoologe und Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt, gerade 25 Jahre alt.

Autor Peter Korneffel

Peter Korneffel, Jahrgang 1962, freier Autor in Berlin, lebte acht Jahre in Ecuador. Mehrmals im Jahr bereist er Galápagos. „Eibl-Eibesfeldt ist einer der ungewöhnlichsten Forscher, denen ich je begegnet bin.“ weitere Infos

Als sich der Anker auf den Grund legt, ist an Deck plötzlich ein Brüllen zu hören. Der durchdringende Lärm sind Rufe der Seelöwen und kommt von Osborn, einem winzigen Eiland aus schroffem Lavagestein gegenüber der Gardner-Bucht. Eibl-Eibesfeldt bittet Hass, an Land gehen zu dürfen.

Er lässt sich mit dem Beiboot zu den Seelöwen bringen. Kurz vor der Insel ist die Brandung bereits ziemlich stark und lässt das Boot bedenklich schaukeln. Der Bootsmann wirft den Anker. Dann springt Eibl-Eibesfeldt in die Wellen. „Als ich auftauchte, blickte ich in die dunklen Augen eines großen Bullen. Und in den Rachen, aus dem ein tiefes Brüllen dröhnte", erinnert sich Eibl-Eibesfeldt. „Von seinen Schnauzhaaren hingen triefende Schaumflocken herab. Dieser kräftige Bulle bewachte seinen Harem, und ich spürte, dass das Brüllen kein Freundesgruß war. Es war ein Imponieren wie das Brustschlagen des Gorillas."

Die Erregung des Seelöwen lässt Eibl-Eibesfeldt erschrecken. Der junge Forscher zieht sich unter großer Anstrengung, umspült und gezogen von schäumenden Wellen, an einer Felskante zur Insel hinauf und schleppt sich weiter zum Strand. Erstmals betritt er in diesem Moment die Galápagos-Inseln. Eine große Gruppe von Seelöwenweibchen, der Harem, döst im Sand und schaut ihn nur gelangweilt an. „Von nun an war es um mich geschehen. Galápagos war eine Liebe auf den ersten Blick."

Galápagos, Frühjahr 2010. 56 Jahre nach jener Liebesbegegnung mit den Seelöwen bereist Irenäus Eibl-Eibesfeldt erneut die „Arche Noah im Pazifik", wie er den Archipel im Titel seines Literaturklassikers nennt. Dieses Mal ist er auf der 53 Meter langen Motoryacht „Isabela II" unterwegs, einem schwimmenden Hotel mit Whirlpool und Cocktailbar. Eibl-Eibesfeldt reist - wie schon so oft - als wissenschaftlicher Leiter einer Leserreise im Auftrag der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit". Sein Haar ist weiß, das Gesicht durchfurcht von Falten, doch der Blick des Österreichers ist klar wie eh und je. Als das Schiff an fast der gleichen Position ankert wie damals die „Xarifa", irgendwo zwischen Osborn und dem Strand der Gardner-Bucht, hält er für einen Moment inne und lauscht dem vertrauten Brüllen der Seelöwen.

Ein nachdenklicher Eibl-Eibesfeldt schaut mehr als fünf Jahrzehnte zurück. „Als ich mit Hans Hass an Bord der ‚Xarifa‘ auf Galápagos landete, waren die Inseln einer brutalen Plünderung ausgesetzt." Es gibt Szenen, die er nicht vergessen kann. „Die Kalifornier jagten damals die Pelzrobben. Die Elefantenschildkröten wurden allerorten verspeist. Die Siedler schossen Bussarde, und die eingeschleppte Ziegenplage richtete verheerende Schäden an. Das Labor der Evolution war in Gefahr."

Ist dieser Ort, an dem einst Charles Darwin Teile seiner Evolutionstheorie entwickelte, heute in Sicherheit? „Es gibt neue Probleme", sagt Eibl-Eibesfeldt. Es drohe die Ausrottung und Zerstörung durch Zigtausende Siedler und Hunderttausende Touristen. Eibl-Eibesfeldt war seinerzeit maßgeblich an der Rettung der Inseln beteiligt und hat sie berühmt gemacht. Jetzt, im 21. Jahrhundert, wird Galá­pagos womöglich an diesem Ruhm zerbrechen.

