Fisch auf Speed

Er ist wunderschön und besitzt etwas, das kein anderer Fisch hat: ein Segel. Damit beeindruckt der Segelfisch effektvoll seine Beute. Und wenn er es einklappt, schießt er mit 110 Kilometern in der Stunde durchs tropische Meer.
Dez 2010, No. 83

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Natürlich könnte man schlicht die Fakten auflisten. Dass der Segelfisch - auch Fächerfisch genannt - in den tropischen und subtropischen Meeren lebt. Dass man ihn besonders oft im Golf von Mexiko, in der Karibik und vor der Küste Floridas sichtet, den Nachwuchs gelegentlich auch im Mittelmeer. Dass er zwischendurch weite Strecken zurücklegt - manche Exemplare schwimmen in ihrem Leben bis zu 320000 Kilometer weit, theoretisch also etwa achtmal um die Erde.

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Oder dass Experten lange darüber gestritten haben, ob es nun eine oder zwei Arten von Segelfischen gibt, eine im Indopazifik, die andere im Atlantik. Die indopazifische Version ist mit bis zu 100 Kilogramm Gewicht doppelt so schwer wie die atlantische. Beide aber zählen zur Familie der Istiophoridae, zu der auch Speerfische und Marline gehören - typisch für diese Familie ist das Maul, das sich säbelartig zuspitzt. DNA-Tests haben mittlerweile gezeigt, dass beide Segelfischarten genetisch identisch, also eine Spezies sind.
Mit großem Geschick drängen die Räuber den Schwarm zusammen.
Ein Sardinenschwarm flieht vor den Angreifern, doch Segelfische lassen sich nicht abhängen. Sie gelten als die schnellsten Fische der Erde.
Es sind Hunderte Sardinen, die von den Segelfischen unter Kontrolle gehalten
werden. Die Räuber warten nur noch auf den richtigen Zeitpunkt fu?r den Angriff.
Normalerweise ist ein Segelfisch bläulich-grau mit weißem Bauch. Ist er erregt, wechselt er blitzschnell seine Tönung, bekommt etwa lila Punkte oder verfärbt sich rot.
Doch solche biologischen Tatsachen erklären nicht die merkwürdige Wirkung, die Segelfische auf Menschen ausüben. Sie erklären nicht, warum Angler, die zum ersten Mal in ihrem Leben einen Segelfisch erblicken, diesen unbedingt fangen wollen - und sei es nur, um ihn einmal kurz in der Hand zu halten und dann wieder freizulassen. Warum Unterwasserfotografen, die mit der erklärten Absicht ins Meer springen, einen Segelfisch zu fotografieren, komplett vergessen, den Auslöser zu drücken, wenn ihnen einer vor die Linse schwimmt. Oder warum diejenigen, die einmal ein Exemplar gesehen haben, sich der stärksten Metaphern bedienen, um das Tier zu beschreiben. „Seine lange Schnauze und die Riesenaugen - ich dachte, der Teufel selbst habe meinen Köder geschluckt", schrieb einmal ein Sportfischer namens James P. Hall.

Autorin Ute Eberle

Ute Eberle, Jahrgang 1971, freie Autorin im holländischen Leiden, überraschte, wie begeistert Menschen sind, die einem Segelfisch begegnet sind. Jetzt will sie unbedingt auch einmal einen sehen. weitere Infos

Segelfische haben tatsächlich etwas Diabolisches. Doch vor allem sind sie spektakulär schön. „Eine der schönsten Kreaturen in Existenz", nannte sie Jim Bob Tinsley, ein Amerikaner, der Mitte des 20. Jahrhunderts 15 Jahre damit verbrachte, Segelfische zu studieren, und das bis heute umfassendste Buch über sie schrieb.

Der Fisch verdankt seine Attraktivität vor allem seinem Segel, nach dem er benannt ist. Dabei handelt es sich um eine überdimensionierte Flosse, die am Nacken des Tieres beginnt und sich gewellt über den Rücken fortsetzt, wobei sie bei manchen Fischen so breit wird, dass sie größer ist als der Rumpf unter ihr. Der Segelfisch kann diese Flosse nach Belieben einklappen; sie verschwindet dann in einer Furche auf der Oberseite des Körpers. Übrig bleibt in solchen Momenten ein torpedoschlanker Leib, der Segelfische zu den schnellsten Geschöpfen der Meere macht. Ein Mensch schwimmt maximal acht Kilometer in der Stunde, ein Großer Tümmler 27, ein Barrakuda 43, ein Killerwal 55. Ein Segelfisch, vor allem, wenn er zwischendurch aus dem Wasser springt, schafft bis zu 110 Kilometer in der Stunde.

Fotograf Reinhard Dirscherl

Reinhard Dirscherl, geboren 1964, wohnhaft in München, gehört zu den führenden Unterwasserfotografen unser Tage. Er hat vor allem die nötige Geduld, um diesen Beruf auszuüben. weitere Infos
Wenn der Fisch sein Segel aufklappt, verwandelt er sich in eine magische Kreatur, ein Fabelwesen, halb Wasser-, halb Landgeschöpf. Manche erinnert er an einen vorgeschichtlichen Dinosaurier, andere an einen Vogel. „Pfauenfisch" nennen ihn die Inder.

