Schule zur See

Auch im 21. Jahrhundert lässt die deutsche Marine ihre Flotte nur von Offizieren lenken, die vorher das Segeln gelernt haben. John Schamong, Kommandant der „Gorch Fock", erklärt, was die Ausbildung auf dem Schulschiff so wertvoll macht.
Aug 2001, No. 27

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Heftinhalt mare No. 27

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GORCH FOCK
Mörderische Belastung

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Sommerlicher Skandal
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mare: Die Marine hat gerade 23 Millionen Mark für die Überholung der „Gorch Fock" ausgegeben. Klingt nach mehr als einem neuen Anstrich.

Schamong: Wenn ein Schiff über 40 Jahre alt ist, muss ich mich entscheiden: Weiterfahren oder außer Dienst stellen? Die Marineführung hat sich überlegt, dass sie das Schulschiff noch einmal 20, 30 Jahre für die Ausbildung nutzen will. Und diese Entscheidung hatte zur Folge, dass die „Gorch Fock" grundlegend umgebaut werden musste. Sie hat zwar von außen ihr Gesicht behalten, aber innen ist eigentlich nichts beim Alten geblieben. Ein kompletter Neubau, der auch diskutiert worden ist, wäre allerdings erheblich teurer geworden.

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mare: Was ist konkret gemacht worden?

Schamong: Die elektrischen Systeme sind komplett erneuert worden, wir haben neue Navigationsanlagen bekommen. Viele Dinge, wie der Einbau einer Querschubanlage, rechnen sich natürlich, weil wir dann künftig Schlepperkosten sparen. Oder: Früher mussten wir unser ölhaltiges Bilgenwasser in den ausländischen Häfen sehr teuer entsorgen. Das können wir jetzt selber so aufbereiten, dass wir praktisch reines Wasser nach außenbords geben.

Interview: Olaf Kanter

Olaf Kanter, Jahrgang 1962, ist Textchef im Politikressort von „Spiegel Online". weitere Infos

mare: Es steht also die Investition ins Arbeitsgerät im Vordergrund - und nicht etwa der Denkmalschutz?

Schamong: Sicherlich nicht. Klar, wir sind natürlich bemüht, die „Gorch Fock" in ihrem Äußeren so zu erhalten, wie sie war, weil sie ein schönes Schiff ist und als Botschafterin Deutschlands überall auf der Welt gerne gesehen ist. Auf der anderen Seite müssen wir Schiffstechnik wie Klimaanlage oder Meerwasserentsalzung der modernen Zeit anpassen. Außerdem haben wir auch eine Gefahrenstelle in der Takelage entschärft. Bisher waren die Kadetten nicht gesichert, wenn sie von den Wanten in die Rahen übergestiegen sind. Jetzt können sie sich beim „Auslegen", also auf dem Weg an ihre Arbeitsposition, in eine Sicherheitsleine einpicken.

mare: Seit 1991 klettern auf der „Gorch Fock" auch Frauen in die Rahen. Wie haben sie das Leben an Bord verändert?

Schamong: Ich habe in den fünf Jahren, die ich auf dem Schiff mit Frauen fahre, nur gute Erfahrungen gehabt. Deshalb sage ich: Das Klima an Bord ändert sich immer zum Positiven, wenn Frauen dabei sind. Der Umgangston ist einfach angenehmer an Bord ...

mare: An der Seemannsweisheit, dass Frauen auf einem Schiff Unglück bringen, ist also garantiert nichts dran?

Schamong: Die Marine hat immer gesagt: Frauen und Schnittblumen an Bord bringen Unglück. Jetzt achtet die Frauenbeauftragte darauf, dass es nur noch heißt: Blumen haben an Bord nichts verloren. Denn der Anteil der Frauen an Bord wächst. Anfangs hatten wir ein Dutzend Ärztinnen und Sanitäterinnen dabei. Jetzt werden unter den 240 Offiziersanwärtern, die für die nächste Fahrt an Bord kommen, zum ersten Mal auch 50 Frauen sein.          

Fotografin Kathrin Wahrendorff

Kathrin Wahrendorff, geboren 1945, ist freie Fotografin und lebt in Pinneberg bei Hamburg. weitere Infos

mare: Machogehabe ist bei der Marine also abgehakt ...

Schamong: Ich vermute mal, die Männer haben diesen Spruch irgendwann geprägt, um zu sagen: Keep out! Das Schiff ist unsere Domäne, da dürft ihr nicht ran. Andererseits war das ja auch 'ne Arbeit früher! Wenn Sie die Bücher über die Großsegler lesen, die ums Kap Horn gefahren sind: Da fällt mal einer über Bord, da wird mal einer vergessen, und dann haben sie alle möglichen Krankheiten - unglaubliche Zustände da an Bord! Dazu schwerste körperliche Arbeit. In der See gestanden bis hier und mit bloßen Händen schwerste Gewichte bewegt, das war nichts für 'ne Frau.

