Krabbenkampf

Trotz solider Bestände und Rekordumsätzen herrscht in Frieslands kleinen Häfen Krieg zwischen Fischern und Handelskonzernen. Ein Blick hinter die Kulissen eines Idylls.
Feb 2010, No. 78

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Heftinhalt mare No. 78

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KOKAINSCHMUGGEL
Karibikfischer machen Jagd auf den weissen Hummer
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Mit einem kräftigen Satz springt Nils Sander von der Kaimauer an Deck seines Krabbenkutters „Uranus". Sein Heimathafen Dornumersiel, gleich gegenüber der Nordseeinsel Langeoog, liegt verschlafen in der Mittagssonne. Auch Sander lässt es ruhig angehen, schraubt noch ein wenig an der Maschine, räumt an Deck auf. Er ist ein groß gewachsener Mann, trägt tatsächlich ein blau-weiß gestreiftes Fischerhemd, eine Piratenmütze aus schwarzem Leder und einen großen goldenen Ohrring mit seinen Initialen. Gestern ist er nur kurz hinausgefahren, zu schlecht war das Wetter. Jetzt startet der 38-Jährige einen zweiten Versuch.

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Wenn es gut läuft, werden er und sein Deckmann für zwei, drei Tage unterwegs sein und ein Dutzend Kisten Nordseekrabben mit nach Hause bringen. Keine schlechte Ausbeute, jede Plastikwanne fasst 20 Kilogramm.

Autorin Marlies Uken

Marlies Uken, freie Journalistin in Berlin, erstand bei der Recherche im Hafen von Fedderwardersiel ein Kilo Krabben. Das Pulen war schwieriger als gedacht. Fünf Stunden brauchte sie dafür. Die Ausbeute war jämmerlich, wurde aber mit Genuss verspeist. weitere Infos

Es ist Sanders Traumjob. Als er zum ersten Mal mit fünf Jahren auf einem Kutter mitfuhr, wusste er: Ich will Krabbenfischer werden. Doch inzwischen sind die guten Fänge ein zweifelhaftes Glück. Denn die Preise für Nordseekrabben sind im Keller. „Für ein Kilo zahlt mir der Großhändler zurzeit gerade einmal 1,65 Euro", sagt Sander. „Aber ich habe keine andere Wahl. Es gibt nur zwei Abnehmer - und die diktieren die Preise."

Sonne, Nordsee, Krabbenbrötchen - für Millionen von Deutschen ist das der perfekte Sommer. Sie flanieren durch friesische Hafenstädtchen, wo Ebbe und Flut den Tagesrhythmus bestimmen, versuchen sich mehr oder weniger erfolgreich beim Krabbenpulen. Doch hinter der Postkartenidylle verbirgt sich eine ganz andere Welt: eine Großindustrie, in der Krabben gekühlt und zum Schälen nach Marokko gekarrt werden. Es ist ein Millionengeschäft, das zwei niederländische Konzerne unter sich aufgeteilt haben. Selbst europäische Kartellbehörden kennen inzwischen die Fischerstädtchen Greetsiel und Büsum, sie machen Razzien und verhängen Millionenstrafen. Und mittendrin sitzt Nils Sander auf seiner blau-weißen „Uranus" und versteht sein kleines Universum nicht mehr. Wie der Preis für ein Kilogramm Krabben entsteht, kann er kaum noch nachvollziehen.

Illustratorin Kat Menschik

Kat Menschik lebt in Berlin und Brandenburg als freie Zeichnerin. Zuletzt illustrierte sie die Erzählung „Schlaf" von Haruki Murakami. Ihr Verhältnis zu Krabben ist pragmatisch. „Ein Teller voll mit Krabben? Jederzeit!" weitere Infos

Dirk Sander ist der Vater von Nils Sander und ebenfalls Krabbenfischer. Ein wohlbeleibter Herr Ende fünfzig, auf den Unterarmen verblassen die Tattoos, am Ohr baumelt der Goldohrring mit den Initialen „DS". Seit Jahren ist Sander Krabbenfunktionär, er hat den Kutter gegen den Schreibtisch getauscht. Von seinem Häuschen hinterm Deich in Nessmersiel spinnt er als Präsident des Landesfischereiverbands Weser-Ems die Fäden. Zugleich sitzt er der Erzeugergemeinschaft Weser-Ems-Gebiet vor, in der sich rund 140 Hochsee-und Küstenfischer organisiert haben.

Eigentlich könnte Sander zufrieden sein. Im Unterschied zu Dorsch oder Seehecht gibt es für Krabben keine Mengenbeschränkung. Den Beständen geht es gut, denn wegen des Klimawandels erwärmt sich das Wasser, und die natürlichen Feinde ziehen sich zurück. Auch die Nachfrage ist da: Deutsche, Holländer und Belgier schwören auf den Minikrebs. Das Jahr 2008 hatte Deutschlands Krabbenfischern sogar einen Rekordumsatz von 50 Millionen Euro gebracht, mit Abstand der höchste Erlös im Vergleich zu Kabeljau oder Heilbutt. Etwa 3,80 Euro verdienten sie je Kilogramm. Doch es war wohl ein Ausreißer. Ein Jahr später liegt der Kilopreis bei unter zwei Euro. Fachleute gehen davon aus, dass er noch weiter sinkt. „Zwei Euro je Kilo reichen nicht zum Überleben", sagt Sander.

