mare No. 77

Aktuelles Heft

Aug 2016, No. 117

lifeguards
Leben und Retten in L. A.

Bitte lächeln, Fisch
Wie Kameras das Tauchen lernten

Giftiges Paradies
Italiens weißester Strand ist nichts als Chemie

Weltkarte

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor fünf Jahren saß ich im Zug hinauf in die heimatlichen Alpen. Für Tage ohne Computer, Fernseher, Zeitung und Radio. Nur sehr viel Schnee erwartete ich. Das Mobiltelefon klingelte. Barbara Stauss, die Bildchefin von mare, klang aufgeregt. Unsere Moken-Geschichte, eine Reportage über die unter Wasser scharf sehenden Kinder der thailändischen Seenomaden, sei ja so nicht mehr machbar, nun, nachdem dort Tausende Menschen in den Fluten gestorben seien. Ich verstand zuerst nichts. So viele Tote? Ein Tsunami solchen Ausmaßes war mir unvorstellbar. Erst nach dieser Urlaubswoche in vollkommener Abgeschiedenheit wurde mir die Tragweite des Unglücks bewusst. Die immense Spendenwelle aber konnte ich ohne Bilder der Betroffenheit, ohne medial erzeugtes Gruppengefühl kaum nachvollziehen. Ich schwankte zwischen der hinlänglich bekannten Kritik, dass die Menschen allein wegen der Wucht der Medien bis dahin ungekannte Summen spendeten, statt sich dauerhaft der Notlage Unzähliger zuzuwenden, und der Scham, nicht wie meine Umgebung emotionalisiert zu sein.
Der Autor der Reportage, unser damaliger Redakteur Maik Brandenburg, der 2004 die Moken besucht hatte und erst wenige Wochen vor der Katastrophe das Gebiet verlassen hatte, erfuhr auf Nachfrage, dass sie alle überlebt, aber auch alles verloren hatten. Jetzt, fünf Jahre danach, fuhr er zusammen mit der Fotografin Agnès Dherbeys wieder auf die Insel. Er fand Effekte vor von staatlichen Eingriffen und Spendenverwendung, die nachdenklich machen. Aber nicht die Spenden werden hier kritisiert, sondern wir erfahren, wie schwierig es sein kann, mit Geld und plötzlichen Errungenschaften der Zivilisation umzugehen. Ein Lehrstück. Beim nächsten Spendenmarathon bin ich trotzdem dabei.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Nikolaus Gelpke

 

Ein Blick ins Heft

Artikel in Auszügen

Wissenschaft

Humboldts Blattgold

Text: Jan Keith   Fotos: Henrik Spohler
Während seiner legendären Amerikareise ließ Alexander von Humboldt Tausende getrockneter Pflanzen per Segelschiff nach Europa bringen. Heute lagert der botanische Schatz streng gesichert in einem Berliner Keller.

Eine eigentümliche Vorliebe für die See

Text: Werner Biermann   
Er war ein Naturforscher von Weltrang. Alexander von Humboldt befuhr reißende Flüsse, bestieg die höchsten Vulkane und kletterte hinab in endlos tiefe Höhlen. Aber er liebte auch das Meer. Zusammen mit seinem Gefährten Aimé Bonpland segelte er 16_000 Seemeilen über zwei Ozeane und sammelte dabei unermüdlich Daten. Heute, 150 Jahre nach seinem Tod, gilt er als der große Vordenker der Meereswissenschaften.

Im Namen der Wissenschaft

Text: Marike Frick   
Schwimmbagger, Forschungsschiffe, Großsegler - weltweit fahren zahlreiche Schiffe unter dem Namen „Alexander von Humboldt" über die Meere. Was sie miteinander vereint, ist nicht nur der große Taufpate, sondern oft auch eine bewegte und kuriose Vergangenheit.

Kultur

Auf Dachböden und in Kellern überdauern Koffer und erzählen Geschichten von vergangenen Reisen, gescheiterten Hoffnungen und Aufbrüchen in neue Welten. Matrosen schulterten Seesäcke, Marlene Dietrich fuhr mit sieben Überseekoffern und unzähligen Taschen nach New York, Auswanderer kamen mit wenigen Habseligkeiten in der neuen Welt an. Fanden einst ganze Leben darin Platz, sind Koffer heute in der Hauptsache praktische Behältnisse, die schnell zu packen und einfach zu handhaben sind.

Nicolas de Staël

Text: Michael Böhm   
Zwischen Himmel und Meer.

Leben

This is not a cruiseship

Text: Zora del Buono   
oder 48 Stunden aus dem Leben einer Besitzlosen unter Besitzenden. Ein Besuch auf der teuersten Yacht der Welt.
Widersprüchliche Ergebnisse der Meeresforschung irritieren Öffentlichkeit und Politik. Aber erst Disput sorgt für Erkenntnisgewinn. Fünf Wissenschaftler plädieren für förderlichen Streit.

Hart am Wind

Text: Martina Wimmer   Fotos: Jérôme Bonnet
Constance Imbert ist ein Solitär in einer Welt, in der die Rollen noch klar verteilt sind. Als Skipperin bringt sie Männern das Hochseesegeln bei.
Markante Gesichter und starke Worte. Belgische Fischer erzählen aus ihrem Leben in Sturm und Gischt. Als die Boote noch Hölzern und die Männer eisern waren.

Politik

Die Welle danach

Text: Maik Brandenburg   Fotos: Agnès Dherbeys
Die erste Welle traf die Moken, die thailändischen Seenomaden, am 26. Dezember 2004. Nach dem Tsunami war es dann die Welle der Hilfsbereitschaft, die über das kleine Volk hereinbrach. Die eine erwies sich als nicht weniger verheerend als die andere.

Wirtschaft

Gas geben

Text: Marlies Uken   
Erdgas gilt als Energie der Zukunft. Es ist klimafreundlich, kostengünstig und reichlich vorhanden. Und verflüssigt lässt es sich per Schiff übers Meer transportieren. Doch dagegen gibt es Widerstand.

Tigerhai frisst Wal

Text: Ulf Schubert   Fotos: Jesco Denzel
Neukaledonien ist die Heimat der Kanak. Ihre Erde birgt die größten Nickelvorräte der Welt. Tagebauprojekte multinationaler Konzerne bedrohen die traditionellen Gemeinschaften und einzigartigen Küstenlandschaften der Südseeinsel. Erbittert kämpfen die Fischer für ihre Welt.

Kombüse

Piekfein à la Niçoise

Text: Roland Brockmann   Fotos: Annette Hauschild
Das „Grand Café de Turin" gilt als eines der ältesten Restaurants für Meeresfrüchte an der Côte d'Azur. Fisch gibt es hier nicht, dafür aber Seeigel. Eine Delikatesse, vor allem für Figurbewusste.

Blaues Telefon

Warum ist Grönland mit einem dicken Eispanzer bedeckt, wohingegen Länder der entsprechenden Breite auf dem Globus wie Kanada oder Nordeuropa eisfrei sind?