Heute ist das anders. Die Ausbildung auf der „Gorch Fock" ist schwer, schwere körperliche Arbeit, aber das können Frauen machen, weil es sicher ist. Und was sie durch schiere Muskelkraft nicht bewältigen, das gleichen sie durch Geschick wieder aus. Das kriegen die schon hin.

mare: Was lernen Kadetten auf einem Schulschiff?

Schamong: Zu allererst das seemännische Handwerk - Spleißen, Takeln, Knoten. Dann: Verständnis für die See. Wie muss ich mich verhalten, wenn 'ne Front aufzieht? Auf der „Gorch Fock" stehe ich im Freien. Ich bin den Elementen ausgesetzt und muss mich mit ihnen auseinander setzen, weil mein Antrieb ein Segel ist und nicht eine Maschine, mit der ich auch gegen den Wind fahren kann. Das dritte Lehrziel nennen wir Lebensschulung ...

mare: ... ehemalige Kadetten nennen die „Gorch Fock" weniger liebevoll den „Schleifstein der Nation" ...

Schamong: Das ist ein Begriff, den sie sich vielleicht zurechtgelegt haben, weil sie stolz darauf sind, dass sie es geschafft haben. Die Ausbildung ist hart. Das ist völlig unwidersprochen. Aber unter Schleifen verstehe ich etwas, das in Richtung des Unmenschlichen geht. So etwas findet bei uns nicht statt.

mare: Was finden die Kadetten denn so hart an ihrer Ausbildung?

Schamong: Die körperliche Belastung. Wir sind systematisch darum bemüht, den Kadetten den Schlaf zu rauben. Mit wenig Schlaf kommen sie schnell an ihre Grenzen. Sie müssen viel Wache gehen, und in der wachfreien Zeit haben sie theoretischen und praktischen Unterricht. Nebenher müssen sie das Schiff sauber halten. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt da nicht.

mare: Ist der Dienst auf der „Gorch Fock" härter als auf anderen Schiffen?

Schamong: Die Kadetten werden sicherlich erheblich stärker belastet, als sie später je auf einem Schiff der Marine belastet werden. Ganz klar. Aber ich muss einen Menschen einmal in See an seine Grenzen führen, um zu sehen, ob er was abkann. Dazu muss ich ihm bei allen Wetterbedingungen Arbeit in der Takelage zumuten. Vor allem bei schwerem Wetter - deshalb suchen wir das ja immer mit dem Schiff. Diese Arbeit ist körperlich sehr anstrengend. Wenn die Kadetten die Segel geborgen haben, dann müssen Sie mal durch die Reihen gehen und die sich anschauen. Die sind richtig ausgelaugt und fertig!

Die dritte Belastung, die ich ihnen auferlege, ist der Verzicht auf Privatsphäre. Die Kadetten liegen auf engstem Raume in zwei Lagen übereinander in der Hängematte. Außer ihrem Spind, einem Kubikmeter Raum, haben sie null Privatsphäre. Sie sind nie alleine. Wie kommen sie in dieser Situation mit sich selbst und anderen klar? Das wollen wir testen.

mare: Wenn das Fernsehen die Marine bei der Arbeit besucht, sind da meistens junge Menschen an Computern zu sehen. Müssen die heutzutage noch Härte und Stärke zeigen können?

Schamong: Wir bilden ja nicht Bediener von irgendwelchen Konsolen aus, sondern die künftigen Führungspersönlichkeiten der Marine. Und die stehen in wenigen Jahren in einer Position, wo sie Verantwortung für Menschen und viel Material tragen müssen, wo es dann in schwierigen Situationen, das kann man durchaus so sagen, um Leben und Tod geht. Und das müssen belastbare Menschen sein, die gegen sich selber hart sein können, um in einer solchen Situation zu bestehen.

mare: Jetzt sagen die Engländer aber: Das lernt er doch auch auf einem normalen Schiff. „Sail training", hat ein erster Sealord gesagt, „is ...

Schamong: „... sheer waste of time and money." Ja. Gerade die Engländer ärgern sich jedes Mal, wenn sie bei uns an Bord sind, dass dieser First Sealord sich hat durchsetzen können. Die hätten unheimlich gern ein Segelschulschiff. Teamgeist, den Kampf im guten Sinne mit den Elementen, das Nutzen des Windes und der See - all das lernt man auf einem grauen Schiff nicht. Dieses Grundverständnis muss ich auf einem Segelschiff erfahren. Und was ich nur auf einem solchen Schiff lernen kann, das ist für den Arbeitgeber Marine natürlich ganz wichtig, ist die Liebe zum Beruf, die Liebe zur See.
Wenn Sie sich überlegen: Die Offiziersausbildung dauert fünf Jahre. Acht Wochen davon sind Segelschulschiff. In dieser Zeit wollen wir die Kadetten - weil sie hinterher in Lehrgänge und ins Studium verschwinden - richtig an den Haken kriegen. Durch das Segeln selber, durch die Reisen, durch die Erlebnisse. Ich mache das denen ja richtig schön hier. Und das kann ich auf einem grauen Schiff lange nicht so gut wie auf der „Gorch Fock".

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