Gefangen im Bittersee

Auf der Heimreise vom Roten Meer nach Hamburg geraten zwei deutsche Frachter zwischen die Fronten des Sechstagekriegs. Die Schiffe stecken im Sueskanal fest - acht Jahre lang.
Okt 2003, No. 40

Weltkarte

Inhalt mare No. 40

LICHTGESTALTEN
List und Lust am Meer

EISMANN
Ein Kapitän in der Arktis

WALE
Tödlicher Lärm der US-Navy
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5. Juni 1967
Pünktlich um halb sieben in der Frühe lichten 14 Handelsschiffe im ägyptischen Port Suez die Anker, um in nördlicher Richtung ihre Passage durch den Sueskanal anzutreten. An der Spitze des Konvois, der sich aus Schiffen sieben verschiedener Nationen zusammensetzt, fährt die deutsche "Münsterland". Der 10000-Tonnen-Frachter der Hapag unter dem Kommando von Kapitän Karl Hoffmann befindet sich auf der Rückkehr von Australien.

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Die "Münsterland" durchfährt um elf Uhr die lang gestreckte Linkskurve südlich von Kabrit, als Kampfflugzeuge der israelischen Luftwaffe im Tiefflug über den Kanal jagen. Hoffmann ist mit seinem Konvoi in die ersten Angriffe des Sechstagekriegs geraten. Von einer Radiostation im ägyptischen Ismailia erhält Hoffmanns Kanallotse Order, die Frachter im Großen Bittersee anzuhalten. Das Binnengewässer, knapp 100 Kilometer östlich von Kairo, dient entgegenkommenden Konvois als Ausweichstelle; über knapp 30 Kilometer Länge verbindet der See den nördlichen und südlichen Abschnitt des Kanals. Genau 3016 Tage wird er für die Frachter, die sich ihm in der Mittagsglut nähern, ein fest verschlossenes Gefängnis sein.

Autor Jörn Teger

Elmar Hess, Jahrgang 1966, ist freischaffender Künstler und Regisseur. Er lebt in Hamburg und Berlin. weitere Infos

Am frühen Nachmittag rasseln im Bittersee die Anker der "Münsterland" und der 13 anderen Schiffe in die Tiefe. Zum Konvoi gehört noch ein weiterer deutscher Frachter, die "Nordwind", und ein Schiff aus den USA, die "African Glen". Vier Engländer liegen im Wüstensee fest: die "Agapenor", "Melampus", "Scottish Star" und "Port Invercargill"; außerdem die "Killara" und "Nippon" aus Schweden, die französische "Sindh", die polnischen Frachter "Boleslaw Bierut" und "Djakarta", die bulgarische "Vassil Levsky" und die tschechische "Lednice". Im südlichen Teil des Sees, wenige Meilen vom Ufer entfernt, warten die Frachter auf ihre Weiterfahrt.

Zum Stillstand verdammt, verharren die Frachtschiffe in brennender Sonne, die Wüste vor Augen. Ende Juli dürfen 22 der 44 Besatzungsmitglieder sowie die zehn Passagiere der "Münsterland" in ihre Heimat zurückkehren. Im August erfolgt die Ablösung der Restcrew. Kapitän Hoffmann weist die neue Mannschaft ein, bevor auch er nach Hamburg zurückkehrt. Bis zuletzt hat ihm die Kanalbehörde versichert: "Dieser Konvoi kommt noch durch!"

Die Schiffe liegen bereits ein Vierteljahr fest, als Kapitän Jim Starkey auf einer Versammlung an Bord der "Melampus" die "Great Bitter Lake Association" gründet. Hauptziel der Vereinigung: die Freundschaft der Besatzungen und die gegenseitige Hilfe sowie gemeinsame Unternehmungen zu fördern. Als sichtbares Zeichen verankern die Seeleute in der Mitte des Bittersees eine Boje, die entsprechend der Anzahl der Schiffe mit einer "14" versehen ist.

Sommer 1968
Bei den Seeleuten, die halbjährlich ausgetauscht werden, ist der Job im Bittersee nicht unbedingt beliebt. "Aber wenn du das nicht machst, wirst du nie mehr Kapitän", sagt sich Dirk Moldenhauer, als er von der Hapag als Erster Offizier zur "Münsterland" geschickt wird. Moldenhauer, heute Direktor des Hamburg Cruise Center, erinnert sich an sein Arbeitspensum: "Das Schiff musste vor allem gegen das sehr salzhaltige Wasser konserviert werden. Bei Temperaturen um 50 Grad Celsius haben wir das Ladegeschirr eingefettet und den Zustand der Diesel, des Ruders und der Schiffsschraube überprüft. Und einmal im Monat ging's mit Volldampf den See runter, damit die Maschine sich nicht festsetzt."

Die Freizeit verbringt die Crew beim Skatspielen und mit Filmabenden. Ein Vorschlag vom benachbarten Frachter wird begeistert aufgenommen: Die Polen von der "Djakarta" wollen parallel zu den Olympischen Spielen, die gerade in Mexiko stattfinden, Bittersee-Spiele veranstalten. Wettkämpfe in 14 Disziplinen werden vorbereitet, darunter Rudern und Gewichtheben, Schwimmen und Kunstspringen, Tischtennis und Fußball. Verteilt sind die Spiele auf verschiedene Schiffe. Auf der britischen "Port Invercargill" etwa wird ein ganzes Deck für das Fußballturnier mit Netzen abgehängt. Das Gros der Spiele aber findet auf der "Münsterland" statt.