Damals, nach der Rückkehr der „Xarifa" in Europa, entscheidet Eibl-Eibesfeldt, sein weiteres wissenschaftliches Leben der Rettung der Galápagos-Inseln zu widmen. Er ist von der Schönheit infiziert. Doch der Grund zu seinem Entschluss liegt in der verblüffenden Zahmheit dieser einzigartigen Geschöpfe. Eibl-Eibesfeldt verfasst ein Memorandum für die Unesco und für die International Union for Conservation of Nature. In dieser Zeit überträgt ihm Hans Hass die Leitung seines von ihm gegründeten Internationalen Instituts für submarine Forschung.

Eibl-Eibesfeldts Bericht alarmiert die Unesco. Die noch junge Organisa­tion der Vereinten Nationen beauftragt ihn 1957 mit einer offiziellen Galápagos-Expedition. Gemeinsam mit dem amerikanischen Ornithologen Robert Bowman, dem Künstler und „Life"-Reporter Rudolf Freund und dem Fotografen Alfred Eisenstaedt soll Eibl-Eibesfeldt ein Gutachten für die Unesco erstellen. Die Mission dauert vier Monate und bestätigt Eibl-Eibesfeldts Beobachtungen von 1954. Sie markiert zudem den Beginn des Naturschutzes auf den Galápagos-Inseln.

Eibl-Eibesfeldts Unesco-Bericht „Survey on the Galápagos Islands" enthält dezidierte Vorschläge zur Rettung der Tier- und Pflanzenwelt und zur Gründung einer Forschungsstation. Bereits zwei Jahre später,
1959, reagiert die Regierung von Ecuador, zu der die Inselgruppe gehört. Sie erklärt 97 Prozent der Landfläche des Archipels zum Nationalpark. Eibl-Eibesfeldt wird im selben Jahr Mitgründer der Charles Darwin Foundation, einer Organisation, deren Ziel es ist, die Erforschung und den Schutz der Galápagos-Inseln voranzutreiben.

1960 steuert Eibl-Eibesfeldt für Heinz Sielmanns legendären Naturfilm „Galá­pagos - Landung in Eden" sensationelle Unterwasseraufnahmen bei. Der Film wird 1962 in Berlin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Europas Öffentlichkeit ist begeistert von dem vermeintlichen Paradies im Pazifik - und zugleich besorgt. 1964 nimmt die Charles-Darwin-Forschungsstation ihre Arbeit in Puerto Ayora auf, einem idyllischen Fischerdorf im Süden der Insel Santa Cruz.

Dort lebt heute die 38-jährige Vanessa Gallo. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist sie Naturführerin im Nationalpark, mittlerweile auch Ausbilderin. „Eibl-Eibesfeldt hatte von Beginn an einen festen Willen. Er hat die entscheidenden Impulse für den Naturschutz gegeben." Gallo gehört zu den Bewunderern Eibl-Eibesfeldts und hat ihn schon mehrfach auf seinen Touren begleitet. „Ohne ihn hätte es keinen Schutz für die Schildkröten gegeben."

Ende der 1950er Jahre wohnten in Puerto Ayora gerade 300 Menschen, mittlerweile sind es 18 000. Die meisten von ihnen leben vom Tourismus. Galápagos gehört heute zu den Topdestinationen für betuchte Touristen. Den reichen Flugreisenden folgen die Siedler vom ecuadorianischen Festland, um der Arbeitslosigkeit und bitteren Armut auf dem Festland zu entfliehen. Biologen wie Eibl-Eibesfeldt selbst und Umweltschützer, aber auch Journalisten und Filmteams von Sielmann bis Imax haben Galápagos populär gemacht - und so die enormen Besucher- und Einwanderungsströme in Gang gesetzt, die das Ökosystem kaum noch bewältigen kann.
Textauszug. Den gesamten Beitrag lesen Sie in mare No. 86.

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