Die Fliegenfischer vom Quaal River

Fliegenfischen, sagen Spötter, sei die teuerste, schwierigste und sicherste Methode, keinen Fisch zu fangen. Sie waren noch nie in British Columbia.

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Sonderheft
Kulinarik II

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Tim Mälzer
Rainer Sass
Sarah Wiener
Ralf Zacherl
Johann Lafer
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Es ist so still, dass selbst die Grizzlybären auf Zehenspitzen gehen. Im Sand sind frische Spuren. Sie kommen an den Fluss, um Lachse aus dem Wasser zu hauen. James Winfield hat einmal eine Mutter gesehen, die ihr Junges lehrte, wie das geht. Richtig geredet habe sie mit dem Kleinen, sagt er, ständig gegrummelt. Und dann ein bisschen nachgeholfen, indem sie einem Lachs den ersten Schlag verpasste. Das belämmerte ihn so, dass der kleine Bär ihn fischen konnte.

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James möchte nicht, dass ihm jemand das Fischefangen erleichtert. Er ist ein Fliegenfischer, ein Mitglied jener Anglergilde, die darauf aus ist, schwer zu fangende Fische mit der schwierigsten Methode zu fangen. Der 25-jährige Kanadier, der an der Lakehead University in Ontario Ma­schi­neningenieur studiert, hat den Sport von seinem Vater gelernt. Seit dem Tag, als er seinen ersten Fisch, eine Bachforelle, an der Angel hatte, ist James der Leidenschaft verfallen. Sie war 58 Zentimeter lang, fast so groß wie er selbst.
Unzählige Seen und Flüsse machen British Columbia zum Pradies für Angler. Die kanadische Provinz am Pazifik, so groß wie Frankreich, Deutschland und Niederlande zusammen, zählt gerade vier Millionen Einwohner.
Angellehrer James Winfield (rechts) und Dan Huisman beim Fliegenfischen an einem Zulauf des Quaal River.
Barry Cash aus Dallas, Texas, einer der Gäste, fischt mit Fliege auf Buckellachs.
Die King Pacific Lodge in Barnard Harbour an der Westküste von Princess Royal Island wird von Holzpontons auf dem Wasser getragen. Am Ende der Saison wird sie nach Prince Rupert geschleppt.
James wirft den Köder aus, in jenem schwerelosen Schwung, der so leicht scheint. Er hat es auf Silberlachs abgesehen, einen bis zu 14 Kilogramm schweren Kämpfer, der weder rasch anbeißt noch aufgibt. An der Flussbiegung, wo sich das Wasser in einem Becken staut, halten sich ein paar davon auf. James kann sie sehen dank seiner Polaroidbrille, dem wichtigsten Teil der Ausrüstung, wie er meint.

Autor Peter Haffner

Peter Haffner, 1953 geboren, berichtet für das „Magazin“ des Schweizer „Tages-Anzeigers“ und andere Publikationen aus den USA. Für mare nahm er erstmals eine Angel in die Hand. Er fing sieben Buckellachse. weitere Infos

Nur das Sirren der Schnur durch die Luft ist zu hören, das Murmeln des Wassers, das Geflüster der Bäume. Und manchmal der Laut, wenn ein Fisch springt, sich in der Luft dreht, den hellen Silberbauch zeigt, aufs Wasser klatscht und wieder verschwindet. Sooft James auch den Köder platziert, so verführerisch er ihn durchs Wasser zieht, es lässt die Lachse kalt. „Es ist zum Verrücktwerden“, sagt James. Man merkt ihm an, dass er bei allem Können noch nicht jenes Stadium erreicht hat, wo Fliege, Fisch und Fischer eins werden und alle Begierde erlischt.

Die Fahrt mit dem Floß hierher hatte et­was Verträumtes. Manchmal stand das Wasser, ermüdet vom Sommer, so still, dass das Spiegelbild der Bäume kaum verwischt war. Löste sich ein Weißkopfadler von seinem Ast und suchte mit seinen Schwingen das Weite, schien ihn ein Rochen in der Tiefe nachzuahmen. Mancher­orts gab es Hindernisse, über die die Lachse wie Hürdenläufer hüpften, dann wieder war das Wasser so seicht, dass sie über den Grund kriechen mussten. Es sind Hunderte, Tausende. Alle streben sie fluss­auf­wärts, zu der Stelle, wo sie geboren wurden. Nun werden sie dort laichen und sterben.

Meist sind es Buckellachse, die kleinste Lachsart. 18 Monate verbrin­gen sie im Pazifik, ehe sie in ihren Fluss zurückschwimmen. Buckellachse schnappen schnell nach einem Köder und sind nicht so kräftig. Sie zu fangen ist so heroisch, wie eine Fliege zu erwischen, die sich in den Winter hin-
überzuschleppen vermochte. Gut für Anfänger, aber nichts für James.

Er klaubt einen rosa Köder aus der Fliegendose, in der es aussieht, als hätten sich Insekten für den Karneval in Fummel gestürzt. Mit einem Clinchknoten knüpft er ihn an die Angelschnur, die er zuvor abgeleckt hat. Das erhöht die Tragkraft und hilft Schnurschäden vermeiden. Die leichte Angelschnur, im Jargon das Vorfach, ist an einer schweren Schnur befestigt, der sogenannten Flugschnur. Sie dient als Wurfgewicht, da der Köder selbst zu leicht zum Werfen ist.

Im Fliegenfischen ist Wurftechnik alles. Die Rute am rechten Arm angewinkelt auf elf Uhr halten, rückwärts auf ein Uhr bewegen – die erste Wegeshälfte langsam, die zweite beschleunigt – dann in umgekehrter Richtung dasselbe umgekehrt, vorwärts und rückwärts, sodass die Flugschnur, von der man immer mehr freigibt, die Fliege in der Horizontalen durch die Luft pendelt, so lange, bis sie jenseits der Flussmitte ist, worauf sie mit einem Stopp auf dem Wasser platziert wird, genau über den Fischen, die sich im Schatten der Bäume vor Räubern geschützt glauben. Der Köder wird durchs Wasser gezogen, bis man den Ruck spürt, der durch die Rute geht und das Herz hüpfen lässt.

Fotograf Tobias Schmitt

Auch Fotograf Tobias Schmitt aus Nürnberg, Jahrgang 1975, debütierte in Kanada. Er fragt sich allerdings, ob er auch ohne James Winfield einen Lachs aus dem Wasser gezogen hätte. Der Angelassistent warf den Köder aus, zog ihn verführerisch durchs Wasser, wartete, bis ein Lachs anbiss, und hielt Schmitt die Rute mit aufmunterndem Lächeln hin. weitere Infos

Dann beginnt der Drill, das Duell mit dem Fisch. Schwimmt er von einem weg, gibt man mehr Schnur, schwimmt er auf einen zu, rollt man sie auf. Die Spannung muss konstant bleiben, damit sich der Fisch nicht vom Haken lösen und entwischen kann. Das geht so lange hin und her, bis er müde ist. Kann der Haken – ein Schonhaken ohne Widerhaken – nicht im Wasser aus dem Maul gelöst werden, muss man den Fisch landen, von oben hinter den Kiemen halten und auf den Rücken drehen. Sofort wird er ruhig und lässt die Prozedur über sich ergehen. Dann bringt man ihn zurück in die Strömung, wo er weiterzieht, als wäre nichts geschehen.

Alles vollzieht sich in seliger Zweisamkeit, der Fischer so stumm wie der Fisch. Niemand ist hier außer den Lachsen, bis ein Kanu erscheint, in dem ein bärtiger Mann und ein weißer Hund sitzen, der seine Schnauze auf die Kante gelegt hat mit einem Ausdruck von Selbstvergessenheit im Gesicht, um die ihn sogar ein Fliegenfischer beneiden muss. „Das ist Jesse“, stellt der Mann den Hund vor. Er selber heißt Stan Hutchings und nutzt die Gelegenheit für einen Schwatz in dieser menschenleeren Gegend. Stan ist im Auftrag der Fischereibehörde unterwegs, für die er die Lachse in den Flüssen zählt. Um seinen Hals hängen drei mechanische Zähler, einer für Buckellachs, einer für Silberlachs und einer für Hundslachs. Alle sind jetzt am Steigen, Mitte Juli hat die Saison begonnen, die bis in den September dauert. 43 Flüsse gehören zu Stans Revier. 200 000 Buckellachse hat er bereits gezählt. „Ein gutes Jahr“, sagt er, das letzte sei schlecht gewesen.

Seit 1974 zählt Stan jeden Sommer Fische. Er lebt auf einem Hausboot, manchmal kommt seine Frau mit im Kanu, das kaum Platz für ihn und Jesse hat. Stan erzählt, wie der Hund einmal rausgesprungen und auf einen Grizzly zugelaufen sei, der aus den Büschen kam. Er habe schon gedacht, jetzt habe er ihn verloren. Und dann seien sich die beiden gegenüber­gestanden, und der Bär habe sich hinuntergebeugt, und sie hätten sich gegenseitig beschnuppert und seien als Freunde auseinandergegangen. „War wie in einem Disney-Film“, sagt Stan.

Unseren blauen Helikopter hat Dan Huisman, der 25-jährige Pilot, auf einer Kiesbank am Ufer geparkt. Auch er, der auf einer Milchfarm in Smithers aufgewachsen ist, ist vom Fliegenfischfieber befallen. Im Winter arbeitet Dan auf Baustellen oder hilft Vater auf der Farm, im Sommer fliegt er Gäste der King Pacific Lodge auf Princess Royal Island, wo auch James arbeitet, an die Fischplätze im Great Bear Rainforest. Mehr als 350 000 Seen und 100 Flusssysteme machen British Columbia zu einem der beliebtesten Ang­ler­gebiete der Welt. Die kanadische Provinz an der Westküste, so groß wie Frankreich, Deutschland und die Niederlande zusammen, zählt etwas über vier Millionen Einwohner. Ein Ort, wo Fliegenfischer sich fühlen wie Kinder in einem unbewachten Bonbonladen.
Textauszug

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