Schaut man sich den Krabbenpreis genau an, gibt es tatsächlich Ungereimtheiten. Peter Breckling, Generalsekretär des Deutschen Fischerei-Verbands, quält sich regelmäßig durch endlose Fischpreis_tabellen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Im Jahr 2008 seien die Fänge durchschnittlich gewesen, erzählt Breckling. Aber die Händler hätten gute Preise gezahlt, weil erstmals ein neuer Wettbewerber, Royal Greenland, Ware nachgefragt habe. 2009 waren Nachfrage und Fangmengen vergleichbar. Nur die Preise rauschten in den Keller. „Das ist doch wirklich hochinteressant", sagt Breckling.

Auch die Fischer sind alarmiert. Die Kilopreise sind seit Monaten das Thema, egal ob in den Häfen oder im Internet. „100 Gramm Krabbenfleisch kosten bei uns in Marne 3,49 Euro", schreibt ein Krabbenfischer im Internet, „und was bekommen wir fürs Kilo? 1,70 bis 2,25 Euro. Da versteh einer den Handel."

Der Handel. Er ist Dreh- und Angelpunkt in dem Geschäft. An ihn verkaufen Nils Sander und seine Kollegen ihren Fang. Doch sie haben keine große Wahl. Zwei Unternehmen aus den Niederlanden machen die Preise. Sie heißen Heiploeg und - sinnigerweise - Klaas Puul. Zusammen kommen sie auf einen Marktanteil von rund 80 Prozent.

Allein Heiploeg, an den auch Nils Sander verkauft, ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Krabben- und Fischkonzern aufgestiegen. Das Unternehmen aus Zoutkamp am Lauwersmeer hat mehrere Niederlassungen, die knapp 500 Mitarbeiter erwirtschaften allein mit Nordseekrabben einen Umsatz von 100 Millionen Euro im Jahr. Wer die verlassenen Straßen Ostfrieslands entlangradelt, wird regelmäßig von Heiploeg-Lastern überholt.

Ende 2009 zahlte Heiploeg den Krabbenfischern etwa 2,20 Euro je Kilogramm - nicht gerade viel, wenn man an Dirk Sander denkt, der sagt, dass es mindestens drei Euro sein müssten, um die Kosten zu decken. „Der Preis wird bestimmt durch die Menge", sagt Willem Smit, Direktor des Krabbengeschäfts bei Heiploeg. „Es sind einfach zu viele Krabbenfischer aktiv." Im Markt herrsche zudem ein enormer Preiswettbewerb, gerade bei Supermarktketten. „Mit denen ist schwer zu handeln - und natürlich müssen auch wir auf unsere Kosten kommen."

Aber stimmt das? Nils Sander findet es zumindest auffällig, dass sich die wöchentlichen Faxe, in denen Heiploeg und Puul den Fischern die Preise mitteilen, in der Regel nur noch im Briefkopf unterscheiden. Text und Preise seien in der Regel identisch. Selbst der Europäischen Union ist der Preisverfall nicht mehr geheuer.

Sie vermutet illegale Preisabsprachen und wettbewerbsschädigendes Verhalten. Ihr
Verdacht: Die Großhändler nutzen ihre Marktmacht aus und manipulieren die Einkaufspreise nach unten, um ihre Gewinnmargen zu verbessern. Ein Teil der Krabben wird auch auf Auktionen im niederländischen Lauwersoog versteigert. Sprechen sich die Händler über Mengen ab und drücken beim Wettbieten möglichst früh den Knopf, bevor der Preis in die Höhe schießt? Gibt es gar ein Krabbenkartell? Die Wettbewerbsbehörde der Europäischen Kommission machte im Frühjahr 2009 sogar Razzien bei verschiedenen Krabbenhändlern, unter anderem auch bei Heiploeg. Das Verfahren läuft noch, keiner der Beteiligten will sich äußern.

Wie es zu dem Krabbenoligopol, genauer: Krabbenduopol, kommen konnte,
erfährt man im ostfriesischen Greetsiel. Gleich an der Ortseinfahrt hat Dirk de Beer seinen Krabbenhandel, er ist neben Krabben-Kock aus Büsum einer der wenigen großen deutschen Händler. Sein Marktanteil liegt bei etwa zehn Prozent. Auf dem riesigen Gewerbehof lässt de Beer den Fang verarbeiten und zum Pulen nach Marokko bringen. Die großen Mengen nehmen Salathersteller und Hotels ab, ein kleiner Teil bleibt den Touristen.

Der Ostfriese kennt den Krabbenmarkt bis in seine tiefsten Abgründe. Er spricht Tacheles. „Die deutschen Krabbenfischer waren bequem", sagt er. „Die Holländer sagten irgendwann: Wir kaufen euch die Ware ab - auch zu schlechten Zeiten -, pulen sie für euch und verkaufen sie weiter." Und die Fischer schlugen ein. Sparten sich den Aufbau von Schälzentren, die teure Logistik, das Marketing. Der Preis: Die Krabbenfischer in Deutschland fristen inzwischen ein Nischendasein. Die Umsätze sind im Vergleich zu anderen Branchen nicht berauschend, die Zahl der Arbeitsplätze überschaubar. Nur die Küstenorte wollen nicht auf sie verzichten. „Die Kutterhäfen sind die Seele, der Marktplatz der Orte", sagt Jürgen Peters, Bürgermeister von Neuharlingersiel.
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