Und dann sind da die Farben. Normalerweise ist ein Segelfisch bläulich-grau mit einem silbrig-weißen Bauch. Wie polierte Schwerter funkeln ihre schlanken Leiber, wenn sie aus dem Meer springen, hat ein Augenzeuge einmal geschrieben. Doch ist der Fisch aufgeregt oder gestresst, wechselt er blitzschnell seine Tönung, bekommt etwa lila Punkte oder kräftige blaue Streifen oder verfärbt sich rot.

Andy Harrold, der in den 1950er Jahren für das Florida State News Bureau als Fotograf arbeitete, hatte seinerzeit den Auftrag, Segelfische zu fotografieren. Als er vom Boot ins Wasser glitt, begegnete er einem prachtvollen Exemplar. „Als er mich sah, schien er sich zu sträuben wie ein Hund", so Harrold. „Er warf sein Segel auf, und Farbwellen flimmerten über seinen Körper, eine nach der anderen. Es war wundervoll anzuschauen." Ungefähr eine halbe Minute habe der Fisch weiß und blau gefunkelt wie ein Neonschild. „Plötzlich ließ er sein Segel fallen, kehrte sich zur Seite und schoss davon." Erst als es zu spät war, merkte Harrold, dass er vergessen hatte, Fotos von dem Tier zu schießen.

Verantwortlich für das Farbenspiel sind Zellen, die in der obersten Hautschicht des Fisches liegen. Diese sogenannten Melanophoren enthalten dunkle Pigmente, die sich zusammenziehen können und so den Blick auf darunterliegende Zellen freigeben. In diesen sitzen winzige Kristalle, die Lichtwellen reflektieren. Weil sich die Lichtwellen teilweise überlagern, beginnt der Fisch in unterschiedlichen Farben zu funkeln. „Das Tier steuert das Zusammenziehen der Pigmente durch sein Nervensystem, vermutlich spielen Hormone wie Adrenalin dabei eine Rolle", sagt Kerstin Fritsches, Meeresbiologin an der australischen University of Queensland. „Das geht so schnell, wie wenn man einen Vorhang aufzieht."

Segelfische nutzen dieses Talent bei der Jagd, das ist sicher, doch bis heute wissen Meereswissenschaftler nicht, ob sie es auch zu anderen Gelegenheiten - etwa bei der Paarung - einsetzen. Bisher sind alle Versuche gescheitert, die Tiere in Gefangenschaft aufzuziehen und sie dabei gründlich zu studieren. „Segelfische lassen sich nicht im Aquarium halten", sagt Forscherin Fritsches. Die Langstreckenschwimmer würden in den zu engen Becken ziemlich bald verenden.

Vieles ist deshalb noch immer rätselhaft. Zwar ist bekannt, dass der Segelfisch Schwarmfische wie Sardinen oder Makrelen frisst und sich zwischen Frühjahr und Herbst fortpflanzt, indem das Weibchen Abertausende millimetergroße Eier ins Wasser gibt, die dann von den Männchen befruchtet werden. Die daraus schlüpfenden, zunächst stachelbewehrten Larven wachsen im ersten Jahr explosionsartig, „auf einen Meter und mehr", sagt Robert Cowen, Fischkundler an der University of Miami. Doch wie die Tiere ihre Partner wählen, wohin sie ziehen, wenn sie sich nicht vor den Küsten aufhalten, und ob sie dabei festen Routen folgen, das ist noch weitestgehend unklar.

Gleiches gilt für ein kurioses Ritual, bei dem Segelfische immer wieder beobachtet werden. Dabei treiben sie dicht unter der Meeresoberfläche und klappen ihre Rückenflosse auf, sodass diese aus dem Wasser in die Luft ragt. Manche Beobachter vermuten, dass sich der Fisch bei günstigem Wind energiesparend fortbewegt, ihm seine Flosse also buchstäblich als Segel dient. Andere glauben, dass er sich wärmt, indem er Sonnenlicht absorbiert.

Seefahrer früherer Jahrhunderte hielten Segelfische für besonders mutige Kreaturen, weil diese ihre Schiffe anzugreifen schienen. Immer wieder fand man abgebrochene Spitzen von Segelfischmäulern in den Holzrümpfen. In einem Fall ist überliefert, dass ein Fisch fast 23 Zentimeter tief
in massive Planken eingedrungen war, bevor sein Maulfortsatz brach. Doch die Tiere hatten es wohl nicht auf die Schiffe abgesehen, sondern auf Beute.

Segelfische jagen in Gruppen in der Nähe der Wasseroberfläche. Geschickt kreisen sie ihre Beute ein und koordinieren ihre Aktion durch Farbsignale, die für das menschliche Auge kaum sichtbar sind. Ist der richtige Zeitpunkt gekommen, isolieren sie einzelne Fische und stoßen abwechselnd zu. Dabei hatten sich die betroffenen Segelfische wahrscheinlich verkalkuliert und waren dann aus Versehen in die Schiffsrümpfe gekracht.
Textauszug. Den gesamten Text lesen Sie in mare No. 83.

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