Operation Garküche

In Vietnam ist selbst die kleinste gastronomische Einheit ein hochkomplexes Unternehmen.

Heftinhalt

Sonderheft
Kulinarik II

Fünf Sterne kochen

Tim Mälzer
Rainer Sass
Sarah Wiener
Ralf Zacherl
Johann Lafer
Hier bewerten
(5 Bewertungen)
An der blassgrünen Wand in der Küche des Krabbenhändlers Do Van Nhien sieht Tran Thi Anh Tam das Geschäft des Abends dahinschwinden. Die Uhr über der Eingangstür zeigt elf. Schon zwei Stunden zu spät. Und sie sitzt immer noch auf dem kalten Fliesenboden und wartet. Trinkt lächelnd den dargebotenen Tee, plaudert mit Nhien, bewahrt höflich Haltung. Gute Geschäftsbeziehungen sind wichtig, die Konkurrenz ist groß. Wenn gegen 17 Uhr der Schein der sinkenden Tropensonne endlich auch den Vorplatz ihres Hauses verlässt, dann muss sie die hungrigen Gäste auf ihre Straßenseite ziehen. Die aufgetürmten Berge leuchtend roter Krabben an Tams Stand sehen selbst die rasenden Mopedfahrer schon von Weitem, hoffentlich bevor ihnen der feurige Grillgeruch des nächsten Restaurants in die Nase zieht. Tam lebt und kocht mit ihrer Familie an einer Straßenkreuzung in einer belebten Wohngegend der südvietnamesischen Küstenstadt Phan Tiet, fast alle ihre Nachbarn verdienen ihr Geld auf die gleiche Weise. Doch keiner stapelt die Krabben so kunstvoll wie Tam. Was aber, wenn sie gar nichts zum Stapeln hat?

Anzeige




Dabei hat der Tag begonnen wie jeder andere in Tams Leben, welches sie einer strengen Ordnung unterworfen hat, seit die Regierung der Sozialistischen Volksrepublik Vietnam dem Volk das private Wirtschaften wieder erlaubt. Seit Tam nicht mehr auf Drachenfruchtplantagen oder in Ziegelbrennereien für einen bescheidenen Lohn schuftet, sondern die Umsätze des eigenen Lokals zu steigern sucht. Restaurant heißt „Quan" auf Vietnamesisch, Tam hat ihres „Anh Tai Quan" genannt, nach ihrem erstgeborenen Sohn.
Morgens um 7.30 Uhr waren wir verabredet, um sie zum Markt zu begleiten, auf der Suche nach den Geheimnissen der vietnamesischen Küche, auf den Spuren der Aromen und ihrer wohlkomponierten Vielfalt, die so betörend sind wie kaum sonstwo auf dieser Welt. Es war nicht einfach, ihr zu folgen, sie lässt sich täglich fahren von Quoc, dem Freund ihrer 15-jährigen Tochter Tien, und es gibt keine schnellere Art der Fortbewegung auf vietnamesischen Stadtstraßen als ein Moped, gesteuert von einem männlichen Teenager. Es gibt außerdem keine effektivere Art einzukaufen als die einer zielorientierten vietnamesischen Frau.

Autorin Martina Wimmer

Martina Wimmer, geboren 1965 in Oberbayern, wohnhaft in Berlin. War Redakteurin bei ME/Sounds, freie Journalistin in New York und ist seit 1995 Mitglied des Journalistenbüros Schön & Gut. weitere Infos

Der Markt von Phan Tiet ist ein Angriff auf alle Sinne. Es ist heiß, laut, stickig, im fahlen Neonlicht drängen sich die Stände, die Durchgänge lassen kaum für eine schmale Asiatin Platz. Es riecht nach getrocknetem Fisch und geschlachtetem Tier, nach Blut, Schweiß, frischem Grün, dampfender Suppe und Räucherkerzen. Man kann dort alles kaufen von der Hühnerklaue bis zum Non La, dem konischen Strohhut, der hier auf fast jedem geschäftig wackelnden Marktfrauenkopf tanzt.

Tam bewegt sich durch das labyrinthische Überangebot aus Lebensmitteln und Gesprächsfetzen so geschwind und erhaben, als könnte sie schweben; wenn sie Muscheln sortiert, sieht es aus, als vollführte sie Taschenspielertricks. Der vermeintliche Zauber ist jahrelange Übung, den allmorgendlichen Weg durch den Markt fände sie auch blind. Sekundiert von Quoc, der perfekt eingespielt ihren schnellen Haken folgt, seine Hände immer schon da hat, wo sie ihre gefüllten Tüten hinreicht.

Tam ist, soweit ihr Leben es zulässt, eine schöne Frau. Wie die meisten Vietnamesinnen fernab der Großstädte trägt sie einen pyjamaartigen Zweiteiler aus geblümtem Kunststoff, doch ihrer ist am
Ausschnitt mit zarter Spitze eingefasst, die dichten schwarzen Haare hat sie mit einer glitzernden Spange im Nacken gebändigt, ihre Fußnägel sind dunkelviolett lackiert. Und weil sie ihren routinierten Einkauf mit einem gewinnenden Strahlen begleitet, wann immer ihr Blick den einer Händlerin trifft, fliegen ihr die gewünschten Waren gleichsam zu.

Fotograf Daniel Nauck

Martina Wimmer, mare-Redakteurin, und Fotograf Daniel Nauck befolgten auf ihrer Recherche gerne die vietnamesischen Gebote der Höflichkeit. Sie lehnten keine der ihnen angebotenen Speisen ab. Der kulinarische Extremfall ihrer Reise schmeckte nach feinster Leberpastete. weitere Infos

In weniger als einer Stunde hat sie den fehlenden Restaurantbedarf gekauft: Kammmuscheln für den Grill, eine ganze Einkaufstasche voller Kräuter, deren Namen wir erst lernen müssen: Rau Khin Goi, die vietnamesische Melisse, La Lot, die wilden Betelblätter, Ngo Kai, der lange Koriander, Rau Ngo, die Reisfeldpflanze, Rau Ram, der wohlriechende Knöterich, La Tiam To, die Schwarznessel, Rau Thom, Minze, Ngo, Koriander, Rau Que, Basilikum. Außerdem grüne Papaya, Möhren, Gurken, Gewürze, Zitronengras, Zwiebeln, Öl, Schweineschwarte, Hühnerfüße, Kokosraspel, Limetten für Suppen, Salate, Beilagen, süße Longanfrüchte für die Belegschaft und eine Stange Zigaretten für ihren arbeitslosen Mann.

In der einen Hand trägt Tam einen großen roten Geldbeutel, in der anderen vorsorglich ihr Handy. Jeden Morgen gegen neun ruft Nhien, der Krabbenhändler, sie an, dann heißt es, als Erste vor Ort sein, um die beste Ware zu bekommen. Wer es sich leisten kann, lässt die Tiere vorsortiert anliefern, in Tams Budget gibt es dafür keine Kapazitäten. Nur klingelt heute das Telefon nicht. Sie wird zu Nhien fahren müssen, um nach dem Rechten zu sehen und ihre Rechte zu sichern. Doch wer fängt dann zu kochen an? Zu Hause haben sich Tochter Tien und Nichte Thu wohl aus dem Bett erhoben, die Küchenhilfen aus der Nachbarschaft sind möglicherweise auch schon da. Es ist höchste Zeit, das Feuer auf dem Schutthaufen hinter dem Haus zu entfachen, um die großen Meeresschnecken zu garen, die Reissuppe muss angesetzt werden, die Kräuter gehören gewaschen und geputzt, die Muscheln gebürstet, der Kokossud für die Schneckensuppe sollte auf den Herd.

Ihr Wohnraum ist in jeder verfügbaren Ecke zu Küche und Lager umfunktioniert, seit Tam das Restaurant betreibt, und viel Platz hatten sie und ihre Familie schon vorher nicht. Neben Fernseher und Sitzecke stehen Hausaltar und Getränkekisten, ein zweites Zimmer beherbergt Gasherd, Kühlschrank und das Doppelbett, in dem die Kinder schlafen. Im Durchgang zum winzigen Hof, wo Duschen und Toiletten sind, gibt es noch zwei offene Feuerstellen und einen mit Töpfen spärlich gefüllten Küchenschrank. Gewaschen, verlesen, geschnitten, gehobelt, geputzt, zerstampft, verrührt wird alles auf dem blanken Boden. Den ganzen Tag. Mit einer Sorgfalt und einer Präzision, wie sie hierzulande vielleicht in Sternelokalen zu Hause sind. Wenn alles fertig ist, werden Verwandte, Freunde, Freiwillige und bezahlte Helfer, die man nie ganz auseinanderhalten kann, nacheinander unmerklich in der Dusche verschwinden, frisch gekleidet wieder auftauchen und lächeln, als hätten sie einen Tag am Strand verbracht.
Textauszug

* Pflichtfeld