Zur gleichen Zeit donnern täglich Kampfflugzeuge über den Bittersee. "Andauernd gab's Feuergefechte. Zehn bis zwölf Stunden am Tag flogen Granaten übers Schiff", erzählt Moldenhauer. Angst hat er zu dieser Zeit noch nicht. Der Erste Offizier sitzt oft im Liegestuhl an Deck der "Münsterland" und beobachtet, wie sich die verfeindeten Parteien beschießen.

Unter solchen Umständen ist die Versorgung der Schiffe besonders schwierig. Die Lebensmittel müssen per Lastwagen mitten durchs Kriegsgebiet. Von den Containern, die in den Dünen am Bittersee ankommen, sind viele leer - von der ägyptischen Armee geplündert. Die wenigen Güter, die ihr Ziel erreichen, werden von den Schiffscrews in Beibooten zu den Frachtern transportiert.

In ihrer Not greifen die Mannschaften zur Selbsthilfe und bedienen sich an der Fracht. In den Kühlräumen der "Münsterland" etwa lagern Fleisch, Butter und Weintrauben, außerdem fast acht Millionen Eier und mehr als 300 Tonnen Birnen.

Sommer 1969
Die Misere in der Küche ist nicht von Dauer, die Crew lernt schnell. Als Kapitän Jürgen Katzler aus Hamburg das Kommando der "Münsterland" übernimmt, fängt die Mannschaft mit selbst gebauten Körben Langusten und angelt Fisch. Zwischen den 14 Schiffen entwickelt sich ein lebhafter Tauschhandel: Garnelen gegen Hammelkotelett, Rindfleisch gegen Kaninchen, Haifisch gegen Geflügel.

Die "Münsterland" beherbergt mittlerweile die Kirche des Konvois. Allsonntäglich versammeln sich die Seeleute aus Asien, Europa und Amerika an Bord des deutschen Frachters zum Gottesdienst. Bei der Gelegenheit werden Erfahrungen ausgetauscht und Neuankömmlinge vorgestellt. Deutsche, amerikanische, britische und französische Crews verstehen sich nicht nur untereinander, sie pflegen auch beste Kontakte zu Seeleuten aus Polen, Bulgarien oder der Tschechoslowakei. "Wenn es irgendwo einen Maschinenschaden gab", erzählt Kapitän Katzler, "wurde nicht lange gefackelt. Man ging rüber und half."

September 1970
Zur gleichen Zeit trauert Ägypten um seinen verstorbenen Staatsführer Nasser. Der neue Präsident, Anwar al-Sadat, zeigt gegenüber Israel eine ähnliche Haltung wie sein Vorgänger. In einem seiner ersten Interviews äußert Sadat: "Niemand in diesem Land wird auch nur einen Zoll Boden oder ein einziges Sandkorn preisgeben." Für seine Pläne, die von Israel besetzten Gebiete zurückzuerobern, spekuliert Sadat dabei auf die erneute Waffenhilfe der UdSSR.
Textauszug

2 Kommentare

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Baumgart, Heinz
Sonntag, 7. November 2010 um 16:59

Canton/China, 07.11.2010 Momentan bin ich, wie seit Jahren schon dabei, den Sommer in Suedchina zu verlängern. Habe soeben eine in Deutschland aufgezeinete DVD gesehen: Gefangen im Grossen Bittersee. Ich war ii. Ingenieur auf MS Nordwind. Wir Kamen von Indien. Nachdem uns klar war, dass es nicht bald weitergehen wuerde, lud der Kapitaen, Herr Lomer, einige wenige Offiziere zur Lagebesprechung ein. Ein wesentlicher Punkt betraf das Essen. Man beschloss, überwiegend Eintopf zu servieren. So konnte der Koch die Vorraete strecken. Vorbeugen ist beser als unbesorgt weiter zu wirtschaften. Als die Kampfhandlungen noch intensiv waren, gab es ein Telefonat mit Radio Saarbruecken. der Funkoffizier, Herr Muenchinger, konnte das noch abwickeln, denn die Order zum Versiegeln der Funkstation gab es noch nicht. Es fiel der Satz: Wir werden berühmt. Mir gefiel das genau so wenig wie der richtige Spruch des Funkers eineiige Tage vorher waehrend der Luftkampf ueber uns tobte: Meine Herren, wir haben Krieg! Nach einigen Wochen erbarmte sich die Deutsche Welle fuer uns. Regelmaessig sendete man ueber den Rundfunk spezielle Nachrichten an uns. Sogar Angehoerige konnten wir hoeren. Meine Frau erwartete unser erstes Kind in wenigen Wochen. ich hatte das Glueck, sie hoeren zu koennen. Leider konnte ich nicht antworten. So wusste man zu Hause nicht, wie es uns und mir spezell geht. Nach zehn Wochen konnte ich nach Hause. Am Folgetag begann mein zweiter Studienabschitt auf der Staatlichen Schiffsingenierschule in Flensburg. Neun Tage darauf wurde ich aus der Vorlesung gerufen. Gunter, diesen Namen haben wir im Bittersee fuer unseren Sohn beschlossen, kuendigte sich an. Ich hatte das Glueck, ihn bei seiner Ankunft auf dieser Erde begruessen zu koennen. Das war gutes Timing durch Freund Zufall, Glueck oder Schicksa?

amanusa
Sonntag, 28. März 2010 um 18:08

der artikel ist interessant, beleuchtet ein kapitel geschichte, das mir unbekannt war, undimmer wieder zeigt, wie menschen von krieg und kriegshandlungen betroffen sind, obwohl sie nur zur falschen zeit am falschen ort sich befinden. interessant ist außerdem, dass medien zu dieser zeit sehr wenig interesse an diesen schiffen und dem schicksal der crews zeigen.

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