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In heutiger Zeit ist der Ozean im Glas eine Rarität geworden. Selbst auf Flohmärkten sucht man vergeblich danach. Junge Menschen kennen es nur noch aus Erzählungen. Und lässt sich die Gegenwart nicht in erster Linie durch ihre Kraftlosigkeit beschreiben?
Herr Kiupel, Herr Appel und Herr Meusel, drei dynamische Nordlichter, wollen das nun ändern. Das Wellenbecken muss wieder aufleben!, lautet ihre Mission. Michael Kiupel hat aus der Erinnerung ein solches Becken nachgebaut. Im großen Stil. Die herkömmlichen Wellenbecken waren lediglich 40 Zentimeter lang und 20 Zentimeter hoch; das von Herrn Kiupel misst immerhin 1,5 mal 1,1 mal 0,55 Meter. Gefüllt ist es nach altem Rezept mit Wasser und Öl. Genauer gesagt: mit hellblau gefärbtem Wasser und durchsichtigem Petroleum. Wellenbecken leben davon, dass sich Wasser und Öl nicht mischen. Doch durch den blauen Farbstoff aus dem Wasser wurde früher auch das Petroleum bald trüb. Experten nennen das „Ausflockung" - ein Grund, warum die Wellenbecken vom Markt verschwunden sind. Herr Kiupel ist daher sehr stolz auf sein neues „Geheimrezept" dagegen: Mithilfe spezieller Chemikalien hat er den Farbstoff endgültig ans Wasser gebunden.
Im Science-Center Phänomenta, einem Erlebnismuseum für Natur und Technik in Flensburg, kann man Kiupels Werk nun bewundern. Sein Kollege, Herr Meusel, ist mit diesem Teilerfolg allerdings noch lange nicht zufrieden: Er ist Geschäftsführer der Pro-Ostsee GmbH und will das Wellenbecken weiter unters Volk bringen. Unermüdlich zieht er durch die Lande und wirbt für Kiupels Kreation.
Dafür wird der Ozean im Glas womöglich bald Surfschülern gute Dienste leisten. Christoph Appel von der Flensburger Wellenreitschule Surfhouse träumt davon, das Wellenbecken für didaktische Zwecke zu nutzen - sozusagen zum Wellenstudium. In Anfängerkursen unterscheidet Appel zwischen „rollend brechenden Wellen", „hohl brechenden Wellen", „konkaven Wellen" und „konvexen Wellen". Das sei aber lediglich die Basis. Hawaiianer kennen 160 Bezeichnungen für Wellen.
Diese gesamte Vielfalt will er eines Tages in Wellenbecken demonstrieren. Auf dem Boden der Plexiglaskisten müsste er zu diesem Zweck unterschiedliche Formen von Sandbänken nachbauen. „Dann verhalten sich die Wogen wie in der freien Natur", schwärmt Appel. Und Anfänger könnten auf dem Trockenen lernen, wie sie die Kräfte der Natur mit ihrem Brett gezielt nutzen. Für Appels Zwecke müssten die Wellen allerdings langsamer werden: „Petroleum ist zu leicht, es bremst die Ausbreitung der Wellen nicht stark genug", erklärt der Surflehrer.
Vielleicht bietet eine andere Sorte Öl die Lösung? Für ein Revival des magischen Ozeans im Glas wird es jedenfalls höchste Zeit, und es ist eine Freude, mit welcher Leidenschaft Herr Kiupel, Herr Appel und Herr Meusel dafür kämpfen.
Der Preis einer Einzelanfertigung, 5000 Euro, sollte den Kunden nicht schrecken. Immerhin holt er sich den Ozean ins Zimmer. Die Alternative - siehe Goethe - sind existenziellere Risiken.