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Der Markt von Phan Tiet ist ein Angriff auf alle Sinne. Es ist heiß, laut, stickig, im fahlen Neonlicht drängen sich die Stände, die Durchgänge lassen kaum für eine schmale Asiatin Platz. Es riecht nach getrocknetem Fisch und geschlachtetem Tier, nach Blut, Schweiß, frischem Grün, dampfender Suppe und Räucherkerzen. Man kann dort alles kaufen von der Hühnerklaue bis zum Non La, dem konischen Strohhut, der hier auf fast jedem geschäftig wackelnden Marktfrauenkopf tanzt.
Tam bewegt sich durch das labyrinthische Überangebot aus Lebensmitteln und Gesprächsfetzen so geschwind und erhaben, als könnte sie schweben; wenn sie Muscheln sortiert, sieht es aus, als vollführte sie Taschenspielertricks. Der vermeintliche Zauber ist jahrelange Übung, den allmorgendlichen Weg durch den Markt fände sie auch blind. Sekundiert von Quoc, der perfekt eingespielt ihren schnellen Haken folgt, seine Hände immer schon da hat, wo sie ihre gefüllten Tüten hinreicht.
Tam ist, soweit ihr Leben es zulässt, eine schöne Frau. Wie die meisten Vietnamesinnen fernab der Großstädte trägt sie einen pyjamaartigen Zweiteiler aus geblümtem Kunststoff, doch ihrer ist am
Ausschnitt mit zarter Spitze eingefasst, die dichten schwarzen Haare hat sie mit einer glitzernden Spange im Nacken gebändigt, ihre Fußnägel sind dunkelviolett lackiert. Und weil sie ihren routinierten Einkauf mit einem gewinnenden Strahlen begleitet, wann immer ihr Blick den einer Händlerin trifft, fliegen ihr die gewünschten Waren gleichsam zu.
In weniger als einer Stunde hat sie den fehlenden Restaurantbedarf gekauft: Kammmuscheln für den Grill, eine ganze Einkaufstasche voller Kräuter, deren Namen wir erst lernen müssen: Rau Khin Goi, die vietnamesische Melisse, La Lot, die wilden Betelblätter, Ngo Kai, der lange Koriander, Rau Ngo, die Reisfeldpflanze, Rau Ram, der wohlriechende Knöterich, La Tiam To, die Schwarznessel, Rau Thom, Minze, Ngo, Koriander, Rau Que, Basilikum. Außerdem grüne Papaya, Möhren, Gurken, Gewürze, Zitronengras, Zwiebeln, Öl, Schweineschwarte, Hühnerfüße, Kokosraspel, Limetten für Suppen, Salate, Beilagen, süße Longanfrüchte für die Belegschaft und eine Stange Zigaretten für ihren arbeitslosen Mann.
In der einen Hand trägt Tam einen großen roten Geldbeutel, in der anderen vorsorglich ihr Handy. Jeden Morgen gegen neun ruft Nhien, der Krabbenhändler, sie an, dann heißt es, als Erste vor Ort sein, um die beste Ware zu bekommen. Wer es sich leisten kann, lässt die Tiere vorsortiert anliefern, in Tams Budget gibt es dafür keine Kapazitäten. Nur klingelt heute das Telefon nicht. Sie wird zu Nhien fahren müssen, um nach dem Rechten zu sehen und ihre Rechte zu sichern. Doch wer fängt dann zu kochen an? Zu Hause haben sich Tochter Tien und Nichte Thu wohl aus dem Bett erhoben, die Küchenhilfen aus der Nachbarschaft sind möglicherweise auch schon da. Es ist höchste Zeit, das Feuer auf dem Schutthaufen hinter dem Haus zu entfachen, um die großen Meeresschnecken zu garen, die Reissuppe muss angesetzt werden, die Kräuter gehören gewaschen und geputzt, die Muscheln gebürstet, der Kokossud für die Schneckensuppe sollte auf den Herd.
Ihr Wohnraum ist in jeder verfügbaren Ecke zu Küche und Lager umfunktioniert, seit Tam das Restaurant betreibt, und viel Platz hatten sie und ihre Familie schon vorher nicht. Neben Fernseher und Sitzecke stehen Hausaltar und Getränkekisten, ein zweites Zimmer beherbergt Gasherd, Kühlschrank und das Doppelbett, in dem die Kinder schlafen. Im Durchgang zum winzigen Hof, wo Duschen und Toiletten sind, gibt es noch zwei offene Feuerstellen und einen mit Töpfen spärlich gefüllten Küchenschrank. Gewaschen, verlesen, geschnitten, gehobelt, geputzt, zerstampft, verrührt wird alles auf dem blanken Boden. Den ganzen Tag. Mit einer Sorgfalt und einer Präzision, wie sie hierzulande vielleicht in Sternelokalen zu Hause sind. Wenn alles fertig ist, werden Verwandte, Freunde, Freiwillige und bezahlte Helfer, die man nie ganz auseinanderhalten kann, nacheinander unmerklich in der Dusche verschwinden, frisch gekleidet wieder auftauchen und lächeln, als hätten sie einen Tag am Strand verbracht.
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