Lusus-Tropfen

Verbote haben manchmal, das zeigt die Kulturgeschichte der Menschheit, erstaunliche Wirkung. Das biblische Verbot, die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen, führt zur Erfindung der Damen- und Herrenoberbekleidung; das islamische Bilderverbot schenkt der Nachwelt das Ornament; und das Verbot für Untertanen der britischen Krone, Bordeaux zu trinken, bringt die Erfindung edlen Portweins und die Verschiffung in die Welt. Eine Geschichte aus dem Reich des Lusus, des Gefährten von Weingott Dionysos.

Heftinhalt mare Sonderheft III

Der Sternekoch Johannes King
und sein Sylter Menü.

Mit Rezepten, Reportagen und Fischratgebern.
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Still ist es hier. Hinter den Rundbogen schimmert der Douro wie flüssiges Silber, ein Ort des Friedens. Der Salon des Portweininstituts „Solar do Vinho do Porto" verführt zu selbstvergessener Meditation. Nachmittagssonne glimmt im Glas, rotes Licht in tiefem Dunkel, ein glücklicher Moment, der sich kaum merklich dehnt. Betäubendes Aromenspiel, der Zaubertrank wirkt, entführt die Fantasie in ein goldenes Zeitalter göttlicher Lustbarkeit, in dem die Unsterblichen das Leben feiern wie ein Fest.

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Das ist die Welt des Lusus, Gefährte von Bacchus, der bei den Griechen noch Dionysos hieß, Gott des Weines, zuständig auch für die olympischen Disziplinen Freude und Ekstase. Bacchus machte gern Party, und Lusus war immer dabei. Von Lusus haben die Lusitaner ihren Namen, die einst den wilden Westen des europäischen Altertums bewohnten. Sie führten ein gottgefälliges Leben. Unter ihren Händen wuchs köstlicher Wein, und sie feierten göttliche Gelage. Die Römer werden sich etwas dabei gedacht haben, ihre Provinz am Atlantik Lusitanien zu nennen.
Es kommt viel Besuch. Schon vor den Römern waren Phönizier und die Griechen an diese Gestade gesegelt, nach den Römern kommen die Mauren. Auch sie lassen den Weinbau nicht verkommen, geben ihn weiter in die Hände weinseliger Klosterbrüder. Fromme Zisterzienser gründen im zwölften Jahrhundert mehr als 100 Klöster, spüren im kühlen Grund ihrer Felsenkeller den Atem der Engel, die himmlische Alkoholfahne, die überall verhaucht, wo Weinfässer lagern und wo, so will es die Legende, die Engel ihren Schwips im Flug bekommen.
Ein erfülltes Leben. João Nicolau de Almeida, Chefönologe bei Ramos-Pinto, revolutionierte Anbaumethoden und Kellertechnik im Dourotal.
Weinbau am Douro ist die Härte. Der
Terrassenbau an steilen Schieferhängen war Fronarbeit. Extreme Winterfröste wechseln mit Hitzeperioden mit Temperaturen um 40 Grad im Sommer.
In van der Niepoorts Felsenkeller in Vila Nova da Gaia führt der Zugang zum Büro durch die Schatzkammer alter Ports.
Very british. Jeden Mittwoch treffen sich die Portweinbarone zum Lunch im "Factory
House". Das alte Gildehaus der englischen
Weinmacher dient heute als Privatclub.
Aus Lusitanien wird das Königreich Portugal. Dom Dinis (portugiesische Kurzfassung von Dionysos), genannt „der Ackerbauer", regiert bodenständig und mit glücklicher Hand. Landwirtschaft und Weinbau liegen ihm am Herzen. Bald trinken die Portugiesen ihren Wein nicht mehr allein. Sie erwirtschaften Überschüsse, die es dem kleinen Königreich ermöglichen, eine Handelsflotte aufzubauen und bald die Welt zu entdecken.

Autor Emanuel Eckardt

Emanuel Eckardt, Jahrgang 1942, reist seit 25 Jahren regelmäßig nach Portugal und besucht immer wieder den Douro, für ihn die interessanteste Weinregion der Welt. weitere Infos
Doch noch gibt es Neider. Der Nachbar nervt, Kastilien. Um die Unabhängigkeit des kleinen Königreichs zu sichern, schließen die Portugiesen 1386 ein Bündnis mit dem Seefahrervolk der Briten. Der Vertrag von Windsor, smart wie der gleichnamige Krawattenknoten, hält viele hundert Jahre und wird 1662 doppelt gebunden, als Karl II., König von England, die portugiesische Königstochter Katharina von Bragança heiratet. Seither fließt ein steter Strom dunklen Weines gen England.

Fotografin Fara Phoebe Zetzsche

Fara Phoebe Zetzsche, 1984 geboren, Studentin der Fotografie in Hannover, traf auf ihrer Reise den niederländischen Portweinmacher Dirk van der Niepoort auf seinem Weingut in Vale de Mendiz. Voller Neugierde steckte sie ihre Arme in das Granitbecken mit frisch gestampften Trauben. Sie betrachtete fasziniert die matte Oberfläche des eingemaischten Weines und bemerkte begeistert, dass sie wie ein Samtteppich aussehe. Ein paar Tage nach ihrer Rückkehr nach Deutschland bekam sie ein Foto von van der Niepoort. Darauf war ein Weinfass zu sehen, auf dem mit Kreide geschrieben steht: „Fara's Velvet Carpet". weitere Infos

Von Viana do Castelo aus, einer Küstenstadt nördlich von Porto, verschiffen englische Wollhändler roten „Vinho Verde". Der grüne Wein aus roten Beeren gilt feineren Zungen als kaum genießbar, ist aber für Seeleute offenbar gut genug, ein Fusel, in den sie ihren Schiffszwieback stippen können. Er wird als „sailor's rations" auf Schiffen mitgeführt.

Englischer Adel bevorzugt englischen Wein: den roten Bordeaux aus der Provinz Aquitanien. Und auch nachdem dieser Teil des Vereinigten Königreichs unfortunately an die Franzosen fällt, bleiben sie ihrer Gewohnheit treu und trinken ihren Claret. Bis ihr eigener König es ihnen verbietet.

Verbote haben manchmal, das zeigt die Kulturgeschichte der Menschheit, erstaunliche Wirkung. Das biblische Verbot, die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen, führt zur Erfindung der Damen- und Herrenoberbekleidung; das islamische Bilderverbot schenkt der Nachwelt den Zauber des Ornaments; und das Verbot für Untertanen der britischen Krone, Wein aus Bordeaux zu trinken, führt zur Erfindung des Portweins. Und das kam so: Wilhelm III. von Oranien-Nassau, König von England, Schottland und Irland, liegt wieder einmal mit Frankreich im Krieg. Die Franzosen versenken an der Algarve englische und portugiesische Schiffe, die Briten revanchieren sich mit einem Embargo, verbieten die Einfuhr französischer Weine, finden es dann aber lohnender, sie mit hohen Zöllen zu belegen.

Notstand auf der Insel. Die ersten Weinkeller fallen trocken. Was tun? Gibt es Ersatz? Etwa in Portugal? Die Handelsherren schwärmen aus, steigen tief in Portugals Keller, schlucken, verziehen die Gesichter - Bordeaux ist das nicht.

Vermutlich ist es eine göttliche Eingebung, die zwei junge britische Weinhändler aus Viana do Castelo an den Douro führt. In der alten Königsstadt Lamego kredenzt der Abt des Klosters einen Wein, wie sie ihn nie zuvor getrunken haben: Reich an Aromen, angenehm süß, schmeichelt er Zunge und Gaumen. Hot stuff! Berauschend! Der Wein hat es in sich, denn er ist, wie man heute prosaisch sagt, gespritet. Die Klosterbrüder haben ihm nach kurzer Zeit der Reife puren Aquavit zugesetzt, was die Gärung stoppt, den Zucker nicht mehr in Alkohol umwandelt und die Entfaltung der Fruchtaromen sichert. Der so gewonnene Wein ist seetüchtig, jahrelang haltbar und dank seines Alkoholgehalts von rund 20 Volumenprozent gut für mehrere Weltumsegelungen, aber nur für Seeleute eigentlich zu schade.

Der Wein der Mönche löst einen Boom aus. Alle wollen den „roten Portugal", kurz „Red Port". An der Atlantikküste entsteht ein reges Geschäft. Die Arbeitsteilung steht von vornherein fest. Die Portugiesen besorgen den Stoff, die Veredelung und den Export übernehmen ausländische Handelsherren.

Schon 1638 hatte sich Cristiano Kopke, ein deutscher Diplomat, in Porto angesiedelt und ein Handelshaus für Wein gegründet, das sich rühmen kann, die älteste Portweinfirma der Welt zu sein. Doch es sind vor allem Briten, die ins Geschäft kommen, Engländer, Iren und Schotten. Sie heißen Warre, Bearsley und Croft, Cockburn und Graham, Sandeman und Symington, Taylor und Dow. Neben Burmester aus Deutschland kommen die Familien van der Niepoort und van Zeller aus den Niederlanden.

An der Schwelle zum 18. Jahrhundert verschiffen rund 20 Firmen schon mehr als 30000 Fässer für die Britischen Inseln und ihre Kolonien. Und noch einmal wird der Windsorknoten fester gezurrt. 1703 schließen Portugal und England einen Beistandspakt gegen die spanische Krone, inklusive Zollprivilegien für portugiesischen Wein, wobei der clevere britische Botschafter John Methuen auch eine Vorzugsbehandlung für englische Textilien aushandelt. Dieser Vertrag hat weitreichende Folgen: Portugal wird wirtschaftlich von England abhängig und verschläft den Beginn der Industriellen Revolution, weil seine Textilwirtschaft zerstört wurde.

Dass der lukrative Weinhandel ganz in ausländischer Regie geführt wird, ist den Portugiesen ein Dorn im Auge. 1756, ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben, das Lissabon und den Süden des Landes heimgesucht hat, sorgt Sebastião José de Carvalho e Mello, der legendäre Marquês de Pombal, mit königlichem Dekret für Ordnung. Er gründet ein staatliches Monopol, legt für Portwein strengste Auswahlkriterien fest und gründet, indem er das Weinbaugebiet am Douro scharf eingrenzt, 27 Jahre vor den Franzosen die älteste Appellation controlée der Welt.

Was die Portweinfirmen bisher unter Veredelung verstanden, kommt nun unter Aufsicht. Der gestrenge Marquês de Pombal untersagt das Panschen mit Holunderbeersaft und das Düngen mit Mist. Wer weiter panscht, landet im Gefängnis und kann von Glück sagen, denn das ist nur die mildeste der Strafen. Im ersten Jahr der Verordnung enden 13 Männer und vier Frauen am Galgen, 25 Männer müssen auf die Galeere, 86 werden verbannt. Die staatlich verordnete Qualitätssicherung macht Portwein zur edelsten Designerdroge des 18. Jahrhunderts. Der Portweinhandel blüht auf, zumal der Stoff auf der Insel um vieles billiger als Bordeaux zu haben ist.

Portwein macht die Briten stark. Als Napoleons Truppen in Portugal einmarschieren, soll sich der Herzog von Wellington mit Portwein seines Landsmanns William Warre gedopt haben, ehe er die Franzosen aus dem Land jagt. Ironie der Geschichte: Heute trinken die Franzosen dreimal so viel Port wie die Engländer.
Textauszug. Den gesamten Text lesen Sie im mare Sonderheft Kulinarik